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Sarah Wiener und Alex Sommerfeldt über Kochen mit Kindern

AlexSommerfeldt_SarahWiener_c_DominikButzmannSie setzt sich als Gastronomin, Buchautorin und Fernsehköchin vehement für ein gesundes und ausgewogenes Essen in. Er bringt Berliner Kindern und Jugendlichen mit speziellen Kursangeboten das Kochen bei. Beide kennen die Ansprüche und die Sorgen engagierter Eltern, wenn es um die richtige Ernährung ihrer Sprösslinge geht. Sarah Wiener und Alex Sommerfeldt im Gespräch über falsch  Ersatzkonflikte am Esstisch und die Lust am Selbermachen.

Mein Kind ernährt sich am Liebsten von Pommes und Pizza. Was kann ich tun?
SARAH WIENER: Gegen Pommes und Pizza ist per se nichts einzuwenden. Sie könnten vielleicht sagen: Okay, wenn du Pommes und Pizza möchtest, dann machen wir das jetzt mal selbst. Dann würde sich nämlich zeigen, was das für ein Aufwand ist.

Also am Besten alles selber machen?
WIENER: Ja, sicher. Geht ja schnell. Man weiß, was man isst, und es ist sicherlich nicht glutamatgetränkt. Das Problem fängt damit an, dass die meisten Eltern Mist kaufen, der dann im Süßigkeitenschrank oder in der Tiefkühltruhe gebunkert wird. Wenn die Kinder das wissen, ist es natürlich extrem schwierig, „Nein“ zu sagen. Ich würde keine stark verarbeiteten Fertigprodukte kaufen. Wenn du sowas nicht zu Hause hast, dann kannst du mit der Schulter zucken und sagen: Schatzi, das Leben ist kein Wunschkonzert.

Viele Kinder sehen das vielleicht anders.
WIENER: Ich glaube, in unseren Breitengraden haben wir ein falsches Verhältnis zur Ernährung, weil wir Angst haben, dass uns das Kind verhungert, wenn es nicht permanent gefüttert wird. Ich wette, dass 95 Prozent aller Mütter Bananen und Kekse mitnehmen, wenn sie mit ihrem Kind für zwei Stunden auf den Spielplatz gehen. Die Gut-Mutti hat Reiscracker oder Dinkelstangen dabei, die Schlecht-Mutti Gummibärchen oder Schaumschnitten. Viele glauben, dass Fürsorge bedeutet, den Kindern permanent was in den Mund zu stopfen. Und wenn sich das Kind weigert, etwas zu essen, dann sagen sie: Oh Gott, bevor mein Kind verhungert, gebe ich ihm lieber Pizza, weil es ja sonst nichts isst.

Heißt das, dass mein Kind das essen muss, was ich ihm vorsetze – oder gar nichts?
WIENER: Genau. Warum sollte man Kinder anders behandeln als sich selbst? Warum sollte man den wahnsinnigen Aufwand betreiben und für Kinder extra kochen? Natürlich isst nicht jeder alles. Und es gibt sicher auch eine Körperintelligenz, die intuitiv sagt: Das vertrage ich nicht, deswegen mag ich das nicht essen. Aber in der Regel ist es doch so, dass Eltern das Essen als Bestrafung oder alsvelohnung einsetzen in einem Stellvertreterkrieg für ganz andere Probleme, den sie nur verlieren können, weil sie Angst haben, dass sie nicht genug Liebe und Aufmerksamkeit aufbringen.

Angenommen, ich habe solche Fehler gemacht. Ist es dann schon zu spät? Oder wie kriege ich es hin, meinem Kind die schlechten Ess-Gewohnheiten wieder abzutrainieren?
ALEX SOMMERFELDT: Ich kann nur bestätigen, was Sarah sagt: Am Anfang steht das Selberkochen. Dadurch bekommen die Kinder einen ganz anderen Zugang zum Essen. Das erlebe ich immer wieder: Wer etwas selbst gemacht hat, probiert es wenigstens und erlebt vielleicht die Überraschung, dass die anderen Kinder es auch essen und für gut befinden. Der Geschmack ändert sich über die Jahre,vber darauf würde ich mich nicht verlassen. Ich würde einem Kind immer wieder neue Sachen anbieten. Kochen schult die Geschmacksnerven, und die Kinder lernen, neue Sachen zu akzeptieren.

