Berlin verstehen

Feindbilder in Berlin: Die Liste der nervigsten Gruppen – vom Urberliner bis zum Touri

Keine Berührungsängste! Das sind die Feindbilder in Berlin. In dieser Stadt leben dichtgedrängt knapp vier Millionen Menschen, fast automatisch teilen sie sich in diverse Gruppen auf: Urberliner, Zugezogene, Fahrradfahrer, Hipster, Öko-Muttis oder Schwaben. Zusammen ergeben diese Gruppen das besondere Berliner Gemisch.

Herkunft, besondere Vorlieben, ein spezieller Lebensstil oder nur die Art, wie man sich fortbewegt, stempelt einen schnell ab. Aber man stempelt auch selbst gerne. Klischees und Vorurteile funktionieren immer in beide Richtungen.

Hier sind die 12 Gruppen, die übereinander meckern und lästern. Zu irgendeiner zählt man immer, manchmal zu mehreren gleichzeitig und stellenweise zu einer bestimmten nur temporär. Viel Spaß damit und meckert nicht so viel… Wir lieben Euch doch alle!

Urberliner

Sänger und Entertainer Frank Zander im Olympiastadion.
Ein echter Urberliner, der relativ wenig meckert: Sänger und Entertainer Frank Zander im Olympiastadion. Foto: Imago/Camera 4

Biste in Spreewasser getauft? Icke, ditte, weeste! Der Urberliner ist stolz auf seine Herkunft, er wuchs in Lankwitz, Britz oder Schöneweide auf, so wie die Eltern und Großeltern. Er berlinert, er sah die Mauer fallen und alles andere auch schon. Er gehört zu einer seltenen Spezies, die ständig bedroht wird, findet er zumindest.

Er mag keine Veränderungen. Früher war es schon besser, sagt er. Vergisst aber, was früher wirklich war. Aber egal, nichts und niemand reicht an ihn heran. Er hat die Deutungsmacht über die Stadt und meckert natürlich über alle und jeden. Und nur er, der Urberliner, entscheidet, wer überhaupt Berliner ist oder sein darf. In den meisten Fällen lautet das Urteil: Du nicht!


Zugezogene

Feindbilder in Berlin: Pärchen trinkt Kaffee.
Pärchen trinkt Kaffee. Foto: Imago/Panthermedia

Das sind alle anderen. Also alle, die nicht zu den in Spreewasser getauften Urberlinern zählen. Die Zugezogenen kommen aus der ganzen Republik, Ost und West, und aus allen Ländern dieser Erde. Französische Jazzmusiker, syrische Doktoren, badische Landwirtskinder, sächsische Soziologiestudenten, russische Spätaussiedler, türkische Gastarbeiter, polnische Queers, mecklenburgische Schulabbrecher, brasilianische Influencer. Alle zugezogen!

Die Zugezogenen bilden die Mehrheit in dieser Stadt. Manche fühlen sich seit dem Tag ihrer Ankunft als Berliner, andere sind auch in dritter Generation noch unschlüssig, ob der Titel ihnen zusteht. Sie meckern natürlich auch, gerne über die Urberliner, denen sie Unhöflichkeit vorwerfen und sich wundern, wie man so spröde sein kann.


Touristen

Touristen vor dem Reichstag.
Touristen vor dem Reichstag. Foto: Imago/Jochen Tack

Auf manche Feindbilder können sich nahezu alle einigen. Da ziehen auch die Urberliner und die Zugezogenen mal zur Abwechslung an einem Strang. Seit Berlin zur europäischen Touristenmetropole aufgestiegen ist, die Hotels aus dem Boden sprießen und die Sehenswürdigkeiten, Flohmärkte, Restaurants und einst beschaulichen Kieze von nervigen Menschen in hässlichen Hosen und zu viel Tagesfreizeit überlaufen werden, wird der Tourist inbrünstig gehasst.

Dabei lebt Berlin ganz gut von ihm. Viele Clubs und Bars würden wohl ohne den Zustrom nicht überleben, die Kunst- und Kulturszene profitiert von der Internationalität und irgendwie sind wir ja alle mal Touristen. Manchmal sogar in der eigenen Stadt.


