• Familie
  • Elternsprecher: Das Magazin „Nido“

Familie

Elternsprecher: Das Magazin „Nido“

NidoAls der Verlag Gruner und Jahr 2003 eine Zeitschrift namens „Neon“ herausgab, visierte man eine Generation an, die es so noch nicht gegeben hatte: „Gefühlte Jugendliche“, vom Alter her zwar erwachsen, von der Lebenssituation als Studenten oder befristete Jobber – und vor allem als Kinderlose – zwischen den Stühlen. Selbst­kokettierend hieß es im „Neon“-Untertitel „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“.
Dass der Reifungsprozess schneller voranschritt als geplant, wurde 2006 deutlich: Der Unter­titel verschwand, man verabschiedete sich zunehmend vom Befindlichkeitsjournalismus und ersetzte diesen durch Reportagen, wie sie auch im „Stern“ hätten stehen können. Weitere drei Jahre später scheinen die „Neon“-Leser nun endgültig vom Lauf der Zeit eingeholt zu sein. Viele sind inzwischen offenbar Eltern geworden – eine Marktnische, die Gruner und Jahr mit der „Neon“-Tochter „Nido“ (= Nest) bedienen will.
Doch wie einst auch „Neon“, so unterstellt auch die „Nido“-Redaktion, ihre Leser würden letztlich mit ihrer Situation hadern. Bereits im Intro werden Kinder zwar „als das größte Glück der Erde“ beschrieben. Anderseits aber weht aus jeder Zeile die Sorge, nun nicht mehr am hedonismuslastigen Leben teilnehmen zu können, „an Mode, Popkultur und Gesellschaftspolitik, Karriere und geschmackvollem Wohnen“.
Ähnlich gespalten geht es in „Nido“ selbst zu, dessen Erstausgabe Mitte April erschien. Großartig ist das Magazin, wenn es sich an für Elternzeitschriften untypische Themen wie „Kindererziehung in Ghana“, schön fotografierte Spielzeug-Kulturvergleiche oder an ein Interview mit dem Alt-68er Daniel Cohn-Bendit über erste Kinderläden und späte Vaterschaft wagt. Grauenvoll ist es, wenn sich eine öde Kolumnistin und Mutter über ihren tristen Elternalltag ausheult oder wenn man – zum wievielten Male eigentlich? – über die Sexprobleme junger Eltern lesen muss.
Dazwischen finden sich die üblichen Themen: Kinderzimmer-Einrichtungs-Beratung, Beiträge über Au-Pair-Mädchen oder Mode-Tipps für Kinder und Eltern. Dass Letztere in der Fotostrecke mitunter tätowiert daherkommen, mag ein Tribut an die erdachte Leserschaft sein, wirklich innovativ ist es nicht. Bleibt also abzuwarten, wohin „Nido“ sich langfristig entwickelt: Eher
„Neon“, „Stern“ oder gar „Eltern“?

Text:
Eva Apraku

Weitere Artikel:
Elternsprecher: Musik in Neukölln

Mehr über Cookies erfahren