Es ist eine interessante Beobachtung, dass Ersatzkonflikte ausgetragen werden, wenn es ums Essen geht. Darf man sich auf Verhandlungen einlassen? Darf man sagen: Okay, erst den Salat, und dann das Eis? Oder sollte man ganz konsequent sein?
WIENER: Ich wäre da ganz konsequent. Das ist eine Frage der Haltung. Wenn du dich auf solche Verhandlungen einlässt, hast du eigentlich schon verloren, weil du dem Eis damit einen Wert gibst, den es nicht haben sollte, während der Salat eine Abwertung erfährt, die er nicht verdient. Am allerstärksten ist natürlich das Vorbild: Wenn du jeden Tag in der Frühe nur Vollkornbrot isst, warum sollte dann dein Kind Weißbrot mit Nutella einfordern? Wenn du aber selber Cola trinkst und nebenbei beim Autofahren Nüsse oder Gummibärchen futterst, musst du dich nicht wundern, wenn deine Kinder dir das nachmachen.

Aber Kinder orientieren sich nicht nur an ihren Eltern, sondern auch an anderen Kindern und sagen: Der hat ein Eis, das will ich auch.
WIENER: Ja, richtig. Geschmäcker werden früh geprägt. Und natürlich gibt es immer auch Momente der Rebellion oder Phasen, in denen ein Kind über Wochen immer nur das eine essen will. Aber im Prinzip gilt: Selber kochen, um die Geschmacksnerven auszubilden und zu trainieren, ein Geschmacksgedächtnis anzulegen. Das fängt am ersten Tag an. Wenn du deinem Baby Austauschmilch oder Fläschenkost gibst, die jeden Tag gleich schmeckt, gehen schon extrem viele Geschmackseindrücke verloren.

Sollte man also schon direkt nach der Geburt damit anfangen, den Kindern die Lust an abwechslungsreicher Ernährung beizubringen?
WIENER: Damit sollte man schon in der Schwangerschaft anfangen. Wir wissen heute, dass die Ernährung während der Schwangerschaft die Marker der Genabschnitte bis zu den Enkeln beeinflussen kann. Das sind neueste Forschungsergebnisse!
SOMMERFELDT: Das ist wirklich so. Wir haben festgestellt, dass die Dinge, auf die meine Frau in der Schwangerschaft Lust hatte, heute die Lieblingsspeisen unserer Kinder sind.
WIENER: Wer mit künstlichem Vanillin groß geworden ist, im Fläschchen oder im Babybrei, der hat sein Leben lang eine Vorliebe dafür – Vanillin im Ketchup, Vanillin in der Suppe, Vanillin in der Nachspeise. Wenn ich das weiß, dann würde ich mir doch als Mutter oder Vater die Mühe machen und sagen: Ich koche selber, denn dann weiß ich auch, was drin ist. Mir wäre die Vorstellung jedenfalls unangenehm, dass der Geschmackssinn meines Sohnes mit künstlichen Aromastoffen nivelliert wird.

Mag ja sein, dass Kochen ein guter Weg ist, um die Geschmacksnerven zu trainieren und den Kindern ein Gefühl für Lebensmittel mitzugeben. Aber im Alltag fehlt dazu oft die Zeit, und man greift zu Lebensmitteln, die schon sehr weit vorbereitet sind, Stichwort: Convenience Food.

WIENER: Wir reden hier natürlich über ein Ideal. Kochen macht Mühe, aber Erziehung macht ja auch Mühe. Andererseits ist es falsch, dass Kochen immer als etwas Anstrengendes und Belastendes hingestellt wird. Frische Mayo machst du in zwei Minuten, wenn du die Zutaten hier liegen hast, Zitronensaft, Senf, Eier, Öl. Zwei Minuten mit dem Zauberstab.
SOMMERFELDT: Und ein Risotto geht schneller als eine Fertigpizza.
WIENER: Es gibt viele Gerichte, die überhaupt nicht zeitaufwendig sind. Die Frage ist eher: Was ist dir die Zeit wert, in der du kochst? Natürlich haben wir in unserer Gesellschaft ein Zeitproblem. Uns fehlt aber nicht nur die Zeit, unsere Kinder zu bekochen. Wir haben auch keine Zeit, uns um unsere Eltern zu kümmern; wir haben keine Zeit, Sport zu machen, in Ruhe zu essen, uns auch mal zu entspannen. Was wir mit unserer Zeit anfangen, ist letzten Endes eine Frage der Prioritäten. Ich behaupte deshalb, dass Kochen heutzutage ein politischer Akt ist.

