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Corona: Schule zu, Eltern ratlos: Werden wir jetzt alle Quereinsteiger-Lehrer?

Wegen der Corona-Krise hat Berlin alle Schulen geschlossen: bis nach den Osterferien. Müssen jetzt die ohnehin gestressten Eltern noch als Ersatzlehrer fungieren? Wir haben beim Bildungsforscher Jörg Ramseger nachgefragt. Er war bis 2016 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Schulentwicklungsforschung in der Grundschule an der Freien Universität Berlin.

Corona: Schule fällt aus, eine Mutter mit ihrer Tochter in Berlin. Werden nun alle zu Lehrern?
Corona – und die Schule ist dicht. Werden jetzt Eltern notgedrungen zu Lehrern? Und wie gehen sie am besten mit der Situation um? Foto: Imago/Gora

tip: Herr Professor Ramseger, werden wir Eltern jetzt alle Quereinsteiger-Lehrer?

Jörg Ramseger: Ich hoffe nicht! Denn die Quereinsteiger sind ja als langfristige Aushilfskräfte vorgesehen, die die professionellen Lehrkräfte auf Dauer ersetzen sollen, während wir doch im Stillen noch hoffen, dass die Corona-Krise nicht länger als ein Jahr dauern wird.

Auch handelt es sich bei der Corona-Krise um ein unvorhersehbares Sonderereignis, das hier niemand zu verantworten hat, während der Lehrermangel in den Schulen lange Jahre vorhersehbar war und durch unzulängliche Personalplanung bedingt ist.

tip: Brauchen die Eltern jetzt einen Crashkurs in Pädagogik?

Jörg Ramseger: Nein! Die Eltern sollen die Lehrkräfte nicht ersetzen, sondern vor allem authentische Eltern bleiben, die ihren Kindern in jeder Situation beistehen – egal was geschieht. Aber es wäre günstig, wenn alle Eltern jetzt erst recht jene Fehler vermeiden würden, die auch schon beim normalen Schulbetrieb die Lernfähigkeit der Kinder zerstören: ständiger Leistungsdruck, ständiges Gieren nach guten Noten, Belohnungen für gute Leistungen – was ja mit einem Vorenthalten von Belohnungen für schlechtere Leistungen einhergeht- , Unterordnung des ganzen Lebens der Kinder unter die Erwartungen der Eltern und deren Streben nach guten Schulleistungen und hohen Abschlüssen.

Spielen Sie nicht den Hilfslehrer!, rät der Pädagoge

tip: Welche Ratschläge hätten Sie an Eltern? Drei Dinge, die diese jetzt unbedingt beachten sollten?

Jörg Ramseger: Erstes: Bleiben Sie vor allem Partner beziehungsweise Partnerin des Kindes, Vater und Mutter!  Und lassen Sie die Kinder Kinder sein! Wenn Sie im Home-Office arbeiten müssen bzw. dürfen, stellen Sie einen Zeitplan auf, wann Sie ganz und gar für Ihr Kind und gar nicht für Ihre Firma da sind, und schalten Sie für diese Zeiten alle Kommunikationsgeräte aus.

Zweitens: Verdeutlichen Sie Ihrem Kind, dass es jetzt keine Ferien hat, sondern nur nicht zur Schule darf. Führen Sie eine tägliche „Lernzeit“ ein. Das Kind sollte im Grundschulalter wenigstens zweimal am Tag 30 Minuten „schulnah“ arbeiten, auf der Sekundarstufe auch mehrere Stunden täglich: konzentriert Aufgaben erledigen, die es sich auch selber stellen und aussuchen kann, wenn die Lehrkraft keine schickt. Fragen Sie aber zuerst die Lehrkraft Ihres Kindes, was diese zu tun vorschlägt und was Sie als Eltern lassen sollten!

Drittens: Versuchen Sie, gelassen zu bleiben und Ihre eigenen Ängste zu unterdrücken und nicht unbewusst auf das Kind zu übertragen. Machen Sie sich klar, dass auch früher schon Kinder durch Unfall oder Krankheit bisweilen ein ganzes Schuljahr versäumt haben und dennoch alles im Leben Bedeutsame gelernt haben und etwas geworden sind – dann halt ein Jahr später. Was macht das schon, auf’s Leben gesehen? Im Verhältnis zu den Kindern in den Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern dieser Welt geht es unseren Kindern auch bei geschlossenen Schulhäusern doch immer noch fabelhaft.

tip: Und welche drei Dinge sollten Eltern jetzt tunlichst unterlassen?

Jörg Ramseger:
Ganz wichtig: Spielen Sie nicht den Hilfslehrer, der jetzt daheim alles schaffen muss, was ansonsten Auftrag der öffentlichen Schule wäre. Das schaffen Sie ohnedies nicht. Es ist auch nicht nötig. Die Kinder werden schon nachholen, was sie jetzt in der Schule versäumen – sie versäumen es ja mit ihren Klassenkameraden alle zugleich. Die Lehrkräfte werden im nächsten Schuljahr schon darauf eingehen.

Außerdem: Beginnen Sie keinen Familienkrieg, wenn die Kinder in Ihren Augen nicht genug schaffen. Freuen Sie sich über kleine Fortschritte, glauben Sie nicht, die Kinder müssten alles sofort perfekt können. Lernen ist ein Prozess schrittweiser Vervollkommnung, der sich immer und in allen Lernbereichen über Jahre erstreckt und immer mit unvollkommenen Zwischenprodukten einhergeht. Bei Ihnen war es auch so!

Wenn also Kinder bei ihren ersten Schreibversuchen noch alles falsch machen, zum Beispiel „Fata“ statt „Vater“ schreiben, geben Sie eine ermutigende Rückmeldung: „Das hast du schon richtig erkannt! Ich konnte das lesen. Die Erwachsenen schreiben es allerdings so: …“.

Streichen Sie nicht die Fehler an, sondern heben Sie das Gelungene hervor und korrigieren Sie behutsam nur das, was das Kind schon begreifen kann. Glauben Sie nicht, das nächste Schuljahr jetzt gleich mit erledigen zu müssen oder zu können.

Und zuletzt: Kommen Sie nicht auf die Idee, das schulnahe Arbeiten Ihres Kindes mit Belohnungen zu koppeln oder gar private „Noten“ zu vergeben. Erfolgreiches Lernen braucht Würdigung, Wertschätzung und ehrliche Werkkritik, aber weder Gummibärchen noch zusätzliche Fernsehzeiten. Die Kinder sollen nicht um irgendwelcher Belohnungen willen, sondern aus Interesse an den Dingen und für den eigenen Fortschritt lernen. Für die Vergabe von Noten fehlt den Eltern auch jeglicher Vergleichsmaßstab. Im Übrigen sind Schulnoten ja immer auch ein Spiegel der Unterrichtsqualität. Die Eltern würden sich also nur selbst benoten.

Dr. Jörg Ramseger war bis 2016 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Schulentwicklungsforschung in der Grundschule an der Freien Universität Berlin. Er ist Fachberater für Schulqualität im Grundschulverband e.V. in Frankfurt am Main und Berater mehrerer Bildungsstiftungen.

Auf der Homepage vom Grundschulverband gibt es weitere Ratschläge. Alle aktuellen Entwicklungen in unserem Corona-Berlin-Blog. Auch eine Option: Gemeinsam Basteln: Ideen für leere Klopapierrollen.

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