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Elternsprecher: Lernmittelfreiheit

In den 80er Jahren war der Schulbuchflohmarkt für uns norddeutsche Schüler ein Muss. Man traf bereits vor Schulbeginn – nämlich ein bis zwei Wochen vor Ferien­ende – hier schon auf Klassenkameraden. Und man konnte günstig Jeans­federmappen und ähnlich trendige Schulaccessoires ertrödeln. Der Hauptgrund waren aber natürlich die Bio-, Mathe- und Lese­bücher. Die kaufte man nicht etwa im Buchladen – von einigen Ausnahmen wie dem Diercke-Atlas mal abgesehen – sondern auf dem Parkplatz vor der Schule, eben auf dem Schulbuchflohmarkt. Wer ältere Geschwister hatte, bekam die Bücher von denen.

Für Berliner Eltern ein unvorstellbarer Vorgang. Hier variieren die Bücher zum Beispiel für die dritte Klasse in Deutsch nicht nur zwischen Neukölln und Mitte. Selbst die Schulen eines Bezirks führen nicht die gleichen Lernmittel auf ihren Listen. Es geht sogar so weit, dass sämtliche Deutschlehrer einer Schule unterschiedliche Lesebücher benutzen. Wechselt nun ein Kind die Schule, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es langweilt sich und wird zum Querulanten, weil es Verben und Adjektive schon vor Monaten bestimmt hat. Oder es kommt nicht mehr mit, weil die anderen bereits beim Plusquamperfekt sind. Ein pädagogischer Mehrwert lässt sich jedenfalls nicht erkennen. Und Eltern stehen jedes Jahr vor dem gleichen Problem: In der zweiten Hälfte der Sommerferien sind die Schulbücher vergriffen, weil die Verlage mit den Lieferungen nicht nachkommen.

Vor vielen Jahren hat es in Berlin mal die Lernmittelfreiheit gegeben. Damals haben alle Kinder eines Jahrgangs mit den gleichen Büchern gelernt. Doch dann kam der Berliner Bankgesellschaftscrash. Es wäre an der Zeit, Schulen wieder so mit Büchern zu versorgen, dass die Kinder unabhängig vom Einkommen und Organisationsvermögen der Eltern am Unterricht teilnehmen können. Die Benutzung der Schulcomputer ist schließlich auch umsonst. Und der Flohmarktbranche würde es auch gut tun.

Text: Britta Geithe
Foto: S. Hofschlaeger/Pixelio

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