Viele empfinden das Kochen dennoch als anstrengend, weil ihnen der Rhythmus und die Routine fehlt, aber das ist vielleicht auch etwas, das man trainieren kann.
SOMMERFELDT: Genau darum geht es in meinen Kursen, dass man den Kindern die Angst vor dem Selbermachen nimmt. Dass sie merken: Mensch, das geht ja ganz einfach, das geht ja ganz schnell. Und dann machen sie Mayo eine Woche lang in den verschiedensten Formen. Man muss auch sehen, dass Kochen mehr ist als Nahrungszubereitung. Kochen ist soziales Miteinander. Kochen stärkt das Selbstbewusstsein. Kochen ist Physik, Mathe, Chemie, Bio und vieles mehr. Die Kinder müssen abwiegen, sie müssen sich an den Herd trauen. So wird das Kochen für die Kinder zum Abenteuer: Sie können etwas alleine machen und haben am Ende ein Ergebnis, über das alle staunen und leben dabei auch noch gesund.
WIENER: Trotzdem bleibt die Zeitnot im Alltag natürlich ein Faktor. Dazu ist erstens zu sagen, dass es ernährungsphysiologisch völlig wurscht ist, ob du warm oder kalt isst…

Also reicht es auch mal, wenn ich einfach ein paar Brote hinstelle und ein paar Radieschen.

WIENER: Ganz genau. Einen guten Rohmilchkäse, ein paar Radieschen, ein paar Kräuter, Butterbrot mit Salz und Schnittlauch, ein gekochtes Ei. So what? Das Zweite ist: Man muss nicht jeden Tag den großen Zampano spielen und wie ein Weltmeister kochen. Was ist zum Beispiel gegen die Nudel zu sagen? Gar nichts. Man kann sie auf hunderttausend verschiedenen Arten zubereiten. Nur wenn diese Nudel immer in einer Fertigsauce ertränkt wird, die keinen Inhalt hat, und es gibt nicht mal einen Salat dazu – dann ist das ein Problem. Aber man sollte das Kochen auch nicht wie einen Extremsport betreiben, sondern ganz einfach damit anfangen.
SOMMERFELDT: Man bleibt ja nur für kurze Zeit ein Anfänger. Schon beim zweiten oder dritten Mal kommt die Routine.
WIENER: Ich hab noch einen anderen Vorschlag. Also wenn die Eltern tatsächlich mit dem Kochen überfordert sind – was ja eigentlich absurd wäre, weil das eine Grundkompetenz ist, die erste kulturelle Leistung der Menschheit –, wenn sie sich lieber eine DVD reinziehen, als am Herd zu stehen und Spaß mit ihren Kindern zu haben, dann wäre es doch eine gesellschaftliche Aufgabe und Verpflichtung, dass den Kindern das Kochen wenigstens in den Schulen oder am besten schon im Kindergarten beigebracht wird. Damit würde man auch Kinder erreichen, die vernachlässigt Sind und die sonst keine Chance haben.
SOMMERFELDT: Damit kann man nicht früh genug anfangen. Wenn man ein Kind in den ersten vier, fünf Lebensjahren mit Fast Food ernährt, wird es ein Leben lang die Freude an Fast Food behalten.
WIENER: Neueste Untersuchungen aus Amerika zeigen sogar, dass Kinder, die mit Fast Food aufwachsen, dümmer sind als andere Kinder, weil ihre Hirnvernetzung sich anders entwickelt.

Ihre Ambitionen in allen Ehren, und es gab ja auch noch nie so viele Kochsendungen und teure Küchen wie heute, aber letztendlich hat man doch den Eindruck, dass die Kinder immer dicker werden. Woran liegt das?
SOMMERFELDT: In Deutschland fehlt dem Essen noch die Wertigkeit. In keinem anderen Land geben die Leute so wenig von ihrem Geld dafür aus wie bei uns. Sie kaufen Motorenöl für 28 Euro pro Liter, aber sie zögern, ein ordentliches Olivenöl in ihren eigenen Motor zu packen, der ja auch noch eine Weile laufen soll. Und sie kaufen sich teure Küchen, in denen nicht gekocht wird. Immerhin es gibt erste Ansätze, Kochkurse, Kochshows…

