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Exklusiv: Ein tip-Interview mit Nico von 1982

„Fotomodell, Schauspielerin, Rockmusikerin: Nico, deutsche Femme Fatale, rauscht seit über 20 Jahren (Stand: 1982, Anm. d. Red.) durch die Szenerien des kultischen Abendlandes. Zwischen all den Höhen und Tiefen, die sie durchlebte, blieb eine verletzte Chanteuse zurück.“ So beginnt der Text, den Norbert Wendling 1982 für die West-Ausgabe des tip im Zuge eines Interviews mit Pop-Ikone Nico nach einem ihrer Berlin-Konzerte verfasste.

Heute, am 18. Juli 2018, jährt sich Nicos Todestag zum mittlerweile 30. Mal. Im aktuellen tip pflegt ihre einstiger Liebhaber Lüül seine Erinnerung an die unvergleichliche Christa „Nico“ Päffgen, wozu er nach einem guten Jahr der Abwesenheit mal wieder in den Grunewald rausgefahren ist an das Grab von Nico. Noch dazu hat Redakteur Lars Penning den Geist des am 18.7. in die Kinos kommenden Musikerinnenporträts „Nico, 1988“ eingefangen.

Um nochmal in der Zeit zurückzureisen und Stellung von Nico höchstpersönlich aus dem Jahr 1982 zu beziehen – sechs Jahre vor ihrem viel zu frühen Tod mit 49 Jahren – bitte auf die nachfolgenden Bilder klicken.

Und hier nur das Interview in Textform:

„Eigentlich will ich Opernsängerin werden«

Nach ihrem Berliner Konzert, daß vom studentischen Publikum — wie zu erwarten war — zwiespältig aufgenommen wurde, sprach Norbert Wendling mit Nico.

„Ein Gespräch hat nicht statt gefunden“ lautet der lapidare Einleitungssatz, eines Artikels über Nico im Music-Fachblatt Spex“. So wie diese Kollegin sind auch andere, bei dem Versuch mit Nico mehr als nur drei Takte zu reden, gescheitert. Auch aus diesem Grund strotzen die meisten Beiträge über Nico von ihrer scheinbar allgegenwärtigen. Vergangenheit, Auch, meine Bitte, sie für den TIP zu interviewen, wollte sie abwehren: „Wozu ein Gespräch? Ich habe im Moment nichts zu verkaufen.“ Ihr Berliner Freund, der Musiker Lutz „Lüül“ Ülbrich, der. Nico vor Jahren in Paris. aufgegabelt hat und mit dem sie eine Zeitlang in West- Berlin gelebt und gearbeitet hat, hat sich zu meinem Fürsprecher gemacht. So kam doch noch eine Verabredung zustande. Wir haben uns alle drei am Tag nach ihrem Berliner Konzert in einer drittklassigen Pension in Schöneberg getroffen.

Ein Gespräch mit, Nico kann nicht „normal“ verlaufen. Die_qualvolle und doch kühle Faszination ihrer Musik findet sich auch in ihrer Persönlichkeit und vor allem in ihrer Art zu sprechen wieder. Slow motion mit eingeschobenen Pausen. Mit kühlem Kopf gestellte Fragen müssen erst auf Widerhall inihrer Gedankenwelt treffen. Dann dauert es einige Zeit bis. sie die gefundenen Antworten in die Gegenwart transportiert hat. Sie beschäftigt sich, beim Gespräch auch mit anderen Dingen, findet den gestern verloren geglaubten Füllfederhalter plötzlich wieder.

Lutz ist ihre Gedächtnisstütze, Sie denkt sicher auch an den Stoff, der sie gezeichnet hat, im Gesicht, am Körper, der sie in der Welt hält und gleichzeitig dem Schicksal der von ihr verehrten. Rock-Heroen Janis Joplin, Jim Morrison und Brian Jones immer näher bringt. Ja, ein Gespräch hat stattgefunden.

TIP: Was machst Du eigentlich, wenn Du keine Konzerte gibst?
Nico: Momentan bereite ich mich auf ein Buch vor, das ich diesen Sommer schreiben will. Ich will demnächst ei- gentlich viel mehr schreiben als_äingen. Es soll heißen: „Die Kristallwiege”. Den Titel habe ich von Philippe Garrel geschenkt bekommen. Mit dem habe ich einen Film gemacht, der heißt auch so: ‚Lo beromau eryst Bas ist einer von sieben Fil-men, die ich mit ihm gemacht

TIP: Und worum geht es in dem Buch? Hat die Handlung etwas mit dem Film zu tun?
Nico: Nein, es wird ein Roman. Es geht ur Spiel und Leute, die auf See sind. So ähnlich wie bei Jack London

TIP: Hast Du auch schon mal daran gedacht, eine Autobiografie Zu schreiben?
Nico: Das interessiert mich nicht.

