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Fördereinrichtungen für muslimische Kinder

NeuköllnEntgegen Thilo Sarrazins Thesen besuchen muslimische Kinder in Ihren Einrichtungen freiwillig Hausarbeits- und Nachhilfezirkel. Ist dies nur eine kleine Elite?
TÜLAY USTA Nein. Als Türkischer Elternverein, wir existieren bereits seit 25 Jahren, sind wir einer der Vorreiter, die derartige Schulaufgabenzirkel aufgebaut haben. Längst aber sind wir nicht mehr die einzige Einrichtung, die gezielte Förderung anbietet. In den letzten Jahren haben sich mehr und mehr Unternehmen gebildet, die auf genau die gleiche Zielgruppe fokussieren. Denn die Nachfrage ist in jedem Fall da, obwohl diese Firmen ihre Leistungen – im Unterschied zu uns – nicht gerade günstig anbieten.
HAMAD NASSER Der Nachbarschaftstreff Steinmetzstraße liegt in einem sozialen Brennpunkt, dem Schöneberger Norden. Da wohnen sehr viele arabisch- und türkischstämmige Menschen und ganz sicher keine gesellschaftliche Elite. Dennoch beobachte ich, wie Frau Usta, in unserer Gegend einen boomenden Markt an professionellen Nachhilfe-Agenturen, die sich stark an die türkischen und arabischen Einwanderer richten, und bei denen die Eltern bereit sind, ihr letztes Geld für die Förderung und Bildung ihrer ?Kinder auszugeben. Und für unsere Hausaufgabenbetreuung existiert eine Warteliste.


Trotzdem haben muslimische Kinder besonders große schulische Probleme und verlassen die Schule oft ohne Abschluss.

USTA Es ist das Bildungswesen hier in Berlin. Der Türkische Elternverein hat 1998 ein Gutachten erstellen lassen, in dessen Rahmen wir noch vor Pisa auf die Defizite des Berliner Bildungswesens vor allem für Zuwandererkinder hingewiesen haben. Was mich an dieser Debatte sehr verärgert und auch verletzt, ist, dass unsere Bevölkerungsgruppe auf ihren Glauben reduziert wird. Das schiebt unsere Kinder auf fatale Weise in eine Nische, in der sie sich selber gar nicht sehen und auch nicht sehen wollen.
NASSER Sarrazin redet immer nur von der Religionszugehörigkeit. Was er völlig ausblendet, ist die Schichtzugehörigkeit dieser Bevölkerungsgruppen, die er anprangert. Auch die Veränderungsprozesse, die ja permanent stattfinden, blendet er völlig aus. Unsere Einrichtung wird von vielen Kindern besucht, deren Mutter Analphabetin ist, die selber aber bereits den mittleren Schulabschluss, den MSA machen. Viele dieser Kinder sind Geschwisterkinder von älteren Kindern, die nicht so erfolgreich waren. Deren Eltern sagen, dass sie bei ihren älteren Kindern ?solche Förderungsmöglichkeiten wie bei uns noch gar nicht kannten. Wenn in einer Familie diese Unterstützungssysteme bekannt werden, dann erleben wir sehr viel erfolgreichere Bildungsbiografien.
USTA Der Anteil der Abiturienten mit Migrationshintergrund beträgt in diesem Jahr 15,6 Prozent. Im Vorjahr waren es erst 11,4 Prozent.
NASSER Um 2000 waren unter den Abiturienten Berlins nur etwa drei Prozent Migranten!


Muslimischen Familien wirft man vor, ihre Töchter vom Schulschwimmen oder von Klassenfahrten abzuhalten.

USTA Es gibt da sicher eine Barriere, Angst. Aber es ist auch die Art und Weise, wie man an die Eltern herangeht. Einfach dem Kind einen Zettel mitgeben: Klassenfahrt, alle haben teilzunehmen – so läuft das nicht. Ich arbeite auch als Elternlotsin und spreche die Eltern gezielt an, kläre auf, wozu eine Klassenfahrt dient, oder warum ein Mädchen in der Chor-AG mitmachen sollte. Wenn die Eltern das wissen, stimmen sie auch zu.
NASSER Anfangs, wenn die Eltern ihre Kinder in den deutschen Schule abgeben, gibt es häufig übertriebene Ängste. Der Glaube dient dann oft dazu, diese Ängste zu begründen. Wenn die Schule jedoch mit Empathie an diese Probleme herangeht, kann sie viel erreichen. Gerade im arabischen und türkischen Raum ist der Lehrerberuf sehr angesehen. Wenn die Lehrer auf die Eltern zugehen und versuchen, sie zu überzeugen, dann schöpfen die Eltern Vertrauen.


Eine der Ursachen der Kommunikationsprobleme zwischen Schule und Migrantenfamilien sind auch die schlechten Deutschkenntnisse vieler Eltern.
USTA Erst mit dem Zugeständnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, hatte man überhaupt begonnen, über ein verbessertes Angebot an Deutschkursen für Einwanderer nachzudenken. Das ist noch nicht lange her. Und erst seit Kurzem sind Integrationskurse mit ihrem Deutschunterricht verpflichtend.
NASSER Wir beobachten, dass die Eltern, wenn die Situation es erlaubt, Herausforderungen auch anpacken. Wir machen seit zwei Jahren sehr hochwertige Qualifizierungskurse für Eltern, zum Beispiel „Frauen fit für Bildung“. Ohne dass man sie dazu auffordern muss, bringen die Frauen von ganz alleine Wörterbücher mit. Ich empfinde diese Eltern als sehr bildungsbewusst – nur müssen die Konzepte stimmen und die Angebote professionell sein. Doch derartige Angebote gibt es noch nicht allzu lange.     

Interview: Eva Apraku
Foto: Harry Schnitger

 

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