…deren Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher Chips und Fertigpizza futtern…
WIENER: Viele Kochshows – Ausnahmen bestätigen die Regel – haben wenig mit dem Kochen an sich zu tun, da geht es um andere Dinge, um die Psychologie, um das Vorführen, um die Unterhaltung. Der Zuschauer delegiert die Arbeit und denkt sich: So könnte ich es eigentlich auch machen.
SOMMERFELDT: Beim Kochen geht es auch um die Versammlung um den Herd. Wenn wir das zu Hause nicht mehr haben, dann holen wir es uns halt aus dem Fernsehen.
WIENER: Dahinter steckt vielleicht auch eine atavistische Sehnsucht: In den Kochshows ist die Welt noch in Ordnung.Wenn du nicht mehr weißt, was du überhaupt in dich reinschüttest, ist es angenehm, zu sehen wie ein paar aufrechte Kerle mit weißen Mützen im Fernseh-Studio herumhampeln und tatsächlich mit Grundnahrungsmitteln hantieren.

Ein Thema, das in letzter Zeit Hochkonjunktur hat, ist der Vegetarismus. Immer mehr Eltern fragen sich, ob sie es verantworten können, ihren Kindern Fleisch zu geben? Wie stehen Sie dazu?
WIENER: Ich bin kein Vegetarier, aber ich glaube, dass wir alle zu viel Fleisch essen. Das tut uns selbst nicht gut, und dann ist es eine Frage der Weltgerechtigkeit, der Böden der zukünftigen Generationen. Wir brauchen zwar bestimmte Vitamin B12-Komplexe, deshalb wäre ich nicht dafür, mein Kindergartenkind vegan zu ernähren. Wir werden aber nicht umhin kommen, unseren Fleischkonsum massiv einzuschränken, weil die Ressourcen knapp werden und wir das Klima schädigen. Es mag unser Schicksal sein, Tiere zu essen, weil wir Teil dieses Ökosystems sind und da, wo wir stehen, Leben vernichten. Aber es ist bestimmt nicht unser Schicksal, Tiere zu quälen. Das ist ein großer Unterschied. Ich halte nichts davon, deformierte Hybridtiere zu züchten, um noch mehr Schnitzel zu haben, das dann im Überschuss nach Afrika geschickt wird. Ich halte auch nichts davon, dass für kranke Böden die passende Pflanze gezüchtet wird. Ich möchte ein gesundes Tier essen, wenn ich schon eins esse.
SOMMERFELDT: Ich bin ein Verfechter des Sonntagsbratens. Ich bezeichne mich als Bio-Vegetarier, weil ich nur Fleisch esse, wenn es aus biologischer Erzeugung stammt, und dann eben wirklich am Wochenende, so wie es früher war. In meinen Kochkursen habe ich auch gemerkt, dass man mit Bio-Fleisch gar nicht viel machen muss. Die Qualität spricht für sich selbst, es ist tolles Fleisch.

Gute Lebensmittel kosten Geld. Gutes Fleisch, Bio-Fleisch, kostet viel Geld.

SOMMERFELDT: Fast Food kostet auch viel Geld. Wenn ich die Zutaten für eine Familienpizza einzeln kaufe, kommt das kaum teurer als ein Fertiggericht. Und ein saisonales Produkt aus dem Bio-Laden ist auch oft preiswerter als importiertes Gemüse im normalen Supermarkt. Aber es ist nun mal teurer, auf dem Wochenmarkt Lebensmittel aus der Region zu kaufen, als mal eben zum Discounter zu gehen.
WIENER: Den Preis für Ihr Ersparnis beim Billigst-Discounter, wo Verkäuferinnen schlecht behandelt werden und man Augenkrebs kriegt, wenn man in die Regale greift – diesen Preis zahlen andere, den zahlen künftige Generationen. In unserer kleinen Gier und mit unserem kleinen Ego wollen wir heute einen Vorteil haben, der vielleicht nicht wieder gutzumachen ist. Denn wenn die Böden erst ganz kaputt sind, werden Ihre Kinder nichts mehr zu essen haben. Das ist dann das Ende unserer Zivilisation.

Aber was ist mit der alleinerziehenden Mutter mit kleinem Budget? Die kann es sich doch gar nicht leisten, beim Einkaufen immer auch an die Zukunft der Menschheit zu denken.
WIENER: Solange wir vom Huhn nur das Filet essen und den Rest in die Tonne treten oder nach Afrika schicken oder zu Hundefutter verarbeiten, will ich gar nicht darüber reden, das Lebensmittel bei uns zu teuer sind. Solange eine Stunde Parken in der Innenstadt mehr kostet als ein halbes Kilo Fleisch, will ich diese Diskussion nicht führen.

Interview: Heiko Zwirner und Christoph Bauer
Fotos: Dominik Butzmann

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