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Familie

Ein Besuch im Theater an der Parkaue

Das_KristallherzWenn Tannen geschlagen, Äpfel gebacken und Schokoladenfiguren in rotes Aluminium verpackt werden, ist Weihnachtsmärchensaison. Alle Jahre wieder entdecken die Bühnen dann das Zielpublikum Familie. Ob das der alten Bühnentradition geschuldet ist oder schlicht ökonomischem Kalkül? Kai Wuschek, seit 2005 Intendant des einzigen Berliner Staatstheaters für Kinder- und Jugendliche, zuckt die Schultern. Die Auslastung an der Parkaue ist hervorragend. Die Premieren der Spielzeit sind bestens bei Publikum und Kritik angekommen, unter den 30 Inszenierungen im Repertoire findet man preisgekrönte Highlights der vergangenen Jahre. Die Konkurrenz ums Weihnachtsgeschäft kann den Profis im Berliner Osten völlig egal sein. „Ich wünsche mir manchmal mehr Mut, mit den Geschichten in der Gegenwart anzukommen“, sagt Wuschek. „Jede Generation braucht einen neuen Blick auf die Stoffe, muss ihr Theater neu entdecken.“
„Mut zur Gegenwart“ könnte auch die Überschrift seiner Intendanz lauten. Durch Regie-Einladungen an Künstler aus der freien Szene, die vor ihrer Begegnung mit der Parkaue fast ausschließlich für Erwachsene inszeniert haben, hat eine bemerkenswerte Vielfalt an Ästhetiken Einzug ins Theater an der Parkaue gehalten. Showcase Beat Le Mot, Hans-Werner Kroesinger, norton.commander.productions, two fish, Thomas Fiedler von Kommando Himmelfahrt, United Puppets und die Puppen der legendärden HipHop-Band Puppetmastaz konnte die Parkaue für die jüngste Zuschauer-Generation gewinnen. Sie tragen zum markanten Profil des Hauses das ihre bei.

„Theater ist eine Praxis von Weltaneignung“, sagt der Intendant, „und wenn Schulklassen oder Familien zwei, drei oder fünf Mal im Jahr hierherkommen, möchte ich, dass sie fünf verschiedene Handschriften sehen, neugierig auf Theater werden oder bleiben.“ Was sich im Rückblick entspannt als Erfolgsgeschichte erzählen lässt, braucht im großen Repertoirebetrieb mit drei Bühnen tatsächlich Mut – auch den, manchmal zu scheitern. Und ein bisschen widerständige Geduld mit Eltern und Pädagogen, die eine Theaterbühne als Textantiquariat missverstehen.
Bei aller künstlerischen Vielfalt hat die Parkaue ihr Publikum im Blick – auf Augenhöhe. Deshalb schaut sich Regisseur Thomas Fiedler selbst immer wieder gern die Repertoireaufführungen seiner Inszenierungen an: „Das Publikum ist ein extremer Mitspieler.“ Lachend erzählt er von den Proben zu „Fjodor, Hund und Kater“: Der skurrile Postbote Öfchen durchsucht das Haus nach einem Paket-Empfänger: „Wer da?“ Und die komische Dohle Schnäppchen antwortet: „Wer da?“ Der Regisseur erinnert sich: „Wir haben die Szene totgeprobt. Alle haben sie gehasst. Es erschien uns so dermaßen unlustig.“ Dann kamen – wie immer in der Parkaue – die Stück-begleitenden Schulklassen zu den Endproben, und „Wer da?“ wurde ein großer Bühnenspaß. Bei den Repertouireaufführungen sitzen meinungsstarke Mitspieler im Publikum – wie immer im Theater an der Parkaue.

Fjodor_Hund_und_Kater„Fjodor, Hund und Kater“ vom russischen Kinderautor Eduard Uspenski ist Thomas Fiedlers dritte Arbeit am Haus. Uspenski, im deutschsprachigen Raum fast unbekannt, ist in Russland ein Star, vergleichbar vielleicht mit Janosch, und sein braunes haariges Plüschtier Tscheburaschka, mit Ohren groß wie es selbst und überdurchschnittlicher Intelligenz, war das Maskottchen der russischen Olympiamannschaft für die Sommerspiele 2004. Die märchenhafte Emanzipationsgeschichte des sechsjährigen Jungen Onkel Fjordor – ein Plädoyer für ein Leben mit dem anderen – beginnt im heimischen Treppenhaus. Dort begegnet Fjordor (Florian Pabst) dem sprechenden Kater Matrose (Andrej von Sallwitz). „Du musst dein Wurstbrot andersherum essen, mit der Wurst nach unten, dann schmeckt es besser“, verrät ihm der Kater. Fjordor nimmt den Obdachlosen mit nach Hause, doch die Mutter im Sixties-Outfit (Danielle Schneider), erklärte Gegnerin von allem, was ohne Sinn und Ordnung ist, will die Wohnung nicht mit Matrose teilen: „Der Kater oder ich!“ Ihr Sohn entscheidet sich, schreibt den Eltern einen Abschiedsbrief und beginnt mit Matrose und dem erfolglosen Wachhund Scharik (Denis Pöpping) ein Leben auf dem Lande. Wie sich die Wahlverwandtschaft schräger Typen in der russischen Provinz arrangiert, erzählt Thomas Fiedler als großes Bilder- und mitreißendes Musiktheater.

