Berlins Kitasterben: „97 Standorte weniger seit 2023“
03.12.2025 - 11:00 Uhr
Interview
Berlins Kitasterben: „97 Standorte weniger seit 2023“
Kindertagesstätten in Berlin sind seit Monaten in Schwierigkeiten. Der Geburtenrückgang führt zu Kindermangel und hohe Mieten machen es zahlreichen Trägern schwer. Was sich für Berliner Familien mit Kleinkindern künftig ändern könnte und worauf sich Kita-Träger einstellen können, erklärt Falko Liecke (CDU), Staatssekretär für Jugend und Familie im Berliner Senat für Bildung Jugend und Familie.
Der Senat hat den Kita-Navigator entwickelt, um Eltern bei der Suche nach Betreuung zu unterstützen. Das geplante KitaFöG soll zusätzlich Hilfe für Familien bringen. Foto: unsplash/Lucas Alexander
KitaFöG soll Betreuung und Personalstabilität verbessern
tipBerlin In den letzten Monaten mussten mehrere Berliner Betreuungseinrichtungen wegen sinkender Kinderzahlen schließen. Wie viele Kitas sind aktuell betroffen? Erleben wir in Berlin gerade einen neuen Trend?
Falko Liecke Veränderungen der Kinderzahlen sind ein in Berlin nicht unbekanntes Phänomen. Nach der Wiedervereinigung gingen die Geburtenzahlen signifikant zurück, mit Auswirkungen bis in die 2000er Jahre. Bis 2022 gab es einen sehr starken Anstieg der Kinderzahlen. Seither sind die Zahlen deutlich rückläufig. Mit Blick auf die neue Bevölkerungsprognose ist in den kommenden Jahren von einer weiteren Abnahme der Zahl der Kita-Kinder auszugehen. Berlin hat in den Jahren 2023 bis 2025 insgesamt 97 Kita-Standorte aufgegeben – 42 im Jahr 2023, 30 im Jahr 2024 und 25 im Jahr 2025.
tipBerlin In manchen Bezirken gibt es freie Plätze, während andere weiterhin um Kinder kämpfen. Wie erklären Sie diese regionalen Unterschiede?
Falko Liecke Berlin beobachtet eine regionale Verschiebung der Nachfrage. Während die Auslastung von Kitas in einigen Ortsteilen von Pankow, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg deutlich sinkt, ist sie in anderen Teilen der Stadt, beispielsweise Spandau, Treptow-Köpenick, Reinickendorf und (Süd-)Neukölln, noch stabil oder leicht zunehmend. Diese Unterschiede entstehen durch demografische Veränderungen wie den Geburtenrückgang, neue Wohnquartiere, Veränderungen am Wohnungsmarkt, Wanderungsbewegungen und ein gestiegenes Kita-Platzangebot.
tipBerlin Kann der Senat hier gegensteuern?
Falko Liecke Mit dem neuen KitaFöG, das ab dem 1.1.2026 in Kraft treten soll, leisten wir durch die Verbesserung des Betreuungsschlüssels einen deutlichen Qualitätsbeitrag und erreichen, dass gut 2.400 Erzieher:innen im System bleiben. Mit dem automatisch zugesandten Willkommensgutschein ab dem dritten Lebensjahr und einer qualifizierten Sprachstandstestung holen wir Nicht-Kita-Kinder ins System. Weitere direkte Steuerungsmöglichkeiten bestehen allerdings nur in begrenztem Umfang.
Die überwiegend freien Träger stehen vor der Herausforderung, auf demografische Veränderungen, veränderte Nachfragestrukturen und betriebswirtschaftliche Anforderungen zugleich zu reagieren. Der Senat ist sich bewusst, dass dies für viele Träger eine anspruchsvolle Situation darstellt. Zugleich liegt die wirtschaftliche Ausrichtung und Anpassung an die lokalen Rahmenbedingungen in ihrer eigenen Verantwortung.
tipBerlin Trifft der aktuelle Druck vor allem kleinere Träger und Kinderläden (Elterninitiativen) oder sind staatliche Einrichtungen ähnlich betroffen?
