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U18-Abgeordnetenhauswahl in Berlin

kinder_bei_stimmabgabeÜberall in der Stadt hängen die Plakate an Straßenlaternen oder an dünnen Baumstämmen. Darauf zu sehen sind Menschenköpfe – seriös mit Hemd und Krawatte oder hip mit rot gefärbten Haaren. Ein unübersehbarer Hinweis, der auch den letzten Politikmuffel erreicht: In Berlin wird am 18. September das Abgeordnetenhaus gewählt. Berechtigt zur Teilnahme: volljährige deutsche Staatsangehörige. Ausgeschlossen von der Wahl ist eine Minderheit, denen die Parteien selten zuhören: Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Das Projekt U18 verleiht ihnen trotzdem eine Stimme, denn neun Tage vor den eigentlichen Wahlen haben sie dabei die Möglichkeit, ihr Kreuz in nachgestellten Abstimmungen auf einen Stimmzettel ihres Wahlkreises zu setzen. Das hat zwar keinen direkten Einfluss auf die Politik, aber die Initiative – getragen vom Deutschen Bundesjugendring, den Berliner Bezirksämtern und vielen mehr – verfolgt dennoch konkrete Ziele: „Wir sensibilisieren auf diesem Weg die politischen Verantwortlichen für die Belange junger Menschen“, erklärt Milena Feingold, die Koordinatorin für das U18-Projekt zur Berliner Abgeordnetenhauswahl. „Außerdem wollen wir das Interesse von Jugendlichen an Politik steigern und sie ermuntern, ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu werden“, so Feingold weiter. „Sie sollen ihre eigenen Belange erkennen und diese dann auch formulieren können.“ Vor diesem Hintergrund nahm das Projekt 1996 seinen Anfang. Vor 15 Jahren wurden zum ersten Mal Parallel-Wahlen in einem Jugendclub in Berlin-Mitte abgehalten. Damals gaben 40 Teenies ihre Stimme ab, mittlerweile ist die Bewegung so groß, dass für die Bundestagswahl 2009 in ganz Deutschland 130.000 Kinder und Jugendliche ihr Kreuz auf den Stimmzettel setzten.

Der Erfolg der U18-Wahlen liegt zum großen Teil daran, dass jeder unter 18 Jahren mitmachen kann. Und zwar nicht nur bei den Wahlen, sondern auch als Einrichtung, die als Wahllokal fungieren möchte. Für die U18-Abgeordnetenhauswahl am 9. September haben sich über 240 Abstimmungsorte angemeldet. Vom Kinderbauernhof im Görlitzer Park bis zur Rudolf-Virchow-Oberschule in Marzahn – alle Bezirke sind gleichmäßig abgedeckt durch Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen, Schulen, Schulclubs, Sportvereine, Bibliotheken, Schwimmbäder und mehr. „Es gibt sogar mobile Wahllokale“, sagt Feingold. „Die machen dann mit ihrem fahrbaren Untersatz an öffentlichen Plätzen für eine Stunde halt, lassen wählen und fahren zum nächsten Ort.“ Der Wahlvorgang selbst ist allerdings nur die Spitze des Eisberges, die auf einer monatelangen Vorbereitungsphase ruht. Lange vor dem Stichtag werden Kinder und Jugendliche für Politik interessiert, Kenntnisse über Wahlen vermittelt, Diskussionen geführt, die zu einer Entscheidung für eine Partei führen. Die Palette der Vorbereitungsmaßnahmen ist vielfältig und reicht von Aktionen wie dem Alexanderplatz-Tag, bei dem sich unter 18-Jährige am Fernsehturm treffen und dem „Politiker ihrer Wahl“ – eine Person in einem weißen Maleranzug – ihre Wünsche auf den Körper schreiben oder Postkarten mit ihren Forderungen an Berliner Politiker schicken. In Wahllokalen werden die Wahlurnen für den Stichtag gebastelt, in Kinos werden Filme gezeigt, die sich kindgerecht um die Verwirklichung der Grundrechte drehen. Und, und, und. Das läuft alles so erfolgreich, dass die Macher des U18-Projektes in diesem Jahr ein weiteres Ziel verfolgen: „Wir möchten die Diskussion über eine Wahlaltersenkung auf 16 Jahre anregen“, sagt die Koordinatorin. „Unsere Erfahrungen seit 1996 zeigen, dass Jugendliche äußerst verantwortlich mit Wahlen umgehen. Das bestätigen auch aktuelle Studien.“ Um diese These weiter zu untersuchen, werden die U18-Wahlen diesmal wissenschaftlich begleitet. Um den Weg auf Landesebene zu ebnen für ein Verfahren, das auf Kommunalebene schon funktioniert: Seit 2006 dürfen sich Jugendliche ab 16 Jahre bei der Wahl der Bezirksvollversammlung in Berlin beteiligen.

Text: Wiebke Heiss

Foto: U18-Netzwerk

U18-Abgeordnetenhauswahl Wahltermin: 9. September 2011, die Wahllokale schließen wie bei „echten“ Wahlen
um 18 Uhr, die Liste der Wahllokale steht auf der Internetseite des U18-Projektes unter www.u18.org/berlin/wahllokale

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