Überlebensstrategien

Familien und Helden – Beobachtungen bei den 51. Hofer Filmtagen

Ja, man meint immer noch, er müsse eigentlich jetzt gleich um die Ecke biegen: Der Geist des vor anderthalb Jahren überraschend verstorbenen Festivalleiters und -gründers Heinz Badewitz schwebt noch über dem Festival.

Thorsten Schaumann hat inzwischen die künstlerische Leitung bei den Hofer Filmtagen übernommen, und seine zurückhaltenden Auftritte wirken recht angenehm. Im Jahr 2 nach Badewitz hat er stark auf den Nachwuchs gesetzt – vermutlich nicht ganz freiwillig. Zwar waren die Hofer Filmtage immer schon eine Plattform für den jungen deutschen Film, aber auch neue Produktionen von renommierten hiesigen Filmemachern fanden hier stets einen Platz im Programm.

Doch die großen deutschen Regie-Namen sucht man im Jahrgang 2017 vergeblich, was ja für den Nachwuchs durchaus eine Chance ist, um sich zu profilieren. Seine Chance genutzt hat sicherlich Jan Zabeil. Sein Familiendrama „Drei Zinnen“ um einen kleinen Jungen und seinen Stiefvater war der Eröffnungsfilm in Hof und gewann den Förderpreis Neues Deutsches Kino (Kinostart: 14.12.). Alexander Fehling brilliert als neuer Mann an der Seite einer schönen Frau und kämpft im Urlaub in den Dolomiten um die Gunst ihres Sohnes.

Aus „Drei Zinnen“
Foto: Hofer Filmtage

Konflikte rund um sehr unterschiedlich geartete Familien war ein thematischer Schwerpunkt beim Festival. Einen der stärksten Beiträge lieferte Jan Speckenbach mit seinem Film „Freiheit“. Er erzählt von einer Frau um die 40 (grandios: Johanna Wokalek), die sich treiben lässt und in Bratislava landet, wo sie eine Stripperin kennenlernt. Mit der Zeit erfahren wir, dass diese Frau ihren Mann und ihre beiden Kinder von einem Moment auf den anderen sitzengelassen hat und nun wohl etwas „Leben“ nachholen will. Ohne jede Geschwätzigkeit führt Speckenbach die Konflikte dieser Frau für und zeigt in einer Parallelhandlung, wie deren Mann (Hans-Jochen Wagner) versucht, zuhause in Berlin Normalität zu leben (Kinostart: 8.2.2018).

Aus „Freiheit“
Foto: Hofer Filmtage

In eine ganz andere Art von Familie wird Jockel in „Von komischen Vögeln“ von Eike Weinreich katapultiert. Er hat Mist gebaut und muss nun in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung Sozialstunden ableisten. Vom Werkstattchef wird er dazu verdonnert, mit den Gehandicapten einen Chor zu gründen. Das ist hübsch anzusehen, sehr authentisch, dramaturgisch nicht immer überzeugend, aber sympathisch.

Aus „Von komischen Vögeln“
Foto: Hofer Filmtage

Samira Fansa und sein Ko-Regisseurin Jane Georges wiederum führen in „Deckname Jenny“ eine ganz andere Art von Familie vor: die radikale linke Szene, von denen einige diverse Aktionen planen. Dies ruft den Vater einer Revolutionärin auf den Plan, der selber in den 70ern zur „Bewegung 2. Juni“ gehörte. Fansa kennt sich gut aus im Milieu, allerdings hapert es schwer an der Dramaturgie und den nicht immer überzeugenden Schauspielern.

Aus „Deckname Jenny“
Foto: Hofer Filmtage

Und dann ist da noch die Familie in „Wir töten Stella“, eine neuerliche Verfilmung eines Romans von Marlene Haushofer nach „Die Wand“, wieder mit Julian Pölsler auf dem Regiestuhl und Martina Gedeck in der Hauptrolle. Doch dieses Mal bekommt Pölsler die literarische Vorlage um eine Familie, die eine junge Frau in den Tod treibt, nicht in den Griff. Gedeck erzählt ununterbrochen aus dem Off von den Vorkommnissen und hinterlässt so den Eindruck, als habe das Wort über das Bild gesiegt.

Aus „Wir töten Stella“
Foto: Hofer Filmtage

Da wenden wir uns doch lieber den Helden zu, es gab diverse in Hof 2017. Da ist zum einen Nico. Trine Dyrholm, die wunderbare dänische Schauspielerin, verkörpert hinreißend in „Nico, 1988“ die deutsche Sängerin, die mit Velvet Underground unsterblich wurde und später eine Karriere mit sehr düsteren Songs hinlegte. Regisseurin Susanna Nicchiarelli erzählt ungeschönt von den letzten Monaten Nicos und porträtiert eine Sängerin, die trotz ihrer Heroinsucht mit sich im Reinen ist. Und: die gelernte Sängerin Dyrholm singt die Nico-Songs selbst!

Einen wahren Helden spielt auch der stets souveräne Franz Rogowski („Love Steaks“) in „Lux – Krieger des Lichts“ von Daniel Wild. Denn Torsten Kachel ist überzeugt davon, dass er hinter der Maske des Superhelden Lux seine Heimatstadt Berlin etwas sicherer machen kann. Leider gerät er an eine üble Filmfirma, die seinen Spleen gnadenlos ausnutzt und mit Methoden der „scripted reality“ in das Leben des Superhelden eingreift. Ein ergreifendes Drama um einen wahrhaft guten Menschen, der durchaus Fragen an unser Zusammenleben stellt (Kinostart: 4.1.2018).

Aus „Lux – Krieger des Lichts“
Foto: Hofer Filmtage

Schön war es wieder in Hof, die Filmfamilie fühlt sich heimisch, und die Bratwürste sind immer noch Weltklasse. Festivalleiter Thorsten Schaumann ist es gelungen, den Geist des Festivals zu bewahren. Allerdings scheint es tatsächlich nicht einfach gewesen zu sein, an größere deutsche Filme heranzukommen. Oder wie ist es zu erklären, das der wichtige Programmplatz am Samstagabend um 20 Uhr im größten Kino für die Preview eines „Tatorts“ reserviert wurde? Damit tut das Festival sich und den anderen Filmen des Festivals keinen Gefallen.

www.hofer-filmtage.de

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