TIP: Das ist schade. Denn in Deinen bisherigen Leben hat ia viel Bewegung drin gesteckt.
Nico: Ich habe ein Leben hinter mir, Eigentlich zwei sogar. In diesem Leben. Die meisten Leus sterben ja, wenn zwanzig sind. Oder siebenundzwanzig höchstens.

TIP: Meinst Du das jetzt geistig oder materiell?
Nico: Na, materiell.

TIP: An wen denkst Du da?
Nico: An wen? An die Sängerinnen und Sänger im besonderen, an Janis zum Beispiel

TIP: Aber Du singst noch weiter?
Nico: Ja, aber eigentlich will ich Opernsängerin werden.

TIP: Ernsthaft?
Nico: Ja wirklich! Das kommt mir alles so albern vor. Ich bin zu alt dazu.

TIP: Für die Rockmusik?
Nico: Ja, um Rock und Roll Musik zu singen, Weil, das Publikum ist mir einfach nicht seriös genug. Jedenfalls hier in Berlin spüre ich das ganz deutlich. Die können ihre Klappe nicht halten, Ich meine, überall, wo ich die immer ganz still Außer In Berlin. Und in Napoli, da war es auch ‚ganz schlimm. Schrecklich.

TIP: Aber zur „Velvet Underground”-Zeit war es doch sicher auch nicht anders. Da wurde im Publikum doch auch Krach gemacht?
Nico: Also das Publikum in ist da irgendwie anders. Die kommen als totale Fans zu den Konzerten, hören ganz genau hin und empfangen den Künstler mit völliger Hingabe. Hier ist das Publikum ziemlich aggressiv, hört nicht genau hin und macht lieber Remmi demmi. Bei sensiblen Stücken ist das natürlich natürlich störend.

TIP: Du hast von Alain Delon einen fast zwanzigjhrigen Sohn, Eriebst Du da sowas wa einen musikalischen Generationskonflikt?
Nico: Nein, der hat den gleichen Musikgeschmack wie ich Der mag auch nur klassische Musik, nur Jazz mag er gar nicht Und das ist meine Lieblingsmusik, Pree Jazz.

TIP: Wenn das Deine Vorliebe ist, warum versuchst Du Dich nicht auf diesem Gebiet?
Nico: Jazz zu singen, geht bei mir nicht so gut. Aber Jazzmusik zu meinen Liedern, das geht sehr gut. Das habe ich in New York ausprobiert mit Saxofon und Klarinett

TIP: Die Sachen, die Du mit „Velvet Underground” nacht hast, sind mit der Wave ja wieder hochgespült worden, Wie fühltest Du Dich als Ur-Mutter dos Punk?
Nico: Mein Verhältnis dazu ist positiv. Wir waren ja eigentlich zwanzig oder mindestens fünfzehn Jahre im voraus, Meine eigene Gegnerin bin ich nicht geworden,

TIP: Dein letztes Album wirkt ja auch sehr zeitgemäß, sehr modern. Hat Dich die heutige Musik eingeholt?
Nico: Die letzte Platte ist mehr avantgardistisch, wie die Platten,die ich davor gemacht habe. Die nächste wird dann mehr Jazz-Elemente enthalten und soll etwas arabisch klingen.

TIP: So wie David Bowies „Lodger“LP?
Nico: Ja, die habe ich oft gehört. Ich wollte auch mal anstatt, „Heroes“ ein Stück von dieser Platte singen: „Look Back In Anger”. Aber dessen Melodie ist nicht so kommerziell.

TIP: Nach weichen Gesichtspunkten wählst Du Dein Fremdmaterial aus?
Nico: Es muß sich schon auf mich beziehen.

TIP:Wie siehst du das bei den Bowie-Stücken?
Nico: „Look back in Anger“ bezieht sich darauf, daß ich meistens „angry“ bin. Zwar ist das bei mir ein stiller Zorn, aber dafür ist er immer da. Bei „Heroes“ geht es darum, daß man schon ein Held sein muß, um alles durchzustehen. Ich singe es auch weil es um Berlin geht. Damit hat es auch etwas mit mir zu tun.

TIP: Kennst Du Bowie persönlich?
Nico: Ja.

