• Familie
  • Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres im Gespräch

Familie

Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres im Gespräch

Sandra_Scheeres_c_harry_schnitgerFrau Scheeres, Sie haben sich für Ihre Amtszeit viel vorgenommen. Sie wollen beispielsweise zum 1. Februar 350 neue Lehrer an Berliner Schulen einstellen. Wird das klappen?
SANDRA SCHEERES?Da bin ich optimistisch. Letzte Woche gingen die Einstellungsgespräche los. Im Februar werden 400 Referendare mit der Ausbildung fertig und kommen auf den Markt. Wir wollen ihnen jetzt schon unbefristete Arbeitsverträge anbieten.

Sie haben auch gesagt, dass Sie 23?000 neue Kitaplätze bis 2015 schaffen wollen. Ihre Vorhaben kosten eine Menge Geld. Sind Sie schon in Verhandlung mit dem Finanzsenator?
Wir sind mitten in der Haushaltsaufstellung. Die Gespräche finden jetzt statt, auch mit dem Finanzsenator. Wir im Haus erarbeiten gerade das genaue Konzept.

Die Erzieherausbildung dauert drei Jahre, 2015 sollen die Fachkräfte da sein, das heißt, die Ausbildung muss jetzt beginnen. Wie wollen Sie das in der Größenordnung hinbekommen?
Wir machen ja schon ganz viel. Wir haben die Quereinsteigerregelung vor eineinhalb Jahren eingeführt, was sehr positiv anläuft. Im letzten Sommer kamen dadurch 400 Erzieherinnen und Erzieher neu hinzu. Und was ich auch sehr gut finde, ist, dass durch die Quereinsteigerausbildung mehr Männer in diesen Beruf kommen. Wir schauen aber auch, an welchen Stellen wir die Ausbildungskapazitäten ausbauen können.

Trotzdem gibt es zu wenig Kitaerzieherinnen und -erzieher. Ist der Beruf nicht attraktiv?
Der Fachkräftemangel ist bundesweit. Ich bin ja selber Erzieherin, und ich finde, dass es ein sehr attraktiver Beruf ist. Kinder sind sehr offen und fröhlich, es ist schön, mit ihnen zu arbeiten. Aber es ist auch ein sehr anstrengender Beruf, weil man auch großem Stress ausgesetzt ist. Es ist nicht, wie manche denken, ein bisschen Basteln. Dahinter steht ein anspruchsvoller Bildungsauftrag. Man legt Grundlagen für die Zukunft, Grundlagen für Bildungsbiografien. Gerade bei Kindern aus sozial benachteiligten oder bildungsfernen Familien, bei denen man zu Anfang denkt, hmm, das Kind hat es ganz schön schwer, ist es toll, wenn man später sieht, dass man ihnen Chancen eröffnet hat.

Trotzdem könnten noch mehr Leute den Beruf ergreifen. Muss man die Rahmenbedingungen verbessern, beispielsweise bei der Bezahlung und der Gruppengröße?
Über die Bezahlung muss man sich auf Bundesebene verständigen. Die Anforderungen in diesem Beruf steigen immer weiter, es wird auch diskutiert, ob die Ausbildung in Richtung Hochschule geht. Bei der Gruppengröße haben wir über die letzten Jahre den Erzieherschlüssel verbessert. An diesem Stufenplan war ich schon als Abgeordnete beteiligt. Eine weitere Verbesserungsstufe steht noch an. Und die Verbesserungen kommen auch schon in den Kitas an. Die Erzieherinnen haben jetzt mehr Zeit, beispielsweise für das Sprachlerntagebuch und Entwicklungsgespräche. Da geben wir sehr viel Geld aus, wir liegen bei über einer Milliarde Euro. Berlin ist das Bundesland, das am meisten im Bereich der frühkindlichen Bildung investiert, und das kann man mit Stolz benennen. Der nächste Punkt ist der Ausbau der Kitaplätze, denn wir haben den politischen Ansatz, dass möglichst viele Kinder in die Kita gehen.

Sandra_Scheeres_c_harry_schnitgerWaren diese Verbesserungen auch eine Folge des Volksbegehrens Kita? Da wurden genau diese Punkte gefordert.
Das hat sehr dazu beigetragen. Wir Politiker haben uns mit den Trägern des Volksbegehrens verständigt und einen Stufenplan entwickelt. Man muss ehrlich mit dem Thema umgehen. Jede Veränderung im Kitabereich kostet wahnsinnig viel Geld, jeweils zig Millionen Euro. Deshalb ist ein Stufenplan erarbeitet worden. Der Senat hat dann diesen Stufenplan mit den Initiatoren des Volksbegehrens verhandelt, und die Verbesserungen sind jetzt seit ein paar Jahren in der Umsetzung. Im Kitabereich gab es einen ziemlich großen Druck, und ich kann die Eltern verstehen, die sich beim Volksbegehren Kita engagiert haben.

