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Fadhil al-Azzawi: Der Geist? des Orients

In der arabischen Welt gilt der Iraker als wichtiger Kopf, in seiner Wahlheimat Deutschland ist er kaum bekannt: Fadhil al-Azzawi. Das sollte sich jetzt ändern.

Fadhil al-Azzawi: Der Geist? des Orients

Treffpunkt Kottbusser Tor. Es dämmert. Durch die Luft wabert der Geruch von Backwaren, Döner Kebap und Marihuana. Passanten, die hin- und herflitzen. Gestalten, die unter der Hand verbotene Waren feilbieten. Mittendrin im Trubel der Kulturen ein Großraumcafй, das so auch in allen Provinzen der Türkei stehen könnte. Schmuckloses Interieur, die Holztische fein aufgereiht wie die Perlen einer Gebetskette, die Raummitte gähnend leer. Fadhil al-Azzawi hat sich dieses Cafй ausgesucht.
Der irakische Schriftsteller gehört zu den wichtigen Entdeckungen des Bücherherbstes. Schuld daran ist sein Roman „Der Letzte der Engel“. Ein 500 Seiten starkes Werk, das exemplarisch anhand des Abenteurers Hamid Nylon von der großen Hoffnung handelt, das eigene Land aus fortdauernder Kriegstreiberei und Unterdrückung zu befreien, und das exakt dort spielt, wo al-Azzawi geboren wurde: in Kirkuk. Warum ausgerechnet diese nordirakische Stadt? „Ich brauchte ein weites Panorama mit vielen ethnischen und religiösen Gruppierungen, das den Geist des ganzen Orients widerspiegelt“, sagt er. „Und das war nur in Kirkuk möglich.“
Bedeutsam und brisant ist das deshalb, weil Kirkuk einer der zentralen Brennpunkte des gegenwärtigen Machtkampfes mit dem IS (Islamischer Staat) ist. Aber die Geschichte des Buches spielt in den 1950er- und 1960er-Jahren, als noch die Engländer im Irak den Ton angaben und das Erdöl kontrollierten. Der Grund dafür: Der Roman, der erst jetzt seinen Siegeszug durch Deutschland antritt und in den USA vor Jahren eine Riesenauflage feiern konnte, wurde bereits Ende der 80er geschrieben und 1992 in Beirut auf Arabisch publiziert.
Al-Azzawi, von recht kleiner Statur und mit markanter Ledermütze а la Ernst Thälmann, erzählt von seiner Zeit im Gefängnis in den 60er-Jahren in Bagdad, von den Gräueltaten Saddam Husseins, von seiner Flucht aus dem von Kriegen zermürbten Heimatland und von der Konzeptlosigkeit der Amerikaner nach dem Golfkrieg: „Sie brachten die religiösen Leute an die Macht. Hunderttausende wurden ermordet, Millionen verließen das Land. Wir Iraker wollten, dass die Diktatur kaputt gemacht wird, aber nicht das ganze Land.“
Der inzwischen über 70-Jährige kam 1977 nach Leipzig, wo er promovierte. Keine einfache Zeit, denn auch die DDR wollte eigentlich nur eins: den unbeugsamen Schriftsteller loswerden. Al-Azzawi kämpfte sich durch, ging als Auslandskorrespondent nach Berlin, gründete eine Familie, wurde als Lyriker, aber auch als Redakteur einer der geistigen Köpfe der arabischen Welt und lebt heute mit seiner Frau in Lichtenberg. Den Irak hat er nur einmal wiedergesehen, 2000, als er auf Einladung der Kurden beim Literaturfestival in Erbil auftrat.
Al-Azzawi nimmt seine Kaffeetasse und setzt zu einem letzten Schluck an. Anders als die Figuren seines Romans gibt er sich keinen Illusionen hin. „Der Irak lebt im Chaos seit 50 Jahren. Das Land ist ohne Regierung, taumelt dahin und hat dem IS fast nichts entgegenzusetzen. Die Kämpfe werden lang und bitter sein.“
Und dennoch sieht er ein kleines Licht brennen am fernen Horizont. „Im Orient, wo die großen Kulturen und die drei Weltreligionen vor Tausenden von Jahren entstanden, kann auch heute noch ein Wunder geschehen. Die Welle des Fanatismus und Terrors wird nicht ewig dauern. Ich weiß, die Leute wollen wie alle Menschen in der Welt leben: modern und mit Würde.“

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Fadhil al-Azzawi

Der Letzte ?der Engel
von Fadhil al-Azzawi, ?Deutsch von Larissa Bender, Dörlemann Verlag, 507 S., 24,90 Ђ

?LESUNG (mit Thomas Lehr):
Literaturhaus Berlin, ?Di 28.10., 20 Uhr

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