Neukölln-Roman

Felix Lobrecht – Der Poetry-Slammer aus Neukölln

Leute, die ganz normal auf die Schnauze kriegen: Felix Lobrecht ist einer der bekanntesten Berliner Poetry-Slammer und Stand-up-Comedians. Nun stellt er seinen Debütroman „Sonne und ­Beton“ vor. Der spielt in Gropiusstadt – und ist ganz anders als erwartet

Foto: Afra Bauer

Einer von seinen Kracher-Gags, den er gern auf der Bühne bringt, handelt vom Tchibo-Konzept.„Was genau ist eigentlich dit Geschäftskonzept von Tchibo?“, fragt Felix Lobrecht dann in die Menge, mit einem Grinsen. „Klassischer Tