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Interview mit Marco Carini über Adoption und „Muttersuche“

Herr Carini, für Ihr neues Buch „Muttersuche“ haben Sie sich mit neun Adoptivkindern getroffen, die sich auf die Suche nach ihren leiblichen Müttern begeben haben. Welche Erfahrungen haben Sie in den Gesprächen gemacht?
Mir ist klar geworden, dass jedes Schicksal sehr individuell ist. Dabei gibt es zu diesem Thema kaum Erfahrungsberichte, die auch an eine fachliche Einordnung gekoppelt sind. In meinem Buch habe ich versucht, beides miteinander zu verbinden.

Sind Adoptivkinder Problemkinder? Oft wird davon ausgegangen, dass diese Kinder traumatisiert sind.
Viele Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, meinen, dass ein Kind, das von seinen leiblichen Eltern getrennt wurde, für immer traumatisiert ist. Die Gespräche für mein Buch haben mir gezeigt, dass eine solche Traumatisierung nicht zwangsläufig ist und viele Adoptivkinder überhaupt nicht unter ihrer Geschichte leiden.

Treten in Familien mit Adoptivkindern im Hinblick auf die meist ungeklärte Herkunft in besonderer Weise Konflikte auf?
Das kann ich so nicht bestätigen. Probleme gibt es vor allem dann, wenn die Adoptiveltern nicht offen mit der Situation umgehen und die Adoption verschweigen. Oder wenn sie eine Art Konkurrenz zu den leiblichen Eltern entwickeln und schlecht über sie sprechen oder ähnliches. ?Ansonsten sind Adoptivfamilien ganz normale Familien mit ganz normalen Problemen. Die haben eben ein Thema mehr.

Sie sind in einer Adoptivfamilie groß geworden. Vor einigen Jahren haben Sie sich auf die Suche nach Ihrer leiblichen Mutter begeben. Was hat Sie dazu bewegt?
In den 90er-Jahren sind meine beiden Adoptiveltern gestorben, und die Geburt meiner Tochter hat sich angekündigt. Ich habe mich gefragt, ob es nicht ein Recht des Kindes gibt, seine leibliche Oma zu kennen. Ich fühlte mich auch verpflichtet, meine leibliche Mutter zu suchen, um ihr zu sagen, dass ihre genetische Linie weitergeht.

Wie war es, als Sie Ihre leibliche Mutter dann tatsächlich getroffen haben?
Das war schon ein Blind Date der besonderen Art. Wir hatten ein sehr schönes Kennenlernen, bei dem uns oft Tränen in den Augen standen. Zum Abschied haben wir uns zu einer herzlichen Umarmung durchgerungen. Als ich in den Bus gestiegen bin, war ich ganz erleichtert und dachte mir: „Puh, Glück gehabt, die Frau ist ja sympathisch.“

Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihrer Mutter?
Über die elf Jahre, die wir uns jetzt kennen, ist der Kontakt nicht abgebrochen und das ist durchaus bereichernd. Wir sehen uns bei Familienfesten, ab und zu auch zwischendurch.

Welche Tipps können Sie anderen Adoptivkindern, die sich auf die Suche begeben wollen, mit auf den Weg geben?
Sie sollten sich im Vorfeld eine Menge Gedanken machen und auf alle möglichen Situationen, die sie erwarten können, so gut wie möglich vorbereitet sein. So kann der Suchprozess erfolglos bleiben und der Suchende am Ende mit leeren Händen dastehen. Es kann aber auch passieren, dass einem die Tür vor der Nase zugeschlagen wird. Oder aber, es ergibt sich ein neues, emotional sehr intensives Verhältnis. Wichtig ist es zudem, sich die Frage zu stellen, wie es der leiblichen Mutter damals ergangen sein mag: Wenn eine Frau ein Kind austrägt, aber weggibt, geht das eigentlich immer mit sozialen oder emotionalen Notlagen einher. Während des Suchprozesses gibt es Höhen und Tiefen, deshalb macht es Sinn, sich eine unterstützende Begleitung zu suchen. Die Suche nach meiner leiblichen Mutter hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich kann sie nur jedem empfehlen. Denn Fragen, die beantwortet sind, quälen einen nicht mehr. 

Text: Antonia Hanney
Foto: Andreas Müller/Pixelio

Marco Carini: „Muttersuche“, ?Rotbuch Verlag, 223 Seiten, 14,95 Ђ
Beratung, Infos und Hilfe gibt es bei der Zentralen Adoptionsstelle Berlin-Brandenburg (ZABB): www.lja.brandenburg.de und bei der Adoptionsvermittlungsstelle der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung: www.berlin.de/sen/familie/adoption

Hilfe bei der Muttersuche ?
Die Adoptionsstelle beim örtlichen Jugendamt ist für alle Suchfragen ein guter erster Ansprechpartner. Beim Standesamt können Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr ihre Abstammungsurkunde anfordern. Diese enthält einen Eintrag über die leibliche Mutter. Kennt das Meldeamt den Namen der gesuchten Person, kann deren Adresse ermittelt werden. Kirchen können Auskunft aus ihren Kirchenbüchern geben und so bei der Suche helfen. Verschiedene Selbsthilfegruppen begleiten und unterstützen Adoptivkinder und ihre Familien bei der Suche. Die entsprechenden Links findet man auf der Webseite der zentralen Adoptionsstelle Berlin-Brandenburg (ZABB) unter www.lja.brandenburg.de.

 

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