Schwaben

Feindbilder in Berlin: "Schwaben Raus"-Schild im Mauerpark in Prenzlauer Berg.
„Schwaben Raus“-Schild im Mauerpark in Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Imagebroker

Ah ja, die Schwaben in Berlin. Die Ressentiments gegenüber den aus dem Ländle zugezogenen haben eine lange Tradition in Berlin. Erst bevölkerten Wehrdienstverweigerer die Kreuzberger Szenekneipen und Schöneberger Kabarettbühnen. Dann kamen die angehenden Akademiker aus dem Stuttgarter Raum und siedelten sich in Prenzlauer Berg an.

Sie sanierten Häuser, machten sich mit Läden und Restaurants selbstständig, vermehrten sich und bilden eine erkennbare ethnische Gruppe in der Stadt, die zum beliebten Feindbild wurde. Natürlich für Urberliner, aber für andere Zugezogene auch.


Fahrradfahrer

Fahrradfahrer in Berlin.
Fahrradfahrer in Berlin. Foto: Imago/Camera4/Dustin Nordhus

Sie werden immer mehr. Allein von 2019 zu 2020 stieg die Zahl der Radfahrer in Berlin um 25 Prozent. Dass der Radverkehr umweltfreundlich ist und ihm die Zukunft gehört mag ja sein. Aber: Die Straßen sind eng, die nervigen Touristen stolpern durch die Gegend, überall ist Stau und zu allem Überfluss rasen dann noch die Irren auf ihren Vintage-Rennrädern durch die Gegend. Oder die Großgruppen auf Leihrädern. Oder die Bekloppten auf ihren lichtlosen Schrotthaufen.

Über Radfahrer meckern vor allem Autofahrer und Fußgänger, also alle anderen Verkehrsteilnehmer, und zwar immer so lange, bis sie selbst aufs Rad steigen. Dann beschweren sie sich wiederum über Autos und Passanten. Das nennt man einen gelungenen Perspektivwechsel.


Hipster

Feindbilder in Berlin: Hipster tanzen auf der Straße.
Hipster tanzen auf der Straße. Foto: Imago/Snapshot Photography/F Boillot

Gibt es überhaupt noch Hipster oder sind das einfach nur junge Leute? Egal, der Begriff bezeichnet gemeinhin junge (oder notorisch junggebliebene) Erwachsene, die in Agenturen arbeiten, sich mit besonderer Gründlichkeit kleiden und ernähren, gerne Party machen, auf Vernissagen gehen und eben irgendwie „hip“ sind. Früher trugen sie ironisch bedruckte Jutetaschen und Sportbeutel und enganliegende Röhrenjeans und sie haben eine Vorliebe für vegane Burger, kalten Filterkaffee und analoge Aufnahmetechnik. Aber die Trends ändern sich von Woche zu Woche.

Noch nie hörte man einen Hipster, sich selbst als „Hipster“ bezeichnen, was zu der Vermutung führen könnte, dass sie einfach nicht existieren, sogar nie existiert haben. Aber Urberliner und Zugezogene Nicht-Hipster wissen, es gibt sie und sie sind der fette Pickel auf Gottes großem Hinterteil. Am schlimmsten sind übrigens radfahrende Hipster.


Prenzlauer Berger Ökomuttis

Mutter und Kinder unterwegs in Prenzlauer Berg.
Mutter und Kinder unterwegs in Prenzlauer Berg. Foto: Imago/Snapshot

Ein Klassiker der Feindbilder in Berlin: Der tip-Cartoonist OL widmet den „Müttern vom Kollwitzplatz“ seit Jahren eine eigene Serie. Mit bissigem Witz karikiert er die saturierten, selbstgefälligen, wohlhabenden, sich und ihren Nachwuchs über alles und jeden stellenden Frauen in Büchern und Zeitungen.

So ist die Welt der Öko-Muttis: Biokost, Klavierstunden und kindliche Früherziehung paaren sich mit regelmäßigen Einkäufen bei Manufactum und auf dem Ökomarkt. Dazu Gespräche über das Sommerhaus in der Toskana, befreundete Regisseure und den neuen VW Touran (irgendwie muss man die Kinder ja in die Privatschule bringen).

