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Schlechtes Schulessen in Berlin

Zerkochte Nudeln, die sich mit einem großen Klecks Sauce zu einem undefinierbaren Brei vermengen, oder kalte Kartoffeln an kaltem Würstchen: Kantinenessen genießt keinen guten Ruf. Das gilt auch für die Speisen in der Schulkantine. Dabei erweisen sich gerade die Erwartungen an das Schulessen als besonders hoch. Schließlich werden unter anderem auch hier die Grundlagen für ein gesundes oder eben weniger förderliches Essverhalten gelegt. Steigende Übergewichtsraten beziehungsweise Essstörungen bei Kindern haben längst die Alarmglocken klingeln lassen. Seitdem Ganztagsgrundschulen in Berlin flächendeckend eingeführt sowie Horte und Grundschulen zusammengelegt wurden, bieten alle 430 Grundschulen eine Mittags­verpflegung an. Eigentlich eine ideale Voraussetzung, dass auch Kinder, die zu Hause eher Pommes und Pizza serviert bekommen, einmal am Tag die Chance auf eine gesunde, warme Mahlzeit mit viel Gemüse, Fisch oder Rohkost erhalten. Im­merhin will die Stadt mit den Berliner Qualitätskriterien für Schulverpflegung offenbar eine Vorreiterrolle bei der Einführung gesunder Schulverpflegung übernehmen. „Berlin ist das erste und bisher einzige Bundesland, das über Richtlinien für die Gestaltung des Schulessens verfügt“, berichtet etwa Michael Jäger von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Berlin. Die bundesweiten Vernetzungsstellen unterstützen Schulen dabei, ihr Verpflegungsangebot an Qualitätsstandards auszurichten und geben konkrete Hilfestellung. „Zehn von zwölf Berliner Bezirken berücksichtigen die Kriterien bereits bei der Vergabe von Catering-Aufträgen.“

Allerdings: Bindend sind diese Mindeststandards jedoch nicht. Qua­litätskontrollen finden nur selten statt. Gemeinsam mit der AOK hat die Vernetzungsstelle Schulverpflegung nun die erste landesweite Befragung von allgemeinbildenden Schulen zu ihren Verpflegungsangeboten durchgeführt. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Keiner der geprüften Speisepläne der befragten Schulen erfüllte alle Qualitätskriterien. Die empfohlenen Warmhaltezeiten wurden meist deutlich überschritten. Auch der Anteil an Rohkost und Frischobst lag weit unter den Richtlinien. Ebenfalls erschreckend ist die relativ geringe Inanspruchnahme des Angebots: Knapp die Hälfte der Grundschüler nimmt nicht am täglichen Essen teil. Als Grund dafür wurden, neben der mangelnden Qualität des Essens, die Kosten angegeben. Durchschnittlich kostet ein Mittagessen zwischen 1,60 Euro und 4,20 Euro.

Den Spagat zwischen guter Qualität und den Kosten sieht auch Claudia Dirschauer vom Verband der Ökotrophologen als Kernproblem: „Bei der Planung und Umsetzung der Schulverpflegung dürfen professionelle Kräfte wie Ökotrophologen nicht fehlen.“ Auch das erhöht die Kosten. „Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass die Teilnahme aller Schüler am Schulessen gesichert wird.“ Mehrere Berliner Schulen bieten derzeit eine schulinterne Unterstützung für sozial benachteiligte Schüler an. Außerdem unterstützen viele Fördervereine die Schulverpflegung finanziell. Dirschauer: „Das ist sehr zu begrüßen. Langfristig lässt sich das Problem aber nur mit einem bundesweit kostenlosen oder stark subventionierten Schulmittagessen lösen.“

Aber nicht nur bei der Finanzierung des Schulessens übernehmen Eltern eine wichtige Rolle. In vielen Schulen gibt es Küchenkommissionen, in denen Eltern die Schule bei der Kommunikation mit den Caterern und der Gestaltung der Speisepläne nach den Bedürfnissen der Kinder unterstützen. Eine deutlich stärkere Einbeziehung der Schüler in die Diskussion wünscht sich hingegen der Schüler Christoph Walter. Aufgrund der „bemerkenswert überdenkbaren“ Situation in Schulmensen gründete er gemeinsam mit Freunden im August den Verein „Gesunde Schulverpflegung für deutsche Schüler/innen“: „Wir sind damit die erste Schülerinitiative, die sich mit dem Thema befasst“, sagt Walter. „Unser Ziel ist es zu zeigen, dass Schüler auch Ideen haben, die wir transparent machen möchten.“ Erstes Projekt der Schülerinitiative ist ein Benefizbankett mit Showküche, das die Wünsche und Ideen der Schüler in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken soll. Walter: „Es wird immer viel geredet, jedoch werden die Betroffenen nicht angehört. Und die müssen den Fraß schließlich am Schluss essen.“

Text: Sabine Käsbohrer
Fotos: Betty Myller

www.vernetzungsstelle-berlin.de
www.vdoe.de (Verband der Oecotrophologen e.V.)
www.gesunde-schulverpflegung.de
www.sarah-wiener-stiftung.de (Koch- und Ernährungsweiterbildungs-Projekt für Schulen und Kindergärten)

 

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