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Das Weite Theater in Berlin Lichtenberg

Das_Weite-TheaterNach der Wende war Pioniergeist gefragt. Der Senat hatte das Staatliche Puppentheater Berlin an der Greifswalder Straße samt Ensemble abgewickelt, jetzt standen sechs übrig gebliebene Diplom-Puppenspieler mit fertigen Inszenierungen im Koffer vor einer ungewissen Zukunft. „Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und einen Verein gegründet“, erzählt Irene Winter, die damals zu den Aufbruchsbereiten zählte. Ihr Freundeskreis Das Weite Theater e.V. beantragte nicht nur erfolgreich eine Reihe von ABM-Stellen, sondern fand 1992 auch eine neue Bleibe – in Hellersdorf. Genauer: in den Räumen einer ehemaligen Club-Gaststätte, wo verwaiste Spielautomaten standen und künstliches Weinlaub die Wände zierte. Aber viel Platz gab es. Und bald auch eine selbst gezimmerte Bühne.

Dieses erste Weite Theater wurde ein Renner im abgelegenen Kiez. Das lebendige Miteinander von Puppen und Menschen jenseits des Guckkastens ist noch heute stilprägend. Wobei in den 90ern viele Produktionen unter Mitwirkung von Künstlern entstanden, die später große Karrieren machen sollten. Der „Sonnenallee“-Star Ale­xander Scheer spielte Irene Winters Sohn in einer „Kleider machen Leute“-Adaption. Der heutige Gorki-Intendant Armin Petras führte Regie bei einer Stückserie unter dem Titel Mythen des Alltags. Der Filmemacher und Opernregisseur Philipp Stölzl brachte das Musical „Benzin“ auf die Bühne – die Geschichte einer Tankstelle im Harz.

Die Jugendlichen rannten ihnen die Bude ein, Hellersdorf war ein junger Kiez, das Durchschnittsalter lag bei 27, erzählt Winter. Aber irgendwann läuft auch die schönste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus, der Bezirk geriet in Geldnöte und verlangte hohe Mieten, Künstler gingen ihrer Wege in alle Welt. Übrig blieben Irene Winter und ihr Kompagnon Torsten Gesser. Aber die gaben nicht auf.
Seit 2003 ist das Weite Theater nun an der Parkaue in Lichtenberg beheimatet, in einem charmant renovierten 100-Plätze-Saal der Ernst-Busch-Schule, Abteilung Puppenspiel. Der ehemalige Schulleiter Hartmut Lorenz hatte ihnen den Raum vermittelt. Er war es auch, der Irene Winter bei einer Amateur-Aufführung überhaupt fürs Puppenspiel entdeckte. Andernfalls wäre die Theaterleiterin vielleicht Facharbeiterin für Datenverarbeitung an der Humboldt-Universität geblieben. Heute sagt sie über ihre Kunst: „Totes Material lebendig zu machen, darin liegt eine Faszination, die einen nicht mehr loslässt.“

Im Weiten Theater lassen sich Kinder und Erwachsene davon anstecken. Für die Jüngeren haben Winter und ihre Kollegen Hits wie die immer ausverkaufte Komödie „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ im Programm, ein „Rotkäppchen“, das bereits 20 Erfolgsjahre auf dem Buckel hat, oder die Abenteuergeschichte „Ritter, Ritter“, die auch zur festlichen Spielzeiteröffnung läuft (inklusive Ritterstiefel-Weitwurf). Den Älteren bieten sie Stücke wie das anarchische Krimi-Doppel „Der weiße Hammer“ und „Heisse Wammer“ oder die jüngste Premiere, ein circensischer Wanderlustabend unter dem Titel „Richtige Zeiten, richtige Orte“. „Das Genre Puppenspiel“, schwärmt Winter, „hat eine Riesenbandbreite“ 

Text: Patrick Wildermann

Das Weite Theater

Richtige Zeiten, richtige Orte – ein Zirkustheaterabend
Premiere Fr 19.10., 20 Uhr
„Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“
So 21.10., 16 Uhr, Mo 22. – Mi 24.10., 10 Uhr

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