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Fortsetzung: Schule in Berlin: Reformstress

Auswahl statt Förderung
Annika hat das alles längst hinter sich. Auch das Auswahlverfahren für die Plätze an den integrierten Sekundarschulen und Gymnasien, das zurzeit heftig in der Kritik steht. Demnach werden 60 Prozent der Plätze nach einer sogenannten „Förderprognose“, 30 Prozent per Losverfahren und 10 Prozent für Härtefälle vergeben. Hinter der Worthülse Förderprognose verbirgt sich jedoch der Notendurchschnitt eines Schülers in den vier Kernfächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft – ein knallharter Numerus clausus. Zwar ließ der Senat wissen, dass dieses Jahr über 95 Prozent der Bewerber an einer ihrer drei Wunschschulen einen Platz bekommen hätten – verschwieg aber, dass sich die Eltern und Schüler mittlerweile taktisch verhalten und als Zweit- oder Drittwunsch Schulen angeben, die bekannt dafür sind, dass sich dort wenige Schüler anmelden. Einzig um sicherzustellen, dass ihre Kinder nicht an irgendeine weit entfernte oder noch schlechtere Schule geschickt werden. Entsprechend ablehnend stehen die Eltern dem Auswahlverfahren gegenüber, wie eine aktuelle Umfrage des Landeselternausschusses (LEA) bislang ergeben hat. „58 Prozent der Eltern sind mit dem jetzigen Verfahren unzufrieden“, sagt Petra Samani aus dem Vorstand des LEA. Eine Mehrheit fordere, den Notendurchschnitt als Aufnahmekriterium abzuschaffen, da die Notengebungen in den Grundschulen nicht einheitlich sei. Allerdings stößt auch das Losverfahren auf Kritik und verursache „sehr viel Unsicherheit“, sagt Samani. Auf die Frage, wie viel Prozent der Oberschulplätze per Los vergeben werden sollten, sprachen sich die meisten Eltern (rund 47 Prozent) für null Prozent aus.

Paradoxerweise passt das neue Anmeldeverfahren auch nicht mit den Reformzielen zusammen, wie zum Beispiel den Oberschulen Freiräume für die Entwicklung eigener pä­dagogischer Profile zu geben und in einen Wettbewerb zueinander zu treten, sagt Samani. Ausnahmeregelungen ermöglichen Musik- oder Kunst-orientierte Schulen, die dafür geeignete Schüler per Eignungstests auswählen können. Die Forderung der Senatsverwaltung, „rechtssicher“ zu entscheiden, habe aber dazu geführt, dass die meisten Schulen sich lieber nur an der Förderprognose orientieren. Denn wie rechtssicher es ist, dass ein Schüler an einigen Schulen allein aufgrund seines Engage­ments als Mannschaftskapitän seiner Fußballmannschaft „Sozialpunkte“ im Wert von 0,5 Notenpunkten sammeln kann und damit eher einen Platz an seiner Wunschschule bekommt, ist offen. Ein Urteil eines Berliner Verwaltungsgerichts dazu sei ihm zumindest nicht bekannt, sagt der Berliner Rechtsanwalt Alexander Friedhoff, der sich auf Schulrecht spezialisiert hat.

