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Schule ohne Rassismus und Diskriminierung

An die ersten Tage in seiner neuen Schule, der Katharina-Heinroth-Grundschule in Wilmersdorf, erinnert sich Malik Yandiew* nur ungerne: „In den Pausen bin ich von Jungs umringt worden, die mir sagten ,He, was willst du in Deutschland? Hau ab!‘“ Später, so vertraute sich der elfjährige tschetschenische Junge seinem Vater an, soll es sogar zu Tätlichkeiten gegen ihn gekommen sein – ohne dass Lehrer eingriffen. Dabei war die Familie erst im Mai 2009 vor Krieg, Gewalt und Diskriminierung nach Berlin geflohen. In einem Asylheim an der Brandenburgischen Straße kam man unter. Die Einzugsschule für die Kinder des Heims, auf die ab Anfang September auch Malik ging: die Katharina-Heinroth-Grundschule.

Maliks Vater suchte das Gespräch mit der Schule, wollte nach eigenen Aussagen eine bessere Aufsicht in den Pausen anmahnen. Doch jedes Mal fühlte er sich abgewimmelt. Anfang Oktober schließlich „rief mich ein Freund an, sagte, dass Malik von anderen Kindern verletzt worden sei. Ich bin daraufhin sofort zur Schule und habe meinen Sohn zum Arzt gebracht.“ Weil Malik nach diesem Vorfall nicht mehr zur Katharina-Heinroth-Schule wollte und die Schule, laut Maliks Vater, sich mit dem Konflikt nicht auseinandersetzte, wendete er sich schließlich an die Berliner Antirassistische Initiative e.V. (ARI), die den Vorfall öffentlich machte. Erst daraufhin, so scheint es, setzten in der Schule hektische Aktivitäten ein. Man veranlasste einen Brief des Personalrats der LehrerInnen und ErzieherInnen in Charlottenburg-Wilmersdorf an die ARI, in dem jegliche Verantwortung der Schule bestritten und der Konflikt vor allem als Resultat „einer verfehlten Asyl- und Migrationspolitik“ eingestuft wird.
Vor allem der Vorwurf, an einer Schule sei Rassismus vorgekommen, rufe oft allergische Reaktionen bei Lehrern und Schulleitung hervor, hat Nuran Yigit, Projektleiterin des Antidiskriminierungsnetzwerkes Berlin immer wieder erfahren. Mit pawlowscher Zuverlässigkeit würde dann seitens der Schule vorgebetet, wie viele Nationalitäten an dem jeweiligen Lehrinstitut versammelt seien und dass schon aus diesem Grunde Rassismus völlig ausgeschlossen sei. „Dabei gibt es überall, wo Menschen zusammenkommen, schon mal Ärger, so auch in Schulen“, sagt Nuran Yigit. Und dazu gehörten eben auch Fälle von Rassismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit oder andere Formen von Diskriminierung.

Statt sich gegen Kritik abzuschotten, rät Nuran Yigit den Schulen zum klas­sischen Konfliktmanagement. Dessen Grundbestand­teil: „Die Beschwerde, die gefühlte Diskriminierung, ernst nehmen und Schritt für Schritt mit allen Beteiligten nach Lösungsvorschlägen suchen.“ Das bundesweite Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ geht noch einen Schritt weiter. Während man sich beim Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin vor allem als Ansprechpartner einzelner Menschen begreift, diese vom Beschwerdebrief bis hin zum Vermittlungsgespräch begleitet, betrachtet man bei „Schule ohne Rassismus“ die Lehranstalt, Klassen oder Jahrgangsstufen als Ganzes. „Wir sind eine Koordinierungsstelle“, erklärt die Projektleiterin Sanem Kleff. Wenn an einer dem Projekt angeschlossenen Schule „etwas passiert“ sei, überlege man gemeinsam mit allen Betroffenen, ob es Sinn mache, eine Lehrerfortbildung, ein Diversity-Training  oder themenbezogene Theater-Workshops für Schüler zu vermitteln.

Andreas Hartwig ist Diversity-Trainer, hat unter anderem in Lichtenberger Schulen gewirkt und erklärt sein Vorgehen: „Zunächst versuche ich meist, die Teilnehmer für Diskriminierung zu sensibili­sieren und einen Perspektivenwechsel zu erreichen.“ Dazu würde etwa eine Klasse mit Linien in unterschiedliche Flächen unterteilt. In den einen Bereich kämen die nach zufälligen Kriterien ausgewählten vorgeblich  „Überlegenen“, die beim anschließenden Rollenspiel klar bevorzugt würden. In den anderen Bereich müssten die vermeintlich „Schlechten“. Sehr wirkungsvoll sei vor allem die plötzliche Einordnung als „Loser“. „Man sieht es den Gesichtern der Kinder an, wenn sie verstehen, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu sein.“
Auf die Fragen an Renй Friedrich, Leiter der Katharina-Heinroth-Grundschule, welche Problembewältigungsstrategie im Falle von Malik Yandiew an seiner Lehranstalt zur Anwendung kam oder ob er wüsste, dass sich auch andere Kinder aus dem Asylheim an seiner Schule gemobbt fühlten, erhielt der tip indes keine Antwort. Stattdessen erreichte uns eine Mail der Pressestelle der Senats­verwaltung für Bildung, Wis­sen­schaft und Forschung. Darin heißt es knapp: „Die Senatsbildungsverwaltung teilt die Haltung der Schule und erwägt juristische Schritte gegen die Ini­tiatoren der falschen und rufschädigenden Beschuldigungen.“

Text: Eva Apraku
Foto: Metin Yilmaz

*Name von der Redaktion geändert

www.schule-ohne-rassismus.org
www.adnb.de (Antidiskriminierungsnetzwerk)
www.reachoutberlin.de (Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus und Rassismus)
www.living-diversity.de Homepage des Diversity-Trainers Andreas Hartwig
www.drk-berlin.net Die DRK bietet außerschulisches soziales Kompetenztraining an, bei dem Kinder lernen, sich in einer interkulturellen Welt gewaltfrei zurechtzufinden

 

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