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22 Lesungen in Berliner Schulen

miriam_frankovic„Wenn man liest, fühlt man sich nicht mehr so allein“, sagt ein Mädchen einmal auf meine Frage nach dem Sinn des Lesens. 22 Lesungen aus meinem Kinderbuch „Der große Boxer und der Kunsträuber“ haben mich in der ersten Jahreshälfte 2011 quer durch Berlin geführt. Im Buch reist die elfjährige Kira mit ihrem Vater und ihren Freunden, dem Internet entsprungenen Tieren, nach Krakau, um sich dort im Museum die „Dame mit Hermelin“ von Leonardo da Vinci anzusehen. Doch plötzlich ist der Hermelin von dem Gemälde verschwunden und niemand weiß, wohin. Eine spannende Verfolgungsjagd beginnt. Kinderwelt trifft auf Klassenzimmer. Fantasie auf Wirklichkeit. Was mich erwartet, wusste ich zu Beginn meiner Lesereihe nicht. Das vielfältige, meist positive Echo hat mich angenehm überrascht. Wenn hinten links ein Glucksen beginnt, sich als Kichern in der Mitte fortsetzt und vorn in offenes Lachen übergeht, sind mein Känguru, der „große Boxer“ und seine Kumpanen in der wirklichen Welt angekommen. Oder die Kinder in der Bücherwelt.In der irrigen Annahme, dass das größte Interesse an Lesungen in den wohlhabenderen Stadtteilen bestünde, musste ich mich eines Besseren belehren lassen.

Denn die meisten Lesungen hatte ich in Neukölln, wo oft 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben. Dort wird Leseförderung nämlich ganz groß geschrieben. Ebenso in Friedrichshain, wo eine Lehrerin ihre Schüler dazu gebracht hat, den Mitschülern einmal pro Woche ein gelesenes Buch vorzustellen. Die Kinder, derart animiert, lesen tatsächlich mehr. Und hören konzentrierter zu. In Neukölln zieht sich ein Drittklässler zu Beginn der Lesung seine Kapuze über den Kopf und erklärt: „Dann sieht keiner, dass ich Deutscher bin.“ Während an dieser Schule schon vor der Lesung einige Kinder – anscheinend wegen Tuschelns – von einer Lehrerin des Saals verwiesen werden, werde ich an einer anderen Neuköllner Schule mit einer im Chor geprobten Begrüßung empfangen, woraufhin konzentriertes Zuhören folgt. Oft erwarten die Kinder mich gespannt mit Fragen, beispielsweise der, ob man als Schriftstellerin überhaupt zur Schule gehen müsse oder ob ich mein Buch jedes Mal neu schreiben müsse, wenn eins verkauft wurde. „Kann man als Autorin auch mit der S-Bahn nach Hause fahren?“, fragt ein Mädchen. Überhaupt hat es den Anschein, dass man in den Augen der Kinder als „echte Schriftstellerin“ entweder verstorben oder zwangsläufig ein Star sein muss. Nach jeder Lesung verlose ich mein Buch als Hauptpreis. Einmal zieht die kleine Na­thalie, die abseits und isoliert von den anderen sitzt, das große Los. Sie sieht angespannt aus, gequält. Wundersam zu beobachten, wie ihre vorher so gequälte Miene sich dann in ein einziges Strahlen verwandelt. Nathalie bittet schüchtern um ein Auto­gramm, stellt sich hinter den anderen an, die meine Unterschrift auf ihren kleinen Handge­lenken verewigt haben möchten, auf selbstgemalten Bildern oder Autogrammkarten.

Meistens gelingt es meinem Känguru, die Aufmerksamkeit der Kinder zu erlangen, auch in einer Förderschule, darunter viele mit vermeintlichem Aufmerksamkeitsdefizit­syndrom. Ein türkisches Mädchen mit wissbegierig leuchtenden Augen will ihr Handy während der Lesung partout nicht ausmachen und legt sich mit ihrer Lehrerin an. Die Lehrerin gewinnt. Das Mädchen greift als Ersatz nach der Hand ihrer deutschen Mitschülerin und lässt sie bis zum Ende der Lesung nicht mehr los. Nähe- und Haltsuche in der Lernanstalt Schule. Andere Schüler vergraben ihre Köpfe in den Händen und legen die Köpfe auf ihrem Pult ab. Hören sie zu? Träumen sie? Bei meiner Fragerunde zeigt sich, dass die Kinder sehr wohl bei der Sache waren. „Sogar die Problemkinder haben gebannt zugehört“, sagt zum Beispiel die stellvertretende Schulleiterin einer Schule in Friedrichshain. Problemkinder deshalb, weil der Großteil der Eltern, teils noch russischer Abstammung, keine Zeit oder Lust hat, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, und viele Kinder in der Schule eine Zuflucht sehen. In der Wirklichkeit lärmt es. Aber manchmal ist es darin auch sehr still, und die Wirklichkeit verschmilzt mit der Kinderwelt in einem magischen Moment zu einem großen Ganzen. Am Ende bleiben einzelne Szenen haften. Eine Erstklässlerin, die mir ihr Lederarmband mit dem selbstgebastelten Stern schenkt – als Glücksbringer. Der warme Blick einer Lehrerin, die sich ihr Lächeln bewahrt hat. Die meerblauen Augen einer Achtjährigen, die mich anstrahlt, als gäbe es kein Gestern und Morgen. Ein Mädchen, das sich nicht mehr so allein fühlt, wenn es liest.

Miriam Frankovic,
geboren in Lübeck, lebt in Berlin und schreibt Drehbücher, Kinderbücher und Romane.
Kürzlich ist beim Shaker Media Verlag ihr neuer Roman „Einwegmänner“ erschienen. Die Autorin im Netz:
www.miriam-frankovic.com

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