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Nachhilfe für Schüler in Berlin

Kürzlich war es wieder so weit: Ausgerüstet mit riesigen Schultüten und brandneuen Ranzen standen 27?790 Erstklässler hoffnungsfroh mit ihren Eltern in den Aulen der Berliner Grundschulen. „Machen Sie sich keine Sorgen“, flöten neue Klassenlehrer und Schuldirektoren in Ansprachen. „Ihr Kind wird es schaffen.“ Klar: Dank der Ganztagsschule, die auch benachteiligten Schülern Unterstützung am Nachmittag verspricht oder dank des Jahrgangsübergreifenden Lernens (JüL), das individuelle Förderung vorsieht, müssten die Erfolgschancen derzeit so groß wie noch nie sein. Tatsächlich hören sich die Lehrerworte über den eigenen Nachwuchs in der ersten und vielleicht zweiten Klasse noch sehr positiv an. Sie loben die „Fantasie des etwas verträumten Kindes“ oder sein „freundliches Wesen“. Doch irgendwann ändert sich der Ton. Plötzlich wird angemahnt, dass Kind solle sich mehr konzentrieren, seine Hausaufgaben sorgfältiger machen. Und endlich weniger quatschen.

Wie jetzt? Hieß es nicht, die Kinder würden sich gegenseitig unterstützen? Und waren die Eltern nicht dazu angehalten worden, das Kind seine Aufgaben „selbstständig“ erledigen zu lassen? Und überhaupt: Wollte sich nicht die Ganztagsschule um die Hausaufgabenbetreuung kümmern?
Bei den einen Eltern dauert es etwas länger, die anderen verstehen sehr fix: Die „hervorragende Unterstützung“ durch die Ganztagsschule oder durch neue, verbesserte Lehrmethoden können sie sich abschminken. Denn so, wie die Reformen an den meisten Berliner Schulen umgesetzt sind, völlig halbherzig und zu Ramschpreisen, schaden sie oft mehr als dass sie nutzen. Irgendwann stellen auch die optimistischsten Eltern fest: Ohne zusätzliche Unterstützung am Abend, dann, wenn die Kinder eigentlich müde sind, könnte der Nachwuchs weder einen Satz geradeaus schreiben noch ein paar Zahlen addieren. Ohne permanente Nachhilfe kein Grundschulwissen.

Bereits 18,4 Prozent der Berliner Viertklässler haben privat finanzierte Nachhilfe in dem elementaren Fach Deutsch, stellte der Bildungsforscher Klaus Klemm 2010 für die Bertelsmann Stiftung in einer Untersuchung fest. Damit verzeichnet die Hauptstadt unter den deutschen Bundesländern die zweithöchste Quote (Bundesschnitt: 14,8 Prozent). Zum Vergleich: In Finnland, dem Pisa-Sieger, bekommen nur 2,4 Prozent der Schüler Nachhilfe. Für Deutschland also ein Armutszeugnis, wie auch der Titel der Bertelsmann-Studie – „Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung“ unmissverständlich zu verstehen gibt. Denn schließlich gibt es – vor allem in der Hartz-IV-Hochburg Berlin – viele Familien, die die 130 Euro pro Monat, die sinnvolle Nachhilfe im Schnitt kostet, unmöglich dauerhaft aufbringen können. Und, ganz abgesehen von dieser sozialen Ungerechtigkeit: Woher wollen Schulreformer eigentlich wissen, ob ihre Veränderungen den Kindern auf die Sprünge geholfen haben? An den Abschlussquoten kann man sich nicht orientieren: Mittlerer Schulabschluss oder Abitur – geschafft wegen oder trotz Früheinschulung, JüL und G8? Oder nur dank spendabler Eltern und einem Heer von Nachhilfelehrern?

Text:  Eva Apraku
Foto: plainpicture/Paolo

Anlaufadressen zu Schul­fragen beim Bildungssenat

infoPunkt Bernhard-Weiß-Straße 6, Mitte, Tel. 902 27 50 00
Die Beratungsstelle steht Eltern für Fragen zu den Themen Bildung, (Hoch-)Schule, Forschung und Familie zur Verfügung. Bei Detailfragen erfolgt eine Weiterleitung an den zuständigen Mitarbeiter des Fachbereichs.

