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Fortsetzung: Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres im Gespräch

Sandra_ScheeresWorüber Eltern im Zusammenhang mit der Ganztagsschule immer wieder klagen, ist, dass die Kooperation zwischen den Lehrern und den Erziehern oft nicht richtig funktio­niert.  
Aber das ist doch eine Frage der Schule. Ich kenne ganz viele Schulen, wo das super klappt, wo es eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Hortbereich oder den freien Trägern gibt.

Oft heißt es im Zusammenhang mit den Aufgaben der Ganztagsschule: Wir wollen ja, aber wir haben leider nicht das Personal …
Es geht hier um Bündelung von Ressourcen im Sozialraum. Wenn Kinder bis nachmittags in der Schule sind und nicht mehr ab mittags in der Kinder- und Jugendeinrichtung – die ja auch von uns finanziert wird –, dann erwarte ich, dass da eine enge Zusammenarbeit im Sozialraum zwischen Jugendamt, Jugendhilfe und Schule stattfindet. Das ist ein riesiger Umstrukturierungsprozess, der da in Berlin stattfindet.

Viele Vereine merken, dass Kinder keine Zeit mehr für Freizeitbeschäftigungen, für die Entwicklung ihrer Talente und Interessen haben. Auch Eltern stellen fest, dass ihre Kinder jetzt oft gestresster sind als sie selber in ihren Ganztagsberufen.
Es hat bei vielen Institutionen bereits ein Umdenken gegeben. Die Sportvereine führen ihre Angebote nun auch an Schulen durch, beispielsweise der Judoverein am Nachmittag in der Turnhalle. Genauso erlebe ich das bei Musikschulen, die ihre Angebote teilweise in die Schule verlagern. Es ist nicht so, dass die Kinder von morgens acht bis vier Uhr nachmittags Schulunterricht im klassischen Sinn haben, sondern sie nehmen unterschiedliche Formen von Bildung wahr. Dazu zählt selbst das gemeinsame Essen. Der Stress fängt dann an, wenn man nach 16 Uhr noch ganz viele Sachen machen muss.

Es gibt die hochmotivierten Eltern, die möglichst die zweisprachige Kita wollen oder die ihre Kinder von öffentlichen Schulen abziehen, wenn sie meinen, dort nicht genügend Bildung für ihre Kinder zu kriegen …  
Es gibt auch Familien, die wollen ihr Kind von der Privatschule unbedingt wieder zurück auf eine öffentliche Schule schicken. Ähnlich ist es im Kitabereich.

Was bemängeln diese Eltern an den privaten Einrichtungen?  
Ich rede private Einrichtungen nicht schlecht. Sie sind weder grundsätzlich schlechter noch grundsätzlich besser. Wenn man einen Punkt nennen will, dann möglicherweise eine größere Fluktuation, auch beim Personal.

Welche Forderungen an die Bildungssenatorin haben Priorität: die der ambitionierten Eltern mit dem Wunsch nach größtmöglicher Bildung? Oder der Bedarf an essenzieller Basisbildung für die Kinder aus bildungsfernen Haushalten?
Alle haben einen berechtigten Anspruch. Das eine sind die engagierten Eltern, und das andere sind die Eltern, die zurückhaltender sind, die nicht gelernt haben, sich zu engagieren. Oder die dazu keine Lust haben, das gibt es auch. Ich würde mir wünschen, dass die Institutionen einen Weg finden, auch die weniger engagierten Eltern zum Mitmachen zu motivieren. Oder ihnen zu zeigen, dass sie auch als Eltern Unterstützung haben. Familienzentren sind für uns ein ganz wichtiges Thema, das wir umsetzen und fördern wollen.

Was ist ein Familienzentrum?
Familienzentren sind Anlaufmöglichkeiten für Familien, in denen sie ihre Freizeit außerhalb der Kita verbringen können, zum Beispiel in der Elternzeit. Es ist ein niederschwelliges Angebot, das zum Beispiel an Kitas gekoppelt ist. Da gehen die Eltern hin, denn sie können ihre Kinder ja nicht alleine in die Kita schicken. Auf der anderen Seite kann man über Familienzentren auch die fitteren Eltern ansprechen, sodass vielleicht in der Krabbelgruppe eine gemischte Gruppe zusammenkommt. Davon erhoffen wir uns sehr viel.

Gibt es schon Familienzentren?  
Es gibt sie punktuell, aber wir wollen Familienzentren in ganz Berlin etablieren. Da kann Ernährungsberatung stattfinden. Oder man kann mit Beratungsstellen zusammenarbeiten, beispielsweise mit der Schuldnerberatung. Wir brauchen niederschwellige Angebote, damit eine direkte Ansprache möglich ist.

Wie soll das finanziert werden?
Dafür steht bereits eine Million Euro im Haushalt drin. Die Familienzentren werden kommen. 

Interview: Eva Apraku, Stefanie Dörre
Fotos: Harry Schnitger

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Zur Person
Die gebürtige Düsseldorferin absolvierte erst eine Ausbildung zur Erzieherin,  schloss dann ein Studium der Pädagogik ab und war für die SPD Mitglied des Rates der Stadt Düsseldorf. In Berlin arbeitete sie unter anderem als Projektmanagerin beim Bundesmodellprogramm „Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten“ und errang 2006 für den Wahlkreis Pankow erstmals ein Direktmandat fürs Abgeordnetenhaus von Berlin. Die am 15. Februar 1970 geborene Sandra Scheeres ist verheiratet und Mutter eines Kita- und eines Grundschulkindes.

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