Falko Liecke Grundsätzlich wirken sich sinkende Kinderzahlen auf alle Trägergruppen aus, da die Finanzierung in Berlin kindbezogen erfolgt. Kleinere Träger, Elterninitiativen und Tagespflegepersonen verfügen jedoch häufig über geringere strukturelle Spielräume oder finanzielle Rücklagen, sodass sich ein Rückgang der Kinderzahlen bei ihnen früher und deutlicher auswirken kann.
tipBerlin Viele Träger berichten, dass schon der Wegfall weniger Kinder die wirtschaftliche Stabilität gefährdet. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?
Falko Liecke Mit den im neuen KitaFöG vorgesehenen Verbesserungen – insbesondere beim Betreuungsschlüssel und bei der Personalstabilität – schafft der Senat verlässlichere Rahmenbedingungen, die allen Trägern zugutekommen.
Das sagen andere Institutionen
Die zurückgehenden Kinderzahlen, besonders in den Innenstadtbezirken, ermöglichen endlich wieder Wahlfreiheit der Eltern bei der Kitaplatzsuche. Das finden wir super, weil dann die zueinander passenden Familien und Kitas gut zusammenfinden können. Zugleich bringt die Kombination aus kindbezogener Finanzierung und drastischem Geburtenrückgang die Kitas in mitunter arge Finanznöte, die bis hin zur Schließung von Kitas führen können. Und bei kleinen Einrichtungen ist der Puffer natürlich besonders gering. Wir sind aber auch fest davon überzeugt, dass die kleinen Kinderläden mit ihren individuellen Angeboten in der jetzt bestehenden Konkurrenz gut bestehen können. Dafür brauchen sie intern engagierte Eltern und Erzieher:innen und extern wohlwollende Ämter und eine solide Kostenfinanzierung
Roland Kern, Sprecher des Dachverbands Berliner Kinder- und Schülerläden e.V. (DaKS)
Durch eine Erhöhung des Personals in der U3-Betreuung im Rahmen des geplanten KitaFöG will Berlin die Qualität der Betreuung stärken und Fachkräfte sichern. Foto: Imago/Xinhua
Gleiche Finanzierung, unterschiedliche Strukturen und Voraussetzungen
tipBerlin Worin unterscheiden sich die Finanzierungsmodelle für landeseigene Einrichtungen und für freie Träger und Kinderläden? Und warum reagieren manche Träger empfindlicher auf Auslastungsschwankungen?
Falko Liecke Es gibt keine Unterscheidung der Finanzierungsmodelle für landeseigene Einrichtungen und freie Träger. Beide werden auf Basis des gleichen Finanzierungssystems finanziert. Sie erhalten pro Vertrag (in Abhängigkeit von Alter und Betreuungsdauer) die gleichen Mittel. Die Auswirkungen variieren insofern in Abhängigkeit von der regionalen Lage, der Nachfrageentwicklung und der individuellen Kostenstruktur der Träger.
tipBerlin Der Landeselternausschuss Kita Berlin (LEAK) kritisiert, dass die aktuelle Gutscheinfinanzierung, bei der Kitas pro betreutem Kind Mittel erhalten, keinerlei Puffer für schwankende Belegungszahlen biete.
Falko Liecke Die Ausgestaltung der Finanzierung wird zwischen dem Land Berlin und den zuständigen Spitzenverbänden, darunter die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Berlin e. V. (LIGA) und der Dachverband der Elterninitiativen und selbstorganisierten Kinderläden Berlin e. V. (DaKS), unter Einbindung weiterer fachlicher Akteure verhandelt. Die Gutscheinfinanzierung wird im Rahmen dieser Abstimmungen als ein tragfähiges und breit akzeptiertes Instrument bewertet. Das Land Berlin verausgabt für das Kita-System gut 2,4 Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kommen die Ausgaben für die Betreuungsschlüsselverbesserung (mehr Personal pro Kind) von 120 Millionen Euro im Jahr 2026 und 190 Millionen Euro im Jahr 2027.
tipBerlin Aktuell müssen Träger fünf Prozent der Betriebskosten ihrer Einrichtungen als Eigenanteil selbst tragen. Der LEAK schlägt vor, den verpflichtenden Eigenanteil der Träger von fünf Prozent zu senken, um Einrichtungen in dieser Phase zu entlasten. Wie bewerten Sie diesen Vorschlag?