Außerdem karikiert das Verfahren das erklärte Ziel, die Sekundarstufe so zu durchmischen, dass lernschwache Schüler bessere Bildungschancen bekommen, indem sie in Klassen mit lernstärkeren Schülern lernen können und nicht, wie früher, separiert werden. „Idealtypisch soll an der Integrierten Sekundarschule (ISS) jeder Schüler jeden Abschluss machen können, um denjenigen eine Perspektive zu eröffnen, die vormals als die Bildungsverlierer galten“, sagt Baumgardt. Doch was passiert, wenn eine Sekundarschule sich mit innovativen pädagogischen Mitteln den Ruf erarbeitet hat, eine gute Förderung auch für Kinder mit mittelmäßiger Förderprognose zu bieten? Um die Plätze an dieser Schule werden sich mehr und mehr Kinder bewerben, was den „Numerus clausus“ nach oben treibt und den leistungsschwächeren Kindern den Zugang zu den guten Schulen verwehrt. Die angestrebte Durchmischung der Klassen bleibt aus. Schon jetzt entwickeln sich einige Sekundarschulen zu verkappten Gymnasien, sagt Baumgardt. Dies stehe im Widerspruch zur ursprünglichen Absicht, mittels einer besseren Durchmischung der Schülerschaft, Bildung sozial durchlässiger zu gestalten und die Kompetenzgewinne für alle durch heterogene Lerngruppen zu erhöhen, so der LEA-Vorsitzende Günter Peiritsch. „Hier ist der fehlende Mut zur konsequenten Umsetzung dieser Schulreform noch deutlich erkennbar.“ Dabei hätten die Schulen die Möglichkeit dazu, denn das Aufnahmeverfahren lässt den Schulen die Option, sich ihre Schüler gemäß dem wie auch immer gearteten Profil der Schule zusammenzusuchen. Die Schöneberger Sophie-Scholl-Schule und die Spandauer Martin-Buber-Schule beispielsweise nehmen von vornherein 25 Prozent der Kinder auf, die eine Förderprognose schlechter als 2,8 haben, sagt Baumgardt, „weil sie genau diesen Gedanken der Durchmischung erfüllen wollen“. Die GEW fordert, so Baumgardt, dass auch die übernachgefragten Schulen Schüler aufnehmen müssen, die oberhalb von 3,0 sind, damit diese Mischung überhaupt entsteht.

Annika hat sich für das Gymnasium entschieden. Im Vertrauen darauf, dass es die Lehrer dort trotz wegreformiertem siebtem Jahr auch in sechs schaffen werden, sie zum Abitur zu führen. Allerdings geraten die Gymnasien bei den Reformen mittlerweile eher aufs Abstellgleis. Während die Sekundarschulen beispielsweise Stellen für Sozialpädagogen und Schulpsychologen bekommen, um auf Probleme reagieren zu können, gibt es solche Instrumente kaum für die Gymnasien. Eine Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit an Gymnasien scheint zweitrangig. Motto: Wer’s hier nicht schafft, wird eben auf die Sekundarschule abgeschoben. 740 Rückläufer müssen dieses Jahr auf Sekundarschulen untergebracht werden – die eigentlich voll sind.

Ob Grundschule, Gymnasium oder Sekundarschule – die nächste Reform steht den Schulen schon bevor. Das sogenannte Inklusionsprinzip, nachdem Schüler mit speziellem Förderbedarf nicht mehr separiert an Förder- oder Sonderschulen, sondern im regulären Schulbetrieb mitlaufen sollen. Diesmal scheint sich der Berliner Senat aber mehr Zeit nehmen zu wollen, die Reform gut vorzubereiten, und hat die sofortige Einführung der Inklusion vorerst gestoppt. Denn obwohl das Konzept da und auch richtig sei, so Baumgardt, fehlten die Ressourcen. Eile ist auch gar nicht nötig, denn Berlin ist im Vergleich zu anderen Bundesländern bereits recht weit mit der Integration von Schülern mit Förderbedarf. Gut die Hälfte von ihnen wird bereits in der Regelschule beschult. Allerdings schon jetzt mit prekärer Ausstattungslage, warnt Baumgardt. Um Inklusion zum Beispiel sinnvoll für Kinder mit sprachlichen, emotional-sozialen Defiziten oder Lernbehinderungen durchzuführen, brauche es nicht wie mittlerweile zumeist nur noch 1,5 Lehrerstunden pro Kind wöchentlich, sondern 3,5 Stunden, um individuelle Förderung überhaupt leisten zu können. Selbst wenn, wie gefordert, die Stellen der Sonder- und Sozialpädagogen von den Förderschulen erhalten und an die Regelschulen übertragen werden, dürften auf die Lehrer neue pädagogische Anforderungen zukommen, auf die viele weder im Studium noch per Wochenend-Fortbildung vorbereitet wurden. Annika zuckt nur mit den Schultern: Denn wenn sie in der Berliner Schule etwas gelernt hat, dann, wie man als Schüler Reformen durchsteht.  

*Name geändert

Text: Sascha Karberg
Illustrationen: Helena Nordborg Koch 

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Mehr zum Berliner Schulsystem finden Sie in tip 18/2012 ab Seite 26.

 

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