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Kinder in der Jury der Berlinale

kinder_berlinaletip Wie kam es dazu, dass du 2009 Mitglied in der Kinderjury der Filmreihe Generation Kplus der Berlinale wurdest?
Merve Avdic In meiner früheren Grundschule – ich bin jetzt in der achten Klasse der Oberschule – haben wir von der ersten bis zur sechsten Klasse jedes Jahr die Berlinale besucht. Wir haben dann nicht nur Projekte zu den Filmen gemacht, Hefte dazu gestaltet, sondern auch nach jedem Film diese Fragebögen von der Berlinale ausgefüllt, in denen es darum geht, wie wir den Film fanden. Ganz unten auf dem Fragebogen konnte man ankreuzen, ob man Lust hätte, später mal bei der Kinderjury mitzumachen. Und 2008 hat unsere ganze Klasse „ja“ angekreuzt. Ich auch. Danach habe ich das total vergessen und war dann völlig überrascht, als ich einen Brief bekam, in dem stand, dass ich als Jurymitglied ausgewählt wurde.

tip Weißt du, warum ausgerechnet du ausgewählt wurdest?
Avdic Das stand in dem Brief drin. Bei der Berlinale fanden die, dass ich in dem Fragebogen meine Meinung, meine Gefühle und Gedanken zu dem Film sehr gut ausgedrückt hätte.

tip Du bist Türkin. Gab’s weitere Migrantenkinder in der Jury?
Avdic Nein, ich war die einzige.

tip Wie alt waren die Juroren?
Avdic Alle waren zwischen 13 und 14 Jahre alt. Ich selber war 13.

tip Hattest du während der Berlinale schulfrei bekommen?
Avdic Ja. Das mit dem Filmegu­ck­en ging schon vormittags los, so zwischen neun und zehn Uhr.

tip Wie wurdet ihr vorbereitet?
Avdic Ungefähr einen Monat vor der Berlinale haben sich alle elf Jury-Mitglieder und die Betreuer das erste Mal getroffen. Wir saßen da um einen riesigen Tisch und haben erst mal unsere Jury-T-Shirts bekommen, außerdem eine Berlinale-Tasche und ein Notizbuch. Dann wurde darüber geredet, worauf man bei Filmen achten sollte.

tip Und, worauf denn?
Avdic Auf die Geschichte des Films, die Musik oder die schauspielerische Leistung. Wobei die Geschichte am meisten zählt.

tip Wie sah dann während der Berlinale euer Tagesablauf aus?
Avdic Wir haben uns morgens beim Kino getroffen und uns dann die Filme angeguckt. Für uns gab es extra reservierte Plätze, mittig, mit sehr guter Sicht. Direkt nach dem Film sind wir dann raus zu dem Gebäude gegangen, in dem unser Büro war, und haben dann über den Film diskutiert und darüber abgestimmt, ob der Film weiter im Wettbewerb bleiben soll. Da­nach sind wir zum nächsten Film gegangen. Wir haben am Tag bis zu drei Filme gesehen. Auch Kurzfilme gab’s.

tip Klingt ja nach harter Arbeit.
Avdic Nein. Es gab ja immer wieder Pausen dazwischen, wir haben dann gegessen und wurden unheimlich verwöhnt. Außerdem haben alle Jury-Mitglieder es geliebt, Filme zu gucken. Es war eine sehr, sehr tolle Zeit.

tip Es gibt ja auch recht langweilige Filme. Hand aufs Herz – bist du beim Filmegucken auch mal eingenickt?
Avdic Na ja, es gab schon Filme, wo ich dachte: Oh nein, was ist das denn? Aber da musste man durch. Man konnte immer nur hoffen, dass der Schluss vielleicht noch ganz toll wird.

tip Gab’s unter den Jury-Mitgliedern manchmal auch größere Kontroversen über Filme?
Avdic Na klar. Aber es gab niemanden, der sich eingeschüchtert fühlte und sich deswegen der Mehrheitsmeinung anschloss. Es herrschte eine Atmosphäre, in der jeder seine Meinung sagen konnte.

tip Elf Jury-Mitglieder heißt: elf unterschiedliche Meinungen?

Avdic Zum Schluss waren wir uns eigentlich recht einig. Den Sieger haben wir einstimmig gewählt.

tip Wie hieß der Siegerfilm?
Avdic Oje – irgendwas auf Französisch. Aber ich weiß den Titel auf Deutsch: „Ich schwör’s, ich war’s nicht!“ Den hat auch die Erwachsenen-Jury gewählt, die es ja unabhängig von uns auch noch gab. Bei den Kurzfilmen aber haben wir ein bisschen anders entschieden als die Erwachsenen.

tip Was waren denn deine Lieblingsfilme bei der Berlinale?
Avdic Darüber durfte ich als Jury-Mitglied mit niemandem reden. Wir durften nur innerhalb der Jury unsere Meinung äußern. Ich glaube, das gilt immer noch.

tip Gehst du denn auch sonst viel ins Kino?
Avdic Ja, oft und sehr gerne. Am liebsten gucke ich Comedy-Filme oder Liebesfilme.

tip Welche Filme außerhalb der Berlinale haben dich stark beeindruckt?
Avdic „Evet, ich will!“ Das ist ein deutscher Film, aber da geht’s auch um türkische Traditionen. Darin tauchen Paare auf, die heiraten wollen, zum Beispiel ein deutscher Mann und eine türkische Frau. Und in dem Film geht es um die Probleme, die daraus entstehen. Außerdem mag ich „Inside Man“, wo es um einen perfekten Bankraub geht, aber ganz ohne Gewalt. Das ist ein sehr, sehr schöner Film, total gut.

tip Wie informierst du dich über Filme?
Avdic Oft im Fernsehen, da sieht man ja die Trailer. Oder ich gehe ins Internet und gucke, was gerade so im Kino läuft. Dann
gu­cke ich mir im Internet die Trailer an und entscheide, welchen Film ich sehen will. Ich gehe vielleicht so zwei- bis dreimal im Monat ins Kino. Filme, die ich und meine Schwester im Kino verpasst haben, gucken wir auf DVD.

tip Könnte der Bereich Film für dich später auch beruflich in Frage kommen?
Avdic Ja, gerne! Mein größter Wunsch wäre, mal in einem Film oder wenigstens bei einer Werbung mitzuspielen. Ich spiele ja auch Theater, türkisches Theater. Außerdem haben wir in meiner früheren Grundschulklasse zum Teil ja sogar selber Filme gedreht.

tip Wie ging die Berlinale dann für euch zu Ende?
Avdic Ganz zum Schluss wurden wir zu einer Party in die Kalkscheune eingeladen, da waren dann alle Schauspieler und alle Regisseure von Generation Kplus. Das war für uns eine Ehre, dort zu sein. Da gab es Essen, man konnte alle kennenlernen, mit denen reden, es wurden Fotos geschossen. Ich habe da auch den türkischen Regisseur von „Mommo“ kennengelernt, Atalay Tasdiken. Der hat mich, meine Mutter und meine Schwester dann ins Ritz Carlton Hotel eingeladen, wo es eine Veranstaltung zu seinem Film gab. Da waren ganz viele Schauspieler – total schön!

tip Hattest du den Mut, die auch mal anzusprechen?
Avdic Hatte ich. Von einem habe ich mir ein Autogramm geholt, mit dem habe ich mich dann total gut unterhalten, sehr nett. Das hat alles total Spaß gemacht, echt! Das war so eine tolle Zeit, echt!

Interview: Eva Apraku
Foto
: Benjamin Pritzkuleit


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