Das_RotkaeppchenAusstatter Josй Luna hat mit großer Aufmerksamkeit fürs Detail und leiser Ironie das Dorf Prostokwaschino (Buttermilch) geschaffen, in dem nichts selbstverständlicher scheint als sprechende Tiere – und ein Überangebot an Lieblingsfiguren in stylishen Fantasie-Kostümen. „Das gibt es nicht, dass Kinder keinem gehören“, brummelt der Postbote verdrossen. Gibt es wohl. Die Band aus Kind und Tieren rockt ihre Geschichte zum versöhnlichen Ende, mit dem Charme und Elan einer bunten Russendisko (Musik: Anton Berman). Fjodor, Hund und Kater“ ist eine Inszenierung, die das Theater feiert, mit allen Mitteln, die man für eine gute Party braucht. Kein Wunder, dass bei der Premiere sogar Frank Castorf im Publikum saß.
Wie viel Wirkung man auch mit wenigen, sparsam eingesetzten Mitteln erzielen kann, beweist eine andere Inszenierung. Die Glühbirnen-Fassung der United Puppets für Kinder ab vier lässt „Rotkäppchen“ neu leuchten. Man braucht nur einen dunklen Raum, eine Puppenspielbühne und eine zündende Idee: Das Märchen-Personal besteht aus Glühbirnen-köpfigen Handpuppen. Allerdings muss man eine Geschichte auch so gut erzählen können wie Pierre Schäfer und Melanie Sowa. Rotkäppchen (rote Glühbirne) feiert seinen sechsten Geburtstag. Doch weil die Großmutter krank ist (fahler Lichtschimmer durch Lampenschirm-Haube), macht sie sich mit dem Geburtstagskuchen und Berliner Volksliedgut auf den Weg durch den Wald, wo sich der Wolf (zotteliges Etwas mit kleinen Leuchtdioden) zuerst als Blautanne tarnt: „Spaß muss sein!“ In scheinheilig-freundlicher Selbstgefälligkeit, dass es fürs erwachsene Publikum eine helle Freude ist (Die Kinder geben sich moralisch gefestigter: „Böser Wolf!“), quetscht er aus Rotkäppchen alle Details, um die von Grimm überlieferte Mordtat auszuführen. Merke: „Der Wolf ist schlau und stellt sich dumm und führt uns an der Nase rum.“ Neben witzigen Dialogen und Dialekten funktioniert das Stück natürlich vor allem über die Licht- und Stimmungswechsel seines Glühlampenensembles. Die Geschichte endet mit Wackersteinen im Wolf, aber vielleicht war das Ganze auch nur ein böser Traum. Einer, der immer dann kommt, wenn abends alle Glühlampen ausgehen und man im Dunkeln mit seiner Fantasie alleine ist.

Raeuber_HotzenplotzDas Weihnachts-Programm der Parkaue ist ein Best-of des Repertoires. Neben dem HipHop-Märchen Das Kristallherz von den Puppetmastaz, das Motive aus „Pinocchio“ und dem „Kalten Herz“ von Wilhelm Hauff sampled, kann man Perlen der vergangenen Jahre nachholen: Peter und der Wolf von norton.commander.productions zum Beispiel, das erst eine lustige Reise durch diverse Musikstile antritt, um dann Irm Hermanns unverwechselbarer Stimme durch die Geschichte zu folgen. Oder natürlich das Kultstück Der Räuber Hotzenplotz“ von Showcase Beat Le Mot. Weihnachtsgefühle stellen sich manchmal ja ganz unverhofft ein, wenn man etwas zusammen erlebt. Als „Fjordor“-Wachhund Scharik sich nach seinem Imagewechsel im Glam-Rock-Style mit barocker Pudelperücke präsentiert, ruft es aus der dritten Reihe: „Du Weihnachtsmann!“ Und alle lachen. 

Text: Anja Quickert

Fotos: Christian Brachwitz

Termine: Fjodor, Hund und Kater (6+)
Termine: Das Kristallherz (12+)
Termine: Rotkäppchens Glühbirnenmärchen (4+)
Termine: Der Räuber Hotzenplotz (6+)
Termine: Peter und der Wolf (5+)
Alle im Theater an der Parkaue,
Tickets:  55 77 52 52

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