Die Qualitätsbeauftragte Ruby Mattig-Krone Bernhard-Weiß-Straße 6, Mitte, Sprechzeit: jeden Do 16–19 Uhr (während der Schulzeit), Tel. 902 27 53 30
Bei Fragen rund um Schule, Schulwechsel und Schulrecht können sich Hilfesuchende an die unabhängige Qualitätsbeauftragte Ruby Mattig-Krone wenden.

Schulämter in den Bezirken www.berlin.de/sen/bildung
Bei Fragen, die das Schulgebäude,  Baumaßnahmen, die Einschulung und die Verteilung der Schulplätze betreffen, können sich Eltern an die Schulämter in ihrem Bezirk wenden. Darüber hinaus gibt es zusätzlich Außenstellen der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, in denen Schulräte und Schulrätinnen über Bildungswege aufklären.
Allgemeine Erziehungs- und Schulberatung

Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. (ANE) Hasenheide 54, Neukölln, Mo–Do 9–15, Fr 9–13 Uhr, Tel. 259 00 60, www.ane.de
Der Arbeitskreis unterstützt Eltern aus allen sozialen und ethnischen Herkünften bei der Erziehung ihrer Kinder. Neben Familienberatung und Hilfe bei schulischen Fragen ist der ANE für seine Elternbriefe bekannt, die Infos zur Erziehung der Kinder passend zu ihrem Alter enthalten.

SHIA e.V. – SelbstHilfe­Initiative Alleinerziehender
Rudolf-Schwarz-Straße 29/31, Prenzlauer Berg, Mo–Do 10–15 Uhr, Fr 10–13 Uhr, Tel. 425 11 86, www.shia-berlin.de
SHIA e.V. bietet Beratung und, quasi rund um die Uhr, Kinderbetreuung, organisiert Reisen und Kinderfeste sowie thematische Gruppen und Kurse. Außerdem betreibt man Lobbyarbeit.

Verband berufstätiger Mütter e.V. Cafй Orange, Oranienburger Straße 32, Mitte, Tel. 01803-22 18 26,
www.vbm-online.de
Ziel des Verbandes ist es, berufstätigen Müttern eine Stimme zu geben und ihnen zu ermöglichen sich z.B. bei Gesprächsrunden über private und berufliche Themen und Probleme auszutauschen.

Türkischer Elternverein in Berlin und Brandenburg e.V. Oranienstraße 34, Kreuzberg, Tel. 614 32 99, www.tevbb.de
Der Verein vertritt die Interessen türkischer Eltern und Schüler. Er bietet Schularbeitszirkel und Nachhilfe an und hilft bei Erziehungs- oder Bildungsproblemen.

 

Anlaufstellen bei Lernbehinderungen und psychischen Problemen von Kindern

Kinder- und Jugend­psychiatrischer Dienst Oberseestraße 98, Hohenschönhausen, Tel. 902 96 49 54; Al­fred-Kowalke-Straße 24, Friedrichsfelde, Tel. 902 96 49 61
Das Angebot umfasst Beratungen bei emotionalen und sozialen Störungen, Entwicklungsstörungen und der Erziehung von behinderten Kindern.

Legasthenie-Zentrum Berlin e.V. Therapie bei Lern- und Leistungsstörungen Hasenheide 54, Kreuzberg, Tel. 45 02 22 33, www.legasthenie-zentrum-berlin.de
An 12 Standorten bietet der Verein Lerntherapien für Kinder mit Legasthenie, Dyskalkulie und ADHS an. Begleitend dazu gibt es Eltern- und Familientherapien.

AdS e.V. Treskowstraße 17/18 (Haus der AOK), Reinickendorf, Tel. 613 47 50, www.ads-ev.de
Der Verein berät Kinder, Jugendliche und Erwachsene rund um das Thema Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Eltern für Integration e.V. Förderung und Hilfe für Kinder mit Behinderungen Herbartstraße 25, Nachbarschaftshaus am Lietzensee, Wilmersdorf, Tel. 30 30 65 18, www.efiberlin.de
Der Verein setzt sich für die Förderung behinderter Kinder ein. Ihm ist wichtig, dass die Unterschiedlichkeit der Kinder respektiert wird und sie die Möglichkeit bekommen, ihre individuellen Fähigkeiten zu entwickeln. Der Verein hilft bei der Suche nach Schulen und Lehrstellen und bietet Informationsveranstaltungen für Eltern an.

 

SCHULE IN BERLIN: REFORMSTRESS – STAND 2012 

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