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Nachwuchs für die Forschung in Berlin

Kinder UniWenn der Gong zu Beginn der Vorlesung ertönt, wird es im Audimax der Humboldt-Universität plötzlich ganz ruhig. Mehr als 500 Augenpaare richten sich gespannt auf den Professor. So viel Aufmerksamkeit ist er von seinen Studenten sonst nicht gewohnt. Seit 2004 öffnet die HU einmal jährlich dem Nachwuchs ihre Pforten. Dann wird das Audimax zur Quizshow. In der Kinder-Uni widmen sich kleine Wissenschaftler im Alter von sieben bis zwölf Jahren gemeinsam mit Professoren der Universität elementaren Fragen wie: Was machen eigentlich Frau Wasserfloh und ihre Freunde in der Pfütze? Oder: Warum sind wir schlauer als Roboter? Die Inhalte der Kinder-Uni sind vielfältig und reichen von Biochemie- bis hin zu Physikvorlesungen. Niedlich anzusehen, doch warum das alles?

Klimawandel, Energieversorgung und Gentechnik – die He­raus­forderungen der Zukunft sind groß. Um dem internationalen Wettbewerb weiterhin gewachsen zu sein, gewinnen hoch qualifizierte Arbeitskräfte für den Forschungsstandort Deutschland zunehmend an Bedeutung. „Mit der Kinder-Uni wollen wir Kinder für die Wissenschaft begeistern„, sagt Petra Schubert, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der HU-Berlin. Jedoch gerade naturwissenschaftliche Fächer erfreuen sich bei deutschen Schülern nur geringer Beliebtheit – gelten sie doch oftmals als trocken und verstaubt.

Was also tun, wenn sich der widerspenstige Nachwuchs den bevorstehenden Anforderungen anzupassen weigert? Man wird erfinderisch: Seit Ende der 90er Jahre wurden in Berlin und Brandenburg über 70 Initiativen ins Leben gerufen, die alle das Ziel haben, Kinder für technische Berufsfelder zu begeis­tern und für entsprechen­de Ausbildungsberufe zu qualifizieren. Wie das geht, weiß Astrid Pahl, Vorstandsvorsitzende des Technischen Jugendbildungsvereins in Praxis (TJP e.V.): „Kinder sind von Natur aus an naturwissenschaftlichen Phänomenen in­teressiert.“ Selbst forschen, heißt das Zauberwort. Denn: „Mit den Projekten wächst auch die Begeis­terung für Technik und Naturwissenschaften.“ Dabei reicht das au­ßer­schu­lische Lehrangebot von technisch hochmodern ausgestatteten Schülerlaboren an Forschungseinrichtungen bis hin zu kleineren Projekten von Einzelpersonen.

Der herkömmliche Schulunterricht reicht offenbar nicht mehr aus, um den Forschergeist der Kleinen zu wecken. „Die Lehrpläne in den Schulen sind meist völlig überholt„, moniert Astrid Pahl. Das Meteum, eine Initiative des TJP e.V., geht mit seinem Angebot entsprechend weit über das Standardprogramm der Schulen hi­naus. In den Projektwerkstätten
in Treptow-Köpenick liegt der Schwerpunkt auf zukunftsweisen­den Technologien wie der Solarenergie und der Nanotechnologie. So stellen die kleinen Forscher Sonnencreme mit Nanopartikeln her oder beweisen ihr Geschick im Flugsimulator. Dabei will man sich jedoch nicht nur auf Akademikerkinder beschränken. Über ein gesondertes Angebot für Schulklassen versucht man insbesondere auch Kinder aus bildungsfernen Schichten zu erreichen. Und das mit Erfolg. Pahl: „Kinder, die sich teilweise weigern zur Schule zu gehen, kommen gerne zu uns, da sie sich hier frei vom Notendruck entfalten können“.

Eine besondere Einbeziehung von „Problemschülern“ kann auch bei den elf Schülerlaboren des Netzwerks GenaU beobachtet wer­den. Dabei verstehen sich die Schülerlabore, die an Forschungseinrichtungen und Universitäten angesiedelt sind, nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum naturwissenschaftlichen Unterricht der Schulen. Die Nachfrage ist groß – 22.482 Schülerinnen und Schüler experimentierten allein 2007 in den Schülerlaboren des Netzwerks. Die Palette der Experimente reicht vom Bierbrauen bis hin zur Erstellung genetischer Fingerabdrücke. Und die Angebote beschränken sich nicht auf Schüler. Unter dem Motto „Uns geht ein Licht auf“ werden Lehrer beispielsweise im Meteum an moderne Forschungsthemen wie regenerative Energien herangeführt. Glaubt man dem Titel des Workshops, kehrt der vergessen geglaubte Forschergeist vielleicht schon bald zurück in die Berliner Klassenzimmer.

Text: Sabine Käsbohrer

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