Es gab Untersuchungen, die besagten, dass viele Kinder nur mangelhafte Sprachfähigkeiten hatten, als sie auf die Grundschule kamen, aber auch andere Defizite, beispielsweise motorische. Sind schon Daten erhoben worden, ob es da Verbesserungen gibt?
Das Berliner Bildungsprogramm wirkt. Es läuft seit rund sechs Jahren, wir waren Vorreiter, Hamburg und Bremen haben sich daran orientiert. Und es gibt schon positive Ergebnisse, beispielsweise kommen die Kinder mit besseren Sprachkenntnissen in die Schule. Ein Grund dafür ist das Sprachfördergesetz. Wir haben verbindliche Sprachtests zum vierten Lebensjahr eingeführt, damit die Kinder, bei denen wir einen Sprachförderbedarf feststellen, mindestens ein Jahr vor der Schule in die Kita gehen. Vorher war das nur ein halbes Jahr.

In den letzten Jahren gab es nicht nur im Kitabereich Veränderungen, es gab auch bei den Schulen sehr viele Reformen. Die Grundschule ist im Regelfall zur Ganztagsschule geworden, es gibt jetzt flächendeckend JüL, das jahrgangsübergreifende Lernen, die Hauptschule wurde abgeschafft, das Abitur am Gymnasium auf zwölf Jahre verkürzt, es gibt die Integrierte Sekundarschule. Welche dieser Reformen fanden Sie besonders wichtig?
Die Ganztagsschule ist zukunftsweisend. Hier geht es zum einen um längere Förderung der Kinder, aber auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir haben jetzt ein flächendeckendes Ganztagsangebot, von der Grundschule bis zur Integrierten Sekundarschule, die Gymnasien werden stufenweise ausgebaut. Mit dem Schritt zur Integrierten Sekundarschule wurde ein durchlässiges Schulsystem mit mehr Chancen für alle eröffnet. Da können Potenziale gefördert werden, die vorher vielleicht nicht entdeckt worden wären. Es muss nicht jeder Abitur machen, das muss man auch klar sagen. Aber jeder hat auf der Integrierten Sekundarschule die Möglichkeit, das Abitur in 13 Jahren zu machen. Ich hatte diese Möglichkeit als Kind nicht, ich habe in meiner Schulzeit diese Brüche gehabt, und ich weiß, dass es für jedes Kind, jeden Jugendlichen und auch für die Eltern äußerst anstrengend ist, die Schulform zu wechseln. Jetzt ist man in einem einzigen Schulsystem drin, und das ist positiv.

Wie geht es mit den Reformen weiter?
Die unterschiedlichen Reformen, über mehrere Jahre verteilt, waren sehr anstrengend für alle, für die Schulleitungen, die Eltern, für die Lehrerinnen und Lehrer. Meine Position ist: Wir haben viel gemacht, und jetzt muss Ruhe einkehren. Die Reformen müssen wirken, wir müssen schauen, wie die Umsetzung funktioniert, wo es nicht funktioniert und an welchen Stellen man noch mal schrauben muss, damit es besser wird.

Bei den Ganztagsschulen scheint noch viel zu knirschen, was auch das – vorläufig gescheiterte – Volksbegehren Grundschule gezeigt hat. Woran ganz viele Eltern nach wie vor verzweifeln, sind die Hausaufgaben. Statt, wie bei der Ganztagsschule eigentlich vorgesehen, in der Schule werden diese sehr häufig nach 16 Uhr mit Unterstützung der Eltern zu Hause gemacht.
Es ist ja nicht so, dass wir in den Grundschulen nichts machen würden. Im Koalitionsvertrag steht, dass wir die Hortlücke schließen wollen. In den letzten Jahren stand die Integrierte Sekundarschule im Vordergrund. Wenn wir jetzt weitere Verbesserungen vornehmen, wird es allen voran in der Grundschule sein. Da muss man schauen, wie man Entlastung organisieren kann. Das hat natürlich auch mit Geld zu tun.

Jugendbibliotheken, Jugendfreizeitzentren oder auch der türkische Elternverein initiieren Hausaufgabenbetreuungen. Das passiert alles nach Schulschluss. Ist das nicht die Aufgabe der Ganztagsschule?
Generell ist die Ganztagsschule nicht so angelegt, dass die Kinder zu Hause noch Hausaufgaben machen müssen. Das sollte in der Schule gemacht werden. Aber es gibt sicherlich darüber hinaus bestimmte Aufgaben, die in der Schule nicht erledigt werden können. Da setze ich dann auf die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrerinnen und Lehrern. Und vielleicht ist es an manchen Stellen ja auch gar nicht so schlecht, wenn der türkische Verein vor Ort so etwas in Kooperation mit der Schule anbietet. Vielleicht kommt das beim Kind besser an.

weiter | 1 | 2 |


Mehr über Cookies erfahren