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Aus dem Kinderzimmer, in die Natur

wildnispaedagogik„Iiih, schmeckt das eklig“, sagt Julina und verzieht das Gesicht. Das soeben vom Waldboden gepflückte Scharbockskraut ist nicht ihr Fall. Auch Oskar ist alles andere als begeistert. „Sterbe ich jetzt davon?“, fragt er. Mit Schokoladeneis sind die kleinen Blätter wirklich nicht zu vergleichen. Aber gleich davon sterben, das werden Julina, Oskar und die anderen Jungs und Mädchen, die hier im Grunewald herumstromern, keineswegs. Stattdessen liefere die Pflanze dem Körper wichtiges Vitamin C, erklärt Regina Höfele. Die gelernte Landschaftsplanerin und Umweltpädagogin leitet seit zehn Jahren Kurse für Kinder, die etwas über das Überleben in der Natur erfahren wollen. Ganz so hart wie beim Survival-Guru Rüdiger Nehberg, der schon mal Wildschweine mit bloßen Händen fängt, wird es bei ihrer „Wildnisspur“ aber nicht.

Und auch den Ansatz der hierzulande Ende der 90er-Jahre aufgekommenen Wildnispädagogik, die sich an Traditionen und Lebensweisen der indigenen Völker orientiert, weicht Höfele etwas auf: „Bei mir geht es eher schlicht darum: Wie komme ich klar, wenn es keinen Laden um die Ecke gibt?“, sagt sie. Gleichwohl dient auch diese Frage als Einfallstor für das sinnliche Erleben von Flora und Fauna. Im Wald verirrt und nichts zu trinken dabei? Dann hilft zum Beispiel ein über einen belaubten Ast gestülpter Plastikbeutel, in dem sich über die Atmung der Blätter ausgeschiedenes Kondenswasser sammelt. Und der Moosbewuchs an den Bäumen weist die Himmelsrichtung. Die Schar kleiner Überlebenskünstler interpretiert und diskutiert. Als man sich einig ist, geht es in Richtung Norden. Unterwegs werden ein Rehlagerplatz und die Überreste eines Eichhörnchenfrühstücks inspiziert. Jeder darf sich eine übrig gebliebene Kiefernzapfenschuppe als Glücksbringer mitnehmen.

Doch auch der marschfreudigste Survivalist muss irgendwann einmal ruhen. Schön wäre es, hierfür ein Dach über dem Kopf zu haben. Solcherlei taucht mitten im Wald eher selten auf. Eigeninitiative ist gefragt. Doch wie baut man sich einen Unterschlupf, wenn der Werkzeugkasten zu Hause herumsteht? Eine Anleitung in Sachen Wildnis-Architektur gibt es bei Regina: Eine Astgabel bildet den Stütz-, ein weiterer Ast den Dachbalken, an dem sich nun Schrägwände aus herumliegendem Gehölz hochziehen lassen – ganz ohne Hammer und Nägel. Spätestens jetzt zeigt sich, dass die Kinder in solchen Kursen auch etwas über das Miteinander lernen. Denn wichtige Fragen sind zu klären: Wer liefert das Material, wer verarbeitet es? „Hätten wir Scharniere dabei, dann könnten wir noch eine Tür einbauen“, meint Ninus. Lotte reicht ihm zum Trost gesalzene Pistazien, die sie von daheim mitgebracht hat. Ein kleines bisschen Luxus muss allen Survival-Lehren zum Trotz dann doch sein. Im Wald wachsen schließlich nur so Sachen wie Scharbockskraut.

Text: Roy Fabian

Foto: Meike Gronau

 

Wildnisspur Survivalkurse und Wildnistrainings von Regina Höfele, u.a. mit Hütten­bauen, Schnitzen, Feuermachen, für Kinder von 8–12. Orte: Ökowerk im Grunewald, Teufelssee­chaussee 22 und Natur-Park Schöneberger Südgelände, S-Bhf. Priesterweg. Drei Stunden für bis zu 10 Kinder: 110 Ђ. Längere Kurse am Wochenende, Schulklassen nach Vereinbarung. Infos: Tel. 33 02 96 36, [email protected]

Blattwerk Naturpädagogik Berlin Vermittlung u.a. von Kenntnissen, wie man sich in der Natur tarnt oder auch „Waldschlafsäcke“ herrichtet. Für Geburtstagskinder und Klassen an individuellen Orten. Kosten 3 Stunden für bis zu 10 Kinder für ca. 100 Ђ. Infos: Lara Jahnke, Tel. 0163-811 23 15, www.blattwerk-natur.de

Wildnisschule Wildniswissen Erlebnisorientiertes Natur-Vermitteln. Camp „Stadtfüchse“: Natursportpark Blankenfelde, 25.–29.7., für Berliner Kinder von 7–12. Kosten 99 Ђ p.P. Auch möglich: ein- oder mehrtägige Kurse für Klassen. Infos: Ingmar Vogel, Tel. 0151-20 78 25 05, www.wildniswissen.de

Waldschule Zehlendorf Suche nach essbaren Pflanzen, Holz-Tipi im Selbstbau. Nächster Kurs zur „Langen Nacht der Familien“ am 14.5 für Kinder ab 8. Kosten 5 Ђ für Kinder, 10 Ђ für Erwachsene, 20 Ђ für Familien. Voranmeldung erwünscht. Weitere Termine für Geburtstage und Schulklassen möglich. Infos:
Tel. 804 95 180 www.jibw.de

BUNDjugend Brandenburg Ort: Naturerlebnishof Uferloos, Kienitz an der Oder. Sommercamp: 10.-17.7. für Kinder von 10–14, Kosten 150 Ђ/120 Ђ p.P.; Herbstcamp: 2.–9.10. für Kinder/Jugendliche von 12–16, Kosten 120 Ђ/100 Ђ p.P. Infos: Tel. 0331-95 119 71, www.bundjugend-brandenburg.de

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