Falko Liecke Das Land Berlin befindet sich derzeit in strukturierten Gesprächen mit den zuständigen Verbänden zur Weiterentwicklung der Rahmenvereinbarung. Fragen zur Ausgestaltung des Eigenanteils sind Bestandteil dieser Verhandlungen. Den Ergebnissen kann im laufenden Verfahren nicht vorgegriffen werden.
tipBerlin Auch die realen Kranken- und Ausfallzeiten des Personals werden laut LEAK in der Finanzierung nicht ausreichend berücksichtigt. Wären hier aus Ihrer Sicht Anpassungen sinnvoll?
Falko Liecke Ausfallzeiten des Personals sind im bestehenden gesetzlichen Personalschlüssel systematisch hinterlegt und werden berücksichtigt. Unabhängig von Fragen der Finanzierung verbleibt die Verantwortung für geeignete Maßnahmen des betrieblichen Gesundheits- und Fehlzeitenmanagements bei den jeweiligen Trägern.
tipBerlin Kinderläden berichten von hohen Mieten, Verdrängung und baulichen Auflagen, die ohne zusätzliche Fördermittel kaum zu stemmen sind. Welche Maßnahmen plant der Senat, um Räume für frühkindliche Bildung langfristig zu sichern?
Falko Liecke Eine wirtschaftlich prekäre Situation resultiert insbesondere aus einem zurückgehenden Bedarf an Kitaplätzen insgesamt. Kinderläden, die sich trotz Auslastung der Plätze und einer hohen Nachfrage aufgrund hoher Mieten oder baulicher Unzulänglichkeiten nicht halten konnten, hat die Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Familie bereits in der Vergangenheit mit finanziellen Starthilfen im Rahmen des Landesprogramms „Auf die Plätze, Kitas, los!“ unterstützt und so einen Neubeginn an anderem Ort ermöglicht.
Das sagen andere Institutionen
Eine Auslastung unter 80 Prozent führt für Kita-Träger langfristig zu wirtschaftlichen Problemen, da die Sachkosten direkt an die Anzahl der Kinder gekoppelt sind. Weniger Kinder bedeutet also geringere Einnahmen, während Fixkosten für Gebäude, Energie und Infrastruktur unverändert bleiben. Unsere Mitglieder sind auf diese Entwicklung gut vorbereitet. Dennoch mussten wir in den vergangenen Jahren zwei Schließungen begleiten und auch Anfragen zu Träger-Fusionen nehmen zu. Gerade kleine und mittelgroße Träger sichern jedoch die Vielfalt der Berliner Kita-Landschaft und ermöglichen Eltern wohnortnahe sowie konzeptionell diverse Angebote. Im Sinne einer familienfreundlichen Bildungspolitik braucht es daher eine Anhebung der Sachkostenpauschale und mehr Flexibilität in der Raumnutzung
Angelika Kirst-Bröker, stellvertretende Vorsitzende des Berliner Kitaverband (VKMK) und Geschäftsführerin der Kita Milchstraße gUG
Seit der Corona-Pandemie gab es in Berlin einen sehr starken Anstieg der Kinderzahlen. Seit 2022 sind die Zahlen jedoch wieder deutlich rückläufig. Foto: Unsplash/Ana Klipper
Verlässlichkeit für Eltern, personelle Kontinuität für Träger
tipBerlin Der LEAK weist darauf hin, dass die Geburtenrate in Berlin von 2023 auf 2024 sogar leicht gestiegen ist. Hängt die schwierige Lage der Einrichtungen also wirklich primär mit der demografischen Entwicklung zusammen?
Falko Liecke Der leichte Anstieg der Geburten ändert nichts daran, dass sich die Nachfrage in vielen Stadtteilen deutlich verschoben hat. Der Rückgang der Auslastung ergibt sich aus einem komplexen Zusammenspiel von sinkenden Kinderzahlen in einzelnen Jahrgängen, gestiegenem Platzangebot durch den intensiven Kitaplatzausbau und räumlich sehr unterschiedlichen Entwicklungen.
tipBerlin Wenn Gruppen kleiner werden, führt das bei vielen Trägern zu Personalabbau, obwohl darin eigentlich eine Chance für bessere Betreuungsschlüssel und mehr pädagogische Qualität liegen würde. Welche Maßnahmen könnten helfen, diese Situation positiv zu nutzen?
