Kommentar

„Fallada ­— wieder besucht“ von Lutz Göllner

Schüler sind ja oft noch ’n Happen dämlich. Als ich im Deutschunterricht „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada lesen musste, war ich wenig begeistert.

Lutz Göllner

Die Liebesgeschichte zwischen Pinneberg und seinem „Lämmchen“ fand ich kitschig, dieses ganze Spießbürgerzeugs ging mir auf den Zeiger. Und dann gab es da diese Indifferenz gegenüber den Nationalsozialisten.
Zugegeben: Später änderte sich meine Haltung Fallada gegenüber (spätestens mit der Hymne, die Jörg Fauser im „tip“ über Fallada veröffentlicht hat), aber den „Kleinen Mann“ habe ich auch mit spitzen Fingern nicht mehr angefasst. Bis mir jetzt die neue, ungekürzte Version vom Aufbau-Verlag in die Hände fiel und ich merkte, was für ein arroganter, dummer Junge ich gewesen bin.
Denn die alte Fassung, die nach dem Krieg als erster Band in der Reihe Rowohlts Rotations Romane (rororo) erschienen ist, kann man bestenfalls als Fragment bezeichnen. So gibt es in der ungekürzten Fassung ein komplettes Kapitel über das Berliner Nachtleben mit durchaus erotischen Bezügen, aus einem harmlosen, betrunkenen Fußballfan wurde wieder der aggresive SA-Mann und Pinnebergs Meinung über Juden („Feine Kerls sind das…“) war durch Kürzung in ihr Gegenteil verkehrt worden. Vor allen Dingen ist „Kleiner Mann – was nun?“ jetzt einer der schönsten Berlin-Romane aller Zeiten, warmherzig und humorvoll. Aber vielleicht immer noch nichts für Schüler?

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