Familie

Was tun gegen Schulstress?

Dr_Sibylle_WinterFrau Dr. Winter, wie denken Sie darüber, dass Kinder in Berlin schon mit fünf Jahren eingeschult werden?
Grundsätzlich finde ich, dass man Kinder eher später als früher einschulen sollte. Mittlerweile haben Eltern in Berlin aber wieder die Möglichkeit, ihren Sohn oder ihre Tochter ein Jahr zurückstufen zu lassen, wenn das Kind noch nicht reif genug ist.

Wann ist ein junger Mensch denn reif genug, um zur Schule zu gehen?
Nur ein frühreifes und fittes Kind kann schon mit fünf Jahren vier Stunden lang still sitzen. Man muss sich den Moment zur Einschulung wirklich gut überlegen. Generell ist es die größte Anpassungsleistung, die ein Mensch im Leben leisten muss. Plötzlich muss ein Kind den Alltag hinkriegen, es muss Sachen planen können, wie zum Beispiel allein auf die Toilette zu gehen, still zu sitzen, in den Pausen zu essen. Bisher war das Kind mit 15 anderen in einer Gruppe in der Kita und nun sind es plötzlich 30. Der Fokus liegt nun auf dem Lernen und nicht mehr darauf, soziale Kompetenz zu erlernen. Es muss plötzlich sehr viel bewerkstelligen an einem Tag, der sehr lang für einen kleinen Menschen ist. Wenn ein Kind das alles hinkriegt, ist es reif für die Schule.

Beobachten Sie seit der Einführung der Einschulung ab fünf mehr Probleme?
Aus meiner Erfahrung kann ich schon sagen, dass mehr Erstklässler zu uns kommen. Eine zu frühe Einschulung bedeutet viel Stress. Dazu kommt auch noch die Flexklasse, in der Kinder aus verschiedenen Jahrgängen zusammen lernen. Es gibt keine feste Klassengemeinschaft über mehrere Jahre hinweg, man ist häufiger mit neuen Lehrern konfrontiert. Dadurch entsteht für das Kind auch Unruhe und somit Stress. Die Belastungen haben einfach zugenommen.

Was können Eltern in dieser Phase tun?
Verändert sich etwas im Leben, dann ist es immer wichtig einen engen Kontakt zu Kindern zu halten. Eltern könnten zum Beispiel jeden Samstag Vormittag mit dem Kind besprechen, was in der Woche passiert ist. Man sollte auch regelmäßig Gespräche mit den Lehrern führen, damit man weiß, wie das Kind sich in der Schule verhält. So, dass Eltern nicht erst am Zeugnis sehen, wenn sich das Kind zurückzieht oder einfach abschaltet.

Die Belastungen halten mittlerweile aber während der gesamten Schullaufbahn an.
Das stimmt. Die fünfte und sechste Klasse ist auch sehr stressig, weil die Bewerbungen für eine weitergehende Schule wirklich belastend sein können. In der 10. Klasse kommt auch noch der Mittlere Schulabschluss dazu und danach bleiben nur noch zwei Jahre bis zum Abitur. Das lässt wirklich wenig Luft für die Pubertät.

Wie drückt sich Stress bei Kindern aus und wann sollten bei Eltern die Alarmglocken schrillen?
Bei kleineren Kindern sollten Eltern aufmerksam werden, wenn sie öfter Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen haben. Das können psychosomatische Beschwerden sein. Nicht immer sagen sie „Ich möchte nicht zur Schule“ oder „Ich habe Angst“. Je älter Kinder werden, desto bunter werden auch die Beschwerden. Im jugendlichen Alter können Ängste oder Depressionen auftreten, es kann zu vermehrtem Alkoholkonsum oder Schulschwänzen kommen oder die Jugendlichen zeigen ebenfalls psychosomatische Beschwerden.

Wie können Mütter und Väter Ihre Sprösslinge am besten unterstützen?
Eltern sollten die Schule sehr ernst nehmen. Sie müssen anerkennen, dass zur Schule gehen wie ein Arbeitstag ist – es fordert sehr. Unterschätzen Sie auch den sozialen Stress für das Kind nicht. Dass es sich zum Beispiel in der Klasse durchsetzen muss. Das sind sehr viele Dinge, die man als kleiner Mensch schaffen muss. Und ganz wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern eine positive Einstellung zur Schule und zum Lernen vermitteln, dass sie an das System glauben. Auch wenn man tatsächlich viel zu kritisieren hätte, sollte man das nicht vor den Kleinen tun. 

Interview: Wiebke Heiss
Foto: David von Becker

Dr. med Sibylle Winter
ist als Oberärztin in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Charitй –
Universitätsmedizin, Campus Virchow, tätig

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