Falko Liecke Berlin setzt bewusst darauf, die Personalsituation im System der Kindertagesbetreuung nachhaltig zu stabilisieren. Mit der aktuell vorgesehenen Verbesserung des Personalschlüssels im U3-Bereich (Betreuung von Kindern unter drei Jahren) werden die Rahmenbedingungen für die pädagogische Arbeit gezielt weiterentwickelt. Durch diese Maßnahme können trotz rückläufiger Kinderzahlen rund 2.400 Vollzeitäquivalente im System gehalten werden. Damit nutzt das Land Berlin die demografische Entwicklung, um Qualitätsaspekte zu stärken und gleichzeitig die personelle Kontinuität bei den Trägern zu unterstützen.
Das sagen andere Institutionen
Eltern in Berlin erleben die aktuelle Kitasituation als stark belastend. Trotz mehr freier Plätze kommt es zu gekürzten Öffnungszeiten, zusammengelegten Gruppen und der Sorge vor plötzlichen Schließungen, weil Träger bei Unterbelegung sofort Einnahmen verlieren. Viele Familien wenden sich an den LEAK mit dem Wunsch nach Planbarkeit, frühzeitigen Informationen und verlässlichen Alternativen. Gleichzeitig zeigt das Melderegister, dass 2024 wieder mehr Kinder geboren wurden. Dieser Anstieg deutet darauf hin, dass der Betreuungsbedarf in den kommenden Jahren wieder wachsen kann. Für 2026 und 2027 ist deshalb keine automatische Entspannung zu erwarten. Berlin muss das System jetzt stabiler und verlässlicher absichern
Sabrina Simmons, Vorstandsmitglied Landeselternausschuss Kita Berlin (LEAK)
tipBerlin Welche Anpassungen am KitaFöG werden derzeit diskutiert oder vorbereitet, um wirtschaftliche Unsicherheiten, Fachkräftemangel und drohende Schließungen abzufedern?
Falko Liecke Das neue KitaFöG ab 2026 setzt Schwerpunkte auf Qualitätsverbesserung, Stabilisierung der Trägerstrukturen und eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung des Angebots. Dazu gehören verbesserte Personalschlüssel, das Kita-Chancenjahr und der Willkommensgutschein. Diese Reform ist der zentrale Hebel, um Familien besser zu erreichen und Zugänge zu erleichtern, aber auch um wirtschaftliche Risiken zu reduzieren, Fachkräfte zu stärken und zu halten sowie das System zukunftsfest aufzustellen.
tipBerlin Viele Eltern sorgen sich, ob ihre Kita langfristig bestehen bleibt. Wie will der Senat künftig für mehr Transparenz und Planbarkeit sorgen?
Falko Liecke Berlin arbeitet an klareren Informationswegen, verbessert die Datenbasis zur Belegung und stärkt die Koordination zwischen Land, Bezirken und Trägern. Ziel ist, Eltern frühzeitig Orientierung zu geben und Verlässlichkeit zu erhöhen.
Beispiele hierfür sind die Einführung des Kitachancenjahres mit automatischer Versendung des Willkommensgutscheins für Kinder ab dem 3. Lebensjahr, aber auch bereits bestehende Maßnahmen wie der Kita-Navigator als zentrales Online-Suchportal für Kita-Plätze und die kontinuierliche, bedarfsgerechte Ansprache von Familien, zum Beispiel über die ElternMail (mehrsprachig) und das Berliner Familienportal.
Hinzu kommen die Stärkung der Arbeit der 270 Stadtteilmütter, der in diesem Jahr abgeschlossene Ausbau der Familienservicebüros in jedem Bezirk, die Arbeit der Familienzentren an Kitas und Grundschulen, die Kitasozialarbeit, die Erziehungs- und Familienberatungsstellen sowie Nachbarschafts- und Stadtteilzentren und viele weitere Angebote, die allesamt Familien bei Fragen rund um das Familienleben begleiten und unterstützen.