Familie

Türkiyemspor macht’s vor

tuerkiyemWährend Populisten am rechten Rand mit Anti-Integrationsparolen auf Stimmenfang gehen, tritt die deutsche Fußballnationalmannschaft mit einem Team auf, in dem eine beachtliche Zahl der Spieler einen Migrationshintergrund hat, und scheint das Gegenteil zu beweisen: Der Fußball und seine vielleicht besondere Fähigkeit zur Integration ist ein großes Thema. Den Traum, Profifußballer zu werden, träumen unzählige Kinder und Jugendliche. In Kreuzberg ist ein Verein beheimatet, der ein Sprungbrett sein kann, aber der gleichzeitig wie kaum ein anderer für Integration durch Sport steht: Türkiyemspor.

Trotz der aktuellen Probleme des Vereins, der nur knapp an einer Insolvenz vorbeischlitterte und dessen Herrenmannschaft
in der Regionalliga Spiel um Spiel verliert, schreibt er weiter positive Geschichten. Allen voran die B-Jugend: Die unter 17-Jährigen spielen nach dem schon sensationellen Aufstieg in der letzten Saison auch in der Junioren-Regionalliga, der zweithöchsten Spielklasse im Jugendbereich, oben mit. Die Mannschaft von Trainer Özkan Berber besteht etwa im Gegensatz zur A-Jugend, in der sich gleich neun Nationen tummeln, zu einem großen Teil aus türkischstämmigen Jungs. Der linke Außenverteidiger Sören Hartwig ist als einziger Deutscher eine Ausnahme. „Ich fühle mich in dieser sehr guten Mannschaft wohl“, sagt er. Wer eine Sprachbarriere vermutet, irrt: „Es wird viel deutsch gesprochen, wenig türkisch.“

„Das ist bei allen 16 Jugendmannschaften von Türkiyemspor so“, sagt Vincent Aydin aus dem Media Team. „Der Verein will die Jungs aus dem Kiez sportlich ausbilden und sozial fördern.“ Und diese Ausbildung endet nicht am Spielfeldrand. Der Verein engagiert sich – trotz Widerständen – für Mädchenfußball, erst kürzlich wurde ein Mädchenteam aus Jerusalem unter Geheimhaltung eingeflogen, und im Kampf gegen Homophobie. So unterstützt Türkiyemspor die Respect Gaymes. „Die Jugendlichen sollen sehen, dass der Verein einen normalen Umgang pflegt. Wir fördern Integration und Gleichstellung“, sagt Aydin.

Neben den aufgehäuften Schulden plagen den Verein aber zurzeit noch andere Probleme, die eine Weiterentwicklung gefährden. Eine echte Heimat in Berlin hat er bisher nicht. Türkiyemspor spielt und trainiert auf mehreren Plätzen, verteilt in der ganzen Stadt. Das Vereinsleben leidet darunter. „Unsere erste Mannschaft reist im Winter durch die Stadt und muss sich einen Platz mit der dritten D-Jugend vom SV Empor teilen“, sagt Aydin, der darauf hofft, dass dem Verein ein Stück der Tempelhof-Fläche zugeteilt wird. Vielleicht kommt der nächste Mesut Özil nicht aus dem Ruhrpott, sondern aus Kreuzberg, Neukölln, Moabit oder Wedding.

Text: Denis Demmerle

 

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