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Was tun, wenn das Baby immerzu schreit?

Erich-Kasten_pixelio.deDie Geburt von Sohn Lukas war schwierig. Nach 36 Stunden Wehen und einem Notkaiserschnitt erblickte Lukas dann endlich die Welt. Er schrie aus Leibeskräften. Und hörte damit auch die nächsten acht Monate nicht mehr auf. Bis zu zwölf Stunden brüllte Lukas täglich. „Sobald ich ihn nicht durch die Gegend getragen habe, fing er wieder an zu schreien“, sagt Katrin Weilbach (Name geändert). Die beunruhigte Mutter lief mit Lukas von Arzt zu Arzt. Die Diagnosen variierten: Koliken. Eine Schieflage. Oder eine Verkrampfung der Wirbelsäule. Nach mehreren Monaten Osteopathie und Bobath tippte eine Therapeutin dann auf ein Geburtstrauma. Sie riet Katrin Weilbach, zur Schreibabyambulanz zu gehen. „Ich kam mir vor wie in einem Dauerlauf. Ich stand ständig unter Strom. Und dann ist da ja auch noch der Schlafmangel“, erzählt Weilbach. Innerhalb weniger Tage erhielt die erschöpfte Mutter einen Termin. „In der Schreibabyambulanz hatte ich endlich die Möglichkeit abzuschalten und mal herunterzufahren.“ Bereits nach fünf Sitzungen konnte Katrin Weilbach erste Veränderungen des Schreiverhaltens von Lukas feststellen.

„Viele Mütter halten erstaunlich lange durch bevor sie zu uns kommen. Sie wollen es allein schaffen“, sagt Anja Hable, Körpertherapeutin und Leiterin der Schreibabyambulanz im Kreuzberger Stadtteilzentrum. In dem Moment wo sie sich Hilfe holen, wird es jedoch meist schon viel einfacher. Besonders wichtig ist das Ersttelefonat mit betroffenen Eltern: „Das Signal an die erschöpften Eltern muss lauten: Hilfe naht! Das bietet bereits erste Entspannung. Häufig kommen die Schreibabys zu ihrem ersten Termin dann schlafend zu uns.“ Insgesamt gibt es in Berlin mittlerweile knapp vierzig Anlaufstellen für Eltern mit unruhigen Babys. Die fünf Schreibabyambulanzen in den Berliner Nachbarschafts- und Stadtteilzentren sind bereits seit fünfzehn Jahren dabei. Sie verfolgen vor allem einen körpertherapeutischen Ansatz. „Das Schreien ist ein körperliches Symptom. Die Babys schaffen es nicht mehr zurück zur Ruhe zu kommen“, erklärt Hable. Zwar gibt es gegen das Schreien kein Patentrezept. Verschiedene Techniken wirken jedoch beruhigend auf die Kinder. In einem mit Matratzen ausgestatteten Raum arbeitet die Körpertherapeutin während ihrer Sitzungen mit den Eltern und ihren Kindern. Hable: „Natürlich höre ich mir erst einmal in Ruhe an was die Eltern erzählen. Wenn das Baby schreit, nehme ich es der Mutter auch einmal ab, damit sie zur Ruhe kommen kann. Ich massiere das Baby, manchmal auch die Mutter. Ich zeige den Eltern wie sie ihr Kind am besten tragen, um ihm den nötigen Halt zu geben. Auch Atmung und Stimme spielen eine wichtige Rolle.“

Bis zu zehn Sitzungen können Eltern die Krisenbegleitung der Schreibabyambulanzen in Anspruch nehmen. Die Sitzungen finden in der Regel einmal wöchentlich in den Räumen der Nachbarschafts – und Stadtteilzentren statt. Die Kosten sind  mit 30 Euro bzw. für ALG II Empfänger 10 Euro pro Sitzung nicht ganz unerheblich. Die restlichen Kosten werden mit Geldern von der Charlotte Steppuhn Stiftung, der Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin sowie Spendengeldern finanziert. Doch woran liegt es, dass die einen Kinder mehr schreien als andere? Hable: „Oft ist die Ursache eine traumatische Geburt oder Stress während der Schwangerschaft. Bei vielen Müttern resultieren daraus Versagensgefühle, die Raum brauchen, um verarbeitet zu werden. Viele Mütter sind auch überrascht, welche Anforderungen so ein Kind täglich an sie stellt. In der Gala sehen sie dann Angelina Jolie, perfekt geschminkt, mit sechs Kindern an der Hand. Und dann fragen sie sich, warum sie es am späten Nachmittag immer noch nicht aus ihrem Schlafanzug geschafft haben.“ In den Schreibabyambulanzen erhalten Mütter die nötige Unterstützung und das Gefühl nicht allein zu sein.

Text: Sabine Käsbohrer

Foto:  Erich Kasten/ pixelio.de

Adressen: Schreibaby-Ambulanzen der Nachbarschafts- und Stadtteilzentren

Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum in der ufaFabrik e.V. Viktoriastraße 10-18, Tempelhof, Tel. 75 50 31 22
Nachbarschaftsetage Fabrik Osloer Straße e.V. Osloer Straße 12, Aufgang A, 1. OG, Wedding, Tel. 493 90 42
Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. Kreuzberger Stadtteilzentrum Lausitzer Straße 8, rechter SF, Parterre (Kreuzberg),
Tel. 61 62 99 82
Frei-Zeit-Haus e.V. Weißensee Pistoriusstraße 23, Weißensee, Tel. 92 79 94 63
Nachbarschaftsheim Mittelhof e.V. Familienstreffpunkt Hohen­zollernstraße 4-6, Zehlendorf,
Tel. 80 10 90 78

Schreibabys im Internet: www.schreibabyambulanz.info

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