Familie

Schule mit Beistand

(c) Gerd Altmann / pixelio.de

Stichtag 8. April: Bis dahin müssen weiterführende Schulen entschieden haben, welche­ Kinder sie in die siebten Klassen aufnehmen. Bis Mitte April erfahren die Eltern dann, welche Schule ihr Kind nach den Ferien besuchen wird. Falls es nicht an der Wunsch-Schule angenommen wurde, müssen sie sich sogar bis Mai gedulden. Solange dauert es, bis eine sogenannte regionale Ausgleichskonferenz zur Lenkung der Schülerströme dem Kind eine Schule zugewiesen hat.
Dieses Prozedere ist neu und nennt sich Schulstrukturreform. Man könnte auch sagen, hier findet ein Groß-Versuch mit rund 26?000 unfreiwillig teilnehmenden Schülern statt. Denn um die Wünsche der Schüler geht es nicht, die zum Beispiel in Wohnungsnähe oder mit langjährigen Schulfreunden zusammenbleiben wollen. Auch die Wünsche der Eltern, ihre Kinder an einer Schule mit gutem Ruf unterzubringen, zählen nicht. Vielmehr dürfen sich erstmals die Schulen ihre Schüler nach Noten aussuchen. Doch an welcher Schule welcher Notendurchschnitt gilt, ist bis zum 8. April geheim. Ein Großteil der Schüler erfährt erst ab Mitte April, ob sie an der Wunschschule angenommen wurden – oder in den Lostopf wandern.
(c) Gerd Altmann / pixelio.deNur manche Eltern haben bereits seit der Anmeldung im Februar Gewissheit. Etwa Daniela H. aus Tegel. Ihre Tochter soll das Internatsgymnasium auf der Insel Scharfenberg besuchen. Eine Schule mit sehr gutem Ruf. „Der Direktor hat uns schon bei der Anmeldung mitgeteilt, dass meine Tochter mit dem Notenschnitt von 1,2 definitiv einen Platz bekommen wird.“ Auch Elisabeth S. aus Kreuzberg blickt dem Stichtag sehr gelassen entgegen: „Meine Tochter hat die inoffizielle Zusage für das Albert-Einstein-Gymnasium in Britz wegen ihres Notendurchschnitts von 1,1 schon bekommen.“
Und was tun Eltern, deren Kinder zwar eine Gymnasialempfehlung haben, bei denen­ aber eine zwei vor dem Komma steht? „Viele Eltern haben sich strategisch verhalten und ihr Kind freiwillig an einem nicht so beliebten Gymnasium oder gleich an einer Sekundarschule angemeldet“, so Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Viele Eltern seien hochgradig verunsichert und Rechtsstreitigkeiten die Folge. „Das heißt, Eltern mit Rechtsanwalt werden gegen Eltern ohne Rechtsanwalt tätig“, vermutet Peiritsch. Er berichtet von einer übernachgefragten Schule in Zehlendorf, die wegen des Notendurchschnitts zu einer überwiegenden Mädchenschule werden könnte, da Mädchen mit zwölf Jahren oft bessere Noten hätten. Peiritsch: „Diese Schulreform wird das Gegenteil einer­ sozial gerechteren Schullandschaft bewirken.“
Auf das Schulrecht spezialisierte Anwälte­ rechnen mit einer Klagewelle ab April. Manche Kanzleien haben, wie das Berliner ­Büro der Rechtsanwälte Linderhaus, Stabreit, Langen, bereits entsprechende Informa­tionsblätter herausgegeben. „Insgesamt nehmen Klagen im Schulbereich zu“, weiß Simone Pietsch, Rechtsanwältin für Schul- und Hochschulrecht. „Viele Klagen richten sich gegen Lehrer, von denen sich Schüler gemobbt fühlen, und zunehmend klagen Eltern auch gegen die Notenvergabe.“ Eine eins im Wedding ist nicht unbedingt auch eine eins in Dahlem. „Ich habe auch schon erlebt, dass Schulen die Förderprognose falsch berechnet haben“, so Pietsch. Insgesamt verschärfe sich die Situation an den Gymnasien. Pietsch: „Gerichte werden jetzt zu klären haben, inwieweit der Gleichheitsgrundsatz von der Schulreform berührt ist.“
(c) Claudia Hautumm / pixelio.deDie Senatsschulverwaltung ficht das nicht an. So seien die Eltern durch zahl­reiche Informationen in Tageszeitungen, Radio- und Fernsehsendungen und von Beratern der Senatsverwaltung umfassend über den Ablauf informiert worden. Und auf die Frage, ob die Senatsverwaltung glaubt, dass es nach Bekanntgabe der Schulplatzvergabe zu Klagen von Eltern kommen wird, antwortete Beate Stoffers, Pressesprecherin des Schulsenats: „Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich nicht zu ‚Glaubensfragen‘ äußere. In diesem Zusammenhang sei nur darauf hingewiesen, dass die Aufnahme­kriterien der Schulen sowohl von den Bezirken als auch von uns auf ihre Rechts­sicherheit überprüft wurden.“
Das kann sein, aber bisher führten Schulplatz-Klagen größtenteils zum Erfolg. „Wegen Geldknappheit haben die Bezirke bisher solchen Klagen nachgegeben, und Klassen entsprechend mit Schülern überfüllt“, erklärt Peiritsch. Der Vorsitzende des Landeselternausschusses rät Eltern aber nicht zu klagen, sondern sich politisch zu wehren. „Wir bereiten gerade die Aktion ‚Rote Karte‘ vor, wo wir dezidiert auf den Raubbau an Schulen mit konkreten Beispielen hinweisen.“
Auch die Autorin und Eltern-Expertin Gerlinde Unverzagt hält den Gang zu Anwälten nicht für den richtigen Weg. Allerdings rät sie dem Senat, die Tendenz, dass Eltern versuchen ihre Interessen mit Anwälten durchzusetzen, sehr ernst zu nehmen: „Das verrät viel über das Gefühl der Machtlosigkeit der Eltern gegenüber dem System.“ Ihrer Meinung nach sei es längst an der Zeit, mit den Behörden gleichzuziehen: „Bei den Ämtern gibt es Gleichstellungsbeauftragte, bei der Bundeswehr den Wehrbeauftragten – nur an der Schule finden Kinder und Eltern kein Gehör.“ Gäbe es einen Schulbeauftragten, er käme vielleicht zu dem Schluss, dass man das Schulsystem liberalisieren müsste. Unverzagt: „Man muss den Eltern endlich die Freiheit geben, das Beste für Ihre Kinder umsetzen zu können.“

Text: Britta Geithe

Fotos oben und mittig: Gerd Altmann / pixelio.de

Foto unten: Claudia Hautumm / pixelio.de

Aktion „Rote Karte“
www.bildungsprotest.lea-berlin.de

Eltern an die Macht
Gerlinde Unverzagt: „Eltern an die Macht – Warum wir es besser wissen als Lehrer, Erzieher und Psychologen“, Ullstein, 2010, 240 Seiten, 18 Euro

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