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Gemeinsamer Unterricht für Behinderte ist ein Menschenrecht

Preuss-Lausitztip Ein Drittel aller Kinder mit Behinderung ist in Berlin bereits an Regelschulen untergebracht. Im Schulgesetz ist der Vorrang der gemeinsamen Erziehung seit 2004 verankert. Was ist eigentlich so neu an der Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention, die vor einem Jahr in Kraft trat?
Ulf Preuss-Lausitz Der gemeinsame Unterricht ist zu einem Individualrecht von Menschen mit Behinderung geworden, zu einem Menschenrecht. Alle Länder sind jetzt verpflichtet, dieses Recht auch zu gewährleisten. Und das tut das Berliner Schulgesetz noch nicht.

tip Warum?
Preuss-Lausitz Laut UN-Konvention dürfen Kinder nicht gegen ihren Willen auf Sonderschulen geschickt werden. Aber genau das erlaubt das Berliner Schulgesetz nach wie vor. Es gibt eine Klausel, die besagt, dass im Konfliktfall die Schulaufsicht entscheidet, ob das Kind aufgenommen wird oder nicht. Im April legt der Senat einen Gesamtbericht zur sonderpädagogischen Förderung in Berlin vor. Ich erwarte, dass das Schulgesetz an die UN-Konvention angepasst wird.

tip Werden die rund 14.000 Kinder mit Behinderung, Lernschwächen oder Verhaltensauffälligkeiten, die noch an Sonderschulen untergebracht sind, dann einfach auf die allgemeinen Regelschulen geschickt?
Preuss-Lausitz Nein, natürlich nicht. An den meisten Regelschulen müssen erst einmal die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, Kinder mit Förderbedarf unterrichten zu können. Das gilt übrigens auch für Privatschulen.

tip Was für Voraussetzungen sind das?
Preuss-Lausitz Zunächst einmal muss die Barrierefreiheit an allen Schulen garantiert sein. Ganz wichtig ist dann, dass an allen Regelschulen Sonderpädagogen fest angestellt werden. Solche pädagogischen Unterstützungszentren an den Schulen aufzubauen, scheint mir der richtige Weg zu sein.

tip Wer soll das bezahlen? Der gemeinsame Unterricht mit der entsprechenden Ausstattung kos­tet vermutlich eine Menge Geld zusätzlich.
Preuss-Lausitz Diesen Einwand hört man oft. Aber es stimmt nicht. Im Gegenteil: Die Kosten werden um ein Viertel bis die Hälfte sinken. Es ist viel teurer, zwei Systeme, also Sonderschulen und Regelschulen, nebeneinander zu finanzieren.

tip Es gibt viele Vorbehalte ge­genüber dem gemeinsamen Un­terricht. Die größte Sorge ist, dass die einen überfordert, die anderen unterfordert werden.
Preuss-Lausitz Das kommt ganz auf die Gestaltung des Unterrichts an. Ein differenzierter Umgang mit den Schwächen und Stärken der Einzelnen ist entscheidend.

tip Wie sieht das im Schulalltag aus?
Preuss-Lausitz In einer Klasse ist zum Beispiel ein Schüler, der häufig für die Rechenaufgaben etwas länger braucht als die anderen Kinder. Der Lehrer muss genau schauen, wer in seiner Klasse was in welcher Zeit leisten kann. Wenn jemand nicht so schnell rechnet, dann muss man ihm eben weniger Aufgaben geben als den anderen.

tip Viele Eltern von Kindern mit Behinderung oder Lernschwächen sind besorgt, dass ihre Kinder in solchen Klassen isoliert sind.
Preuss-Lausitz Auch das ist ein Vorurteil, das ich so nicht bestätigen kann. Denn auch das hängt vom Unterricht und vor allem von den Lehrern ab. Mit den Schwächen einzelner Schüler muss in den Klassen offen umgegangen werden. Viele Studien belegen übrigens, dass gerade Kinder mit Förderbedarf, die in Klassen zusammen mit leistungsstärkeren Schülern unterrichtet werden, besonders gerne zur Schule gehen.

tip Wie kann man sich einen solchen offenen Umgang vorstellen?
Preuss-Lausitz Ein gutes Beispiel ist Tanzen im Klassenraum. Die körperbehinderte Mitschülerin will mitmachen. Also müssen alle zusammen mit dem Lehrer dis­kutieren, wie sie das gemeinsame Tun gestalten können, ohne dass das Mädchen ausgeschlossen ist und ohne dass es den anderen den Spaß verdirbt. Die UN sagt ja immer, learn to live together – lernen, wie man miteinander leben kann.

tip Deswegen ist in der UN-Konvention auch nicht mehr die Rede von Integration, sondern von Inklusion, von Einschluss.
Preuss-Lausitz Ja, das neue Wort erhebt einen Anspruch, den es offiziell so bisher nicht gab. Es bedeutet: Wir machen etwas gemeinsam. Und ein besonders wichtiges Moment an der Inklusionsidee scheint mir zu sein, dass Kinder von Anfang an lernen, angstfrei mit behinderten Menschen umzugehen etwas, dass wir, also die Eltern und Lehrer, nicht in der Schule gelernt haben. Die Inklusionsidee ist also ein Beitrag zu einer pluralistischen Gesellschaft, in der man gelernt hat, mit Unterschiedlichkeit umzugehen.

Interview: Katharina Wagner
Foto: Oliver Wolff


Zur Person
: Ulf Preuss-Lausitz
Der Diplom-Soziologe Ulf Preuss-Lausitz (Jahrgang 1940) ist Grund- und Hauptschullehrer sowie Professor für Erziehungswissenschaft und Schulpädagogik an der TU Berlin. Außerdem ist er Sprecher des Arbeitskreises Gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher in Berlin. Einer seiner Lehr- und Forschungsschwerpunkte ist die Integration von Kindern mit Behinderungen in das allgemeine Schulwesen.

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