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Theater zu entdecken: Das Theater o.N. hieß früher Zinnober

Theater_o.N.Ein Zuschauer stapft unerschrocken auf die Bühne, ein anderer wird weinend hinausgetragen. Die übrigen verfolgen umso gebannter, wie eine Raupe sich entpuppt und zum Schmetterling wird. „Kokon“ heißt das Stück des Theaters o.N., das die Spielerin Minouche Petrusch und der Musiker Gerhard Schmitt an diesem Morgen vor einer Kita-Gruppe aus Zweijährigen aufführen. Eine überaus charmante, sinnliche Performance über das Wachsen, die mit Wasser, Walnüssen und einfachen Bildern arbeitet und die Kinder von Beginn an mitnimmt. Die danken es mit aufgeregten Zwischenrufen und staunenswerter Konzentration.

Die Allerjüngsten werden ja selbst im Kinder- und Jugendtheater als Zielgruppe meist vernachlässigt. Nicht so am Theater o.N. Seit Ania Michaelis die kleine Bühne an der Kollwitzstraße zur Spielzeit 2010/11 als künstlerische Leiterin übernommen hat, sind Stücke für Menschen ab zwei hier eine der Säulen des Programms: meist halbstündige Miniaturen, die wie „Kokon“ oder auch „Kling, kleines Ding“ die Welt spielerisch begreifbar machen.
Gegründet wurde das Theater o.N. Ende der 70er-Jahre als erstes freies Theater der DDR, noch weit über die Wende hinaus stand es für Kunst im Kollektiv und Stückentwicklungen, bei denen die Macher aus der eigenen Biografie schöpften. Aus dem Ursprungsensemble sind immer noch vier Künstler am Haus aktiv, und im Abendprogramm gibt es weiterhin Arbeiten für Erwachsene. Aber das Credo der Bühne lautet nun eben, wie Dramaturgin Dagmar Domrös formuliert: „Jeder hat ein Recht auf Theater – gleich welchen Alters oder welcher sozialen Herkunft.“     

Theatero.N._KokonWas zum zweiten Schwerpunkt führt, den Ania Michaelis etabliert hat: Projekte im Problembezirk Hellersdorf. Der Kiez ist nicht weniger kinderreich als das Wohlfühlviertel Prenzlauer Berg, nur ist hier jede dritte Mutter alleinerziehend und jeder Fünfte arbeitslos. Kinderarmut ist ein großes Thema. Seit 2010 engagieren sich die o.N.-Spieler vor Ort mit verschiedenen Kooperationspartnern, machen Theater für die jungen Hellersdorfer und mit ihnen.
In der Grundschule am Schleipfuhl ist mit einer Gruppe von Erst- bis Drittklässlern das Stück „Teufelsschatz“ entstanden, ein Maskenspiel rund ums Thema „Herz“. Inspiriert von dieser Arbeit haben die Künstler wiederum das Stück „Herzmonster“ für Menschen ab sechs gedichtet, das sie sowohl an der Kollwitzstraße spielen als auch den Hellersdorfer Kids zurückbringen – ein reger wechselseitiger Austausch. Und zusammen mit dem Kinder- und Jugendwerk Die Arche e.V. ist das biografische Jugendprojekt „Was wäre wenn“ initiiert worden, das ebenfalls in beiden Berliner Welten aufgeführt wird.

Es ist in Hellersdorf nicht ungewöhnlich, dass Lehrer morgens die Eltern säumiger Schüler per Anruf wecken müssen. Familiäre Krisen gehören zu jeder Projektentwicklung dazu. Mit umso größerem Respekt beschreibt Dramaturgin Domrös, wie sie etwa die Begegnung mit Jugendlichen in der Arche erlebt: „Die strahlen eine fast einschüchternde Kraft und Lebenspower aus. Da spürt man einen enormen Erfahrungsschatz.“ 

Text: Patrick Wildermann
Fotos: Vera Strobel, Till Budde

„Kokon“
z.B. am 24., 25.3., 16 Uhr, 21.–23.3., 10 Uhr (mit Voranmeldung)
Kling, kleines Ding
31.3., 14., 15.4., 16 Uhr, 28.–30.3., 18.–20.4., 10 Uhr (mit Voranmeldung)

 

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