Da kommt dem Urberliner die Frühstücksschrippe wieder hoch und auch so manch ein Zugezogener muss kurz Innehalten. Die Öko-Muttis sind ein liebgewordenes Feindbild. Vermutlich sind sie ganz nett, wenn man sie mal kennenlernt. Aber wer will das schon?


Party-Deppen

Feindbilder in Berlin: Demo "Ravekultur retten" auf dem Landwehrkanal am Pfingstsonntag 2020.
Demo „Ravekultur retten“ auf dem Landwehrkanal am Pfingstsonntag 2020. Foto: Imago/Travel-Stock-Image

Die Schnittmenge mit dem Hipster ist beträchtlich, aber dennoch gibt es feine Unterschiede. Nicht jeder Party-Depp ist ein Hipster und nicht jeder Hipster ist ein Party-Depp. Das herauszuarbeiten, bedarf allerdings eines Diploms in Stadtsoziologie.

Deshalb machen wir es einfach: Party-Deppen sind die Schwachmaten, die mit Gummiboot zu Technobums über den Landwehrkanal paddeln, weil sie sich ihres Grundrechts auf komatöses Weggeballere zu elektronischer Tanzmusik beraubt sehen. Neuerdings trifft man sie zur nächtlichen Stunde in der Hasenheide.

In den Zeiten vor Corona sah man sie vor Clubs herumlungern und über die einschlägigen Partymeilen der Stadt geistern. Manchmal fahren sie Rad oder sind ganz schnöde Touristen. Immer sind sie ein Feindbild.


Hertha-Fans

Hertha-Fans mit Schals in der Ostkurve.
Hertha-Fans mit Schals in der Ostkurve. Foto: Imago/Bernd König

Hertha-Fans sind das Feindbild von Union-Fans. Das ist so eine alte Ost-West-Geschichte, die eigentlich nur den Teil der Berlin-Bevölkerung angeht, der sich für Fußball begeistert. Siehe auch: Union-Fans.


Autofahrer

Feindbilder in Berlin: Fahrradfahrer und die Front eines massiven SUV's.
Fahrradfahrer und die Front eines massiven SUV’s. Foto: Imago/Snapshot/Olaf Wagner

Das Feindbild der Radfahrer, die selbst ein schönes Feindbild sein können, sind naturgemäß die Autofahrer. Glaubt man den Zukunftsprognosen, wird der innerstädtische Verkehr irgendwann den PKW überwinden. Noch gehört aber dem Auto die Stadt. Es parkt, qualmt und staut sie zu.

Vor allem die klobigen, schwarzen SUV’s sind ein Hassobjekt. Gegen sie richten sich Demos und Protestaktionen. Da ist es auch egal, ob am Steuer ein Urberliner, Zugezogener oder Tourist sitzt.


Drogendealer

Görlitzer Park, friedliches Miteinander zwischen vermeindlichen Dealern und der Polizei.
Görlitzer Park, friedliches Miteinander zwischen vermeindlichen Dealern und der Polizei. Foto: Imago/Snapshot/Olaf Wagner

Es gibt Feindbilder in Berlin, mit denen tut man sich schwer. Das mit den Drogendealern ist schon komisch. Eigentlich mag sie niemand. Sie hängen in den Parks rum und verbreiten unschöne Stimmung. So richtig dagegen sein, geht aber auch nicht. Aber dafür auch nicht. Sie sind ein Feindbild, das ist klar. Außer man will Gras oder Pillen kaufen. Doch wer macht das schon im Görli? Zugezogene Party-Deppen und Touristen-Hipster vermutlich. Sonst niemand. Irgendwie schwierig das ganze Thema.


Union-Fans

Feindbilder in Berlin: 1. FC Union-Fans im Stadion an der Alten Försterei.
1. FC Union-Fans im Stadion an der Alten Försterei. Foto: Imago/Camera 4

Union-Fans sind das Feindbild von Hertha-Fans. Das ist so eine alte West-Ost-Geschichte, die eigentlich nur den Teil der Berlin-Bevölkerung angeht, der sich für Fußball begeistert. Siehe auch: Hertha-Fans.


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