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Neues Kindermuseum

Eröffnung von „Anoha“: Das Jüdische Museum Berlin lädt Kinder auf die Arche Noah ein

Ein riesiges Schiff hat in Kreuzberg angelegt. Ein Schiff, das neu ist und zugleich doch alt. Ein Schiff, dessen Namen jedes Kind kennt, egal ob es religiös erzogen wurde oder nicht. Ein Schiff, das Arche Noah heißt. Dieser zu „Anoha“ verwurstelte Name prangt über der neuen Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin, die vis-à-vis der Institution auf der anderen Seite der Lindenstraße liegt, umschlungen von einem Betonkubus, über den es an anderer Stelle noch etwas zu sagen gibt. Bereits im Mai 2020 sollte „Anoha“ eröffnen. „Alles war startklar“, heißt es von einem Pressesprecher. Doch dann kam Corona. Die Öffnung wurde verschoben. Nun kann sie endlich nachgeholt werden: Ab Sonntag, den 27. Juni 2021, dürfen Kinder gemeinsam mit ihren Eltern – und nur so – den Ort entdecken. Und was für einen!

Döst im neuen Kindermuseum „Anoha“: Ein fantasievoll aus Recyclingmaterialien gebautes Faultier. Foto: Max Müller

„Anoha“: Ein Indoorspielplatz, auf dem Kindern wichtige Werte vermittelt werden

Die Ausstellung wird – durch eine für jüdische Einrichtungen obligatorische – Sicherheitsschleuse betreten. Pfotenabdrücke auf dem Boden, Röntgenbilder verschiedener Tierarten und ein von den „Beiratskindern“, die dem Museumsteam in den vergangenen Jahren bei der Konzeption des Hauses berieten, erstellter Film sollen Familien die Wartezeit verkürzen.

Wer das Foyer einmal durchschritten hat, wird anschließend sofort in die biblische Erzählung gesogen. Peitschender Regen und sich auftürmende Wellen, die mittels Beamer an die Wand projiziert werden, regelmäßiges Donnergrollen und durch Kontaktplatten ausgelöste Blitze begleiten das Durchschreiten eines langen, abgedunkelten Korridors. Die biblische Sintflut, sie wirkt tatsächlich bedrohlich.

Die biblische Sintflut, sie wirkt auch im Museum bedrohlich. Foto: Max Müller

Doch es gibt ein Licht am Ende des Korridors. Und dieses Licht heißt Arche Noah. Das rettende Schiff, das man nun sieht, ist wirklich beeindruckend. Mehrere Meter hoch steht es inmitten einer noch größeren Halle. Und: Die Arche des Jüdischen Museums Berlin ist rund. Bei der Form hat sich das Kuratorenteam rund um Museumsleiterin Ane Kleine-Engel von neuesten Erkenntnissen der Bibelarchäologie inspirieren lassen. „In einem vor nicht allzu langer Zeit entdeckten mesopotamischen Text wird die Arche als rund und würfelförmig beschrieben“, erklärt Kleine-Engel, die der Form etwas abgewinnen kann. „Ende und Neuanfang gehen nahtlos ineinander über“, erklärt sie die Symbolik.

Mehr als 150 fantasievoll gestaltete Tierfiguren

Das Herz dieser neuen Kinderwelt mag die Arche sein. Doch es sind die überall in und um das Schiff verteilten Tiere, die die jungen Besucherinnen und Besucher wahrhaft in ihren Bann ziehen dürften. Mehr als 150 dieser fantasievollen und aus Recyclingmaterialien hergestellten Tierskulpturen verteilen sich auf der 2700 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche.

Da gibt es ein riesiges Faultier, das gemütlich in einer Ecke döst, einen Eisbären, der mittels eines Seilzugs auf die Arche gehievt werden kann, und eine an der Decke hängende Schlange, auf die die Kinder hinaufklettern können. Neben diesen Riesen finden sich jedoch auch viele Zwerge, selbst kleine Mäuse, die man hochheben und durch die Kinderwelt tragen kann. „Alles, was die Kinder berühren können, dürfen sie auch bewegen“, unterstreicht Kleine-Engel und fügt hinzu: „Die Tora, die jüdische Bibel, verrät uns nicht, was an Bord passiert.“ Die Besucher können diese Leerstelle mit ihrer Fantasie füllen.