TIP: Hat er sich zu Deiner Interpretation von „Heroes” geäußert?
Nico: Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Als ich das letzte Mal zu ihm wollte, hat ihm seine Sekretärin nicht richtig gesagt, wer ich bin. Oder er wa sauer, weil, ich ihn davor nicht sehen wollte. Wenn er sich auch immer nackt auszieht…

TIP: Wie bitte?
Nico: … soll ich mich da auch gleich nackt ausziehen, wenn Herr Bowie das tut?

TIP: Ich habe gehört, daß Du Probleme mit Deiner englischen Plattenfirma hast.
Nico: Ja, der Verkauf von „Drama Of Exile” ist vor Weihnachten gestoppt worden. Es ist nämlich nicht die richtige Platte. Der Mann von Aura Records hat die halbfertigen Bänder gestohlen und herausgebracht. Die rich-tige Version hat meine Produzentin und die soll dann erscheinen, wenn der Prozeß gewonnen ‚ist. Das zieht sich nun schon ein ganzes Jahr hin.

TIP: Fühlst Du Dich nun ausgenommen von solchen Geschäftsleuten?
Nico: Nicht ausgenommen, sondern blockiert. Ich kann ja nichts mehr machen. Ich habe eine ganze Zeit nichts zu verkaufen gehabt.

TIP:Wovon lebst du da?
Nico: Von Tantiemen, von Konzerten. Ich habe weiter Lieder geschrieben. Ich schreibe immer weiter.

TIP: Wann hast Du die Lieder für „Drama“ geschrieben?
Nico: Das ist doch ganz uninteressant. Meine Lieder sind sowieso zeitlos.

TIP: Wie bezieht sich der Album-Titel auf Dich persönlich?
Nico: Er bezieht sich auf mich und andere. Er bezieht sich auf Menschen, die ihre eigenen Fremden sind. Wenn ich zum Beispiel ein Bad nehme, dann ist das so schrecklich, daß ich mindestens drei Tage brauche, um wieder die Alte von vorher zu sein.

TIP: Man fühlt neugeboren.
Nico: Ja, aber das mag ich nicht. Es hat auch nichts mit Sauberkeit zu tun. Man ist sich selber fremd und weiß gar nicht, was man mit sich anstellen soll.

TIP: Wie nun, wenn ich den Titel darauf beziehe, daß Du selbst in eine Art Exil gegangen bist, seitdem Du im Ausland lebst?
Nico: Ich lebe jetzt seit an derthalb Jahren in England. Doch davor habe ich noch zwei bis drei Monate im Jahr in Deutschland verbracht.

TIP: Nun hält Dich wohl nichts mehr hier?
Nico: Das Publikum auf keinen Fall. An diese Art von Publikum kann .ich mich nicht gewöhnen. Ich habe es hier immer sehr schwer gehabt. Ich denke, daß es die Männer in Deutschland leichter haben. In Amerika gibte: da keinen Unterschied.

TIP: Vielleicht liegt es ja am deutschen „Fräuleinwunder”, wenn Du es in den USA leichter hattest?
Nico: So wie bei Marlene Dietrich oder Nina Hagen.

TIP: Du kennst auch Nina?
Nico: Ja, sehr gut sogar.

TIP: Wie habt ihr Euch verstanden?
Nico: Sie war nicht so ganz mit mir einverstanden — in einer gewissen Hinsicht.

TIP: In welcher Hinsicht?
Nico: Darüber möchte ich nichts äußern.

TIP: Hättest Du nicht Lust, mehr auf deutsch zu singen?
Nico: Ich singe ja schon ei nige Sachen in deutsch und für die nächste Platte habe ich auch einiges in deutsch geschrieben. „Abschied” heißt ein Stück zum Beispiel. Aber mehr als zwei davon werde ich nicht nehmen, weil die meisten Leute ja kein Deutsch verstehen.

TIP: Du bringst auf Deinen Konzerten auch das „Lied der Deutschen” mit „allen drei Strophen. In Berlin hat Dich ein Teil des Publikums dafür ausgepfiffen. Warum singst Du das?
Nico: Was ich zu sagen habe, sage ich in meinen Liedern. Ich habe dieses Lied Andreas Baader gewidmet.Diejenigen, die das verstanden haben, haben sogar schon geklatscht. Leider habe ich Baader nie kennengelernt. Ich finde es schade, daß das mit seinen politischen Vorstellungen nicht geklappt hat, denn ich glaube, daß Deutschland wieder faschistisch wird.

 

 

 

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