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Interview: Julia Heilmann und Thomas Lindemann

heilmann_julia_lindemann_thomastip: In Ihrem neuen Buch lassen Sie sich über sogenannte Kinderlebensmittel wie die Milchschnitte oder Nimm 2-Bonbons aus. Ist die Kritik an derartigen Zuckerbomben nicht ein alter Hut?
Thomas Lindemann: Nicht ganz. Es gibt ein Institut für Kinderernährung, das diese Kinderlebensmittel zählt. Seit 1997 hat sich deren Zahl vervierfacht. Mindestens. Denn die letzte Angabe ist aus dem Jahr 2005. Die Milchschnitte und Nimm 2 sind Klassiker, mit denen hat das angefangen. Erst jetzt aber ist das zu einem richtigen Phänomen geworden.
Julia Heilmann: Es gibt knapp 400 Lebensmittel, die speziell für Kinder vermarktet werden. Auch ich falle manchmal auf diese Kinderlebensmittel rein. Und im Supermarkt sehe ich häufig, dass eine Mutter ins Kühlfach greift und dort Fruchtzwerge rausholt – eine Kalorienbombe. Es gibt auch diese klassischen Situationen im Supermarkt: Das Kind will etwas, kriegt es nicht, wirft sich hin, schreit. Bis die entnervten Eltern diese Sache doch kaufen, damit endlich Ruhe ist.

tip: Sie kritisieren auch die vielen sehr teuren Waren, die es rund um kleine Kinder gibt, etwa Luxus-Kinderwagen oder Designer-Strampler. Ist es nicht egal, wie viel Geld die Leute für sowas ausgeben? Es gibt ja auch günstigere Produkte.
Heilmann: Das Interessante ist, dass der Kauf von teuren, stylishen Produkten ein Massenphänomen geworden ist. Und dass da ein gewisser Druck herrscht, da mitmachen zu müssen. Gerade junge Mütter wollen ­beweisen, dass sie eben nicht die stillende, geistig abwesende Mama, sondern dass sie nah am Puls der Zeit und immer noch cool sind. Die kaufen einen flotten Kinderwagen, ziehen sich flott an und versuchen, ihren Lifestyle aufrecht zu erhalten, indem sie sich etwa ihr iPhone in die Bugaboo-Halterung klemmen und unterwegs telefonieren.
Lindemann: Für mich symbolisieren diese teils kuriosen Luxusprodukte den enorm ­gewachsenen Markt. Vor 15 Jahren gab es viele Firmen, etwa Bugaboo, noch gar nicht. Da war nicht so viel Brimborium um das Geschäft mit Kindern und Eltern.

tip: Gerade in den neuen Familienbezirken wie Prenzlauer Berg ist der Bohei um Kinder und die Bugaboo-Dichte besonders groß. Trotzdem setzen Sie sich in Ihrem Buch sehr für solche Bezirke ein. Warum?
Heilmann: Man findet in diesen Bezirken eine Infrastruktur vor, Kindercafйs, wo es Wickeltische und Spielecken gibt und wo man sich auch mal mit kinderlosen Freunden treffen kann, während die eigenen Kinder beschäftigt sind. Man findet in diesen Familienbezirken mehr Verständnis, wenn sich ein Kind zum Beispiel mal hinwirft und losbrüllt. Man wird dort nicht, wie sonst fast überall, gleich blöd angemacht. Wir wollten, dass man erkennt: Es ist schön, dass es diese Strukturen gibt.

Interview: Eva Apraku

Foto: Manuel Krug

Babybeschiss – Wie Eltern über den Wickeltisch gezogen werden. Von Julia Heilmann und Thomas Lindemann, Hoffmann und Campe, 14,99 Ђ 

 

Überflüssige Produkte für Babys und Junge Eltern:

Nasensauger-Staubsauger Kosten: Cirka 25 Ђ. Hilfsmittel zum Entfernen des Nasensekrets. Vorrichtung wird an Staubsaugerschlauch angeschlossen. Furchterregend!

Dampfsterilisator Kosten: Zwischen 20 und 70 Ђ. Genauso gut ginge das Aus­kochen der Fläschchen im Kochtopf. Dann hat man nach ein paar Monaten auch kein sperriges Gerät herumstehen, das kein Mensch mehr braucht.

Stilllampe Kosten: Rund 4 Ђ. Minilampe zum Anklemmen an die Kleidung und Beleuchten der Brust bei Dunkelheit. Finden Frauen jetzt ihren eigenen Busen nicht mehr?

Sensormatte Kosten: Zwischen etwa 50 bis 80 Ђ. Registriert jede Bewegung des Babys und schlägt Alarm, wenn 20 Sekunden lang Atembewegungen ausbleiben. Die Nerven von Überängstlichen werden zusätzlich strapaziert: Das Gerät löst gerne mal Fehlalarm aus.

Motorikschleife Kosten: je nach Größe etwa 10 bis 100 Ђ. An Metalldrähten befestigte Klötze können vor- und zurückgeschoben werden. Totlangweilig! Einziger Vorteil: Klötze liegen anschließend nicht überall im Zimmer herum.

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