Auch im Museum „Anoha“ der „King of the Swingers Chords“: Ein am Seil hängender Orangutan. Foto: Max Müller

Die Arche Noah gleicht einem riesigen Indoor-Spielplatz. Nur, dass es auf diesem nicht nur um Spaß geht, sondern auch um Pädagogik. „Viele Kindermuseen fokussieren MINT-Themen, unser Alleinstellungsmerkmal ist die Wertevermittlung“, erklärt Kleine-Engel. Es gibt drei Säulen: Klimaschutz und Biodiversität, Nachdenken über Gott und die Welt sowie Rassismus- und Antisemitismusprävention.

Subtile Wertevermittlung mittels Workshops in „Anoha“

Die Vermittlung erfolgt eher subtil, beim gemeinsamen Spielen. Die Arche, so erklärt es Kleine-Engel, ist die Einladung von Gott an die Menschen über Missstände zu sprechen, also folglich auch eine Einladung zum Dialog. Intensiviert wird die Vermittlung in Workshops, die in gesonderten Räumen stattfinden. Der Nachhaltigkeitsgedanke wird bereits in der Architektur sichtbar. „Wir haben eine sensationelle CO2-Bilanz“, sagt Kleine-Engel und verweist auf die vielen klimafreundlichen und nachhaltigen Ressourcen, die verwendet wurden.

Beeindruckende Architektur der Olson Kundig Architekten. Foto: Max Müller

Sensationell ist, und das könnten viele Kinder überhaupt nicht mitbekommen, die einzigartige Architektur des Hauses, die von den Olson Kundig Architekten kreiert wurde. Sichtbar wird diese im Herzen der Arche, deren Mitte bewusst leergelassen wurde. Hier öffnet sich der Blick nach oben, auf die brutalistisch erscheinende Betondecke der W. M. Blumenthal Akademie, die fantastisch mit den abgerundeten Holzlatten der Arche kongruiert und eine außergewöhnlich spannende Akustik bereithält. Wie gerne würde man dort Vorträgen lauschen!

Bald können sich Kinder ihre eigenen Archen bauen, die sie anschließend in einem Sintflut-Simulator testen können. Foto: Max Müller

Eröffnung von „Anoha“ verzögerte sich mehr als ein Jahr

Die Kernzielgruppe sind Kinder im Kita- und Grundschulalter, irgendwo zwischen drei und zwölf Jahren. Für die Kleinsten gibt es ein Bällebad, für die größten einen Sintflut-Simulator, der gleichzeitig als Bootsstrecke dient, auf der man selbstgebaute Archen auf eine ungewisse Reise schicken kann. Werden sie ihr Ziel erreichen? Das Jüdische Museum indes hat sein Ziel bereits erreicht. Nach mehr als einem entbehrungsreichen Jahr darf die Ausstellung endlich eröffnen. „Anoha“ ist eine schöne Bereicherung für die Berliner Museumslandschaft.

  • Anoha – Kinderwelt im Jüdischen Museum Berlin in der W. M. Blumenthal Akademie, Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 1, Kreuzberg, Sbd., So. + Feiertag 10.30–16 Uhr, Eintritt frei, Zeitfenstertickets müssen vorab im Ticketshop erworben werden (ab dem 23.06.21), mehr Informationen und Tickets hier
Aus einem alten Tresen, einer Spendenbox und Sperrholz entstand dieser Krake. Foto: Max Müller

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Das Jüdische Museum Berlin hat mit Hetty Berg seit April 2020 eine neue Leiterin. Nach fünfjähriger Planungsphase wurde am 23. August 2020 die neue Dauerausstellung eröffnet. Wir haben sie uns angeschaut. Das Jüdische Museum Berlin steht für außergewöhnliche Architektur. Den Neubau des Stammhauses entwarf Daniel Libeskind, nur einer von vielen berühmten Architekten, die Berlin nach dem Mauerfall geprägt haben. Wir haben immer aktuelle Tipps zu Kunst in Berlin: Ausstellungen, die ihr sehen solltet. Wenn ihr mit den Kleinen unterwegs seid: Unsere Empfehlungen für Familien.

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