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Elternsprecher: Austherapiert

Als mein Bruder drei Jahre alt war, sprach er so gut wie kein einziges Wort. Kam ein Hund des Weges, Tiere, vor denen er sich sehr fürchtete, gab er meinen Eltern durch Gebrüll und eindeutige Gestik zu verstehen, dass er unbedingt hoch genommen werde wollte. Und gingen ihm mal seine zwei älteren Schwestern auf die Nerven, dann schmiss er einfach mit Matchboxautos nach uns. Eine Sprache, die wir alle verstanden.
Hätten unsere Eltern mit meinem kleinen Bruder in der Berliner Jetztzeit gelebt, dann hätten sie sich vor Therapieangeboten kaum retten können. Wegen der Sprachverzögerung wäre eine logopädische Intensiv-Therapie fällig gewesen. Und wegen des Matchboxautowerfens hätte mein Bruder schon früh auf der Couch eines Seelenklempners gelegen.

Jedes vierte Kind in Berlin bekommt eine Therapie“ schlagzeilte kürzlich der Tagesspiegel und entwarf ein düsteres Bild, in dem es vor beschränkten Kleinkindern nur so wimmelte. Dass die gehäufte Zahl der Therapien auch etwas mit dem Perfektionsdenken von Erziehern und Medizinern und der stark angewachsenen Zahl entsprechender Therapeuten zu tun haben könnte, wurde nicht in Erwägung gezogen. Wer selber Kinder hat weiß jedoch: Es reicht ein schlechter Tag beim Kinderarzt, ein schludrig gesprochenes Wort beim Kiefernorthopäden – schon wird von den Experten die Zukunft des Kindes in Frage gestellt und werden Therapien verordnet. Dabei hat mein Bruder übrigens später doch noch sprechen gelernt. Von ganz alleine. Längst ist er ein gestandener Handwerksmeister, der redet, wenn es was zu sagen gibt und schweigt, wenn die Situation Taten erfordert.   

Text: Eva Apraku
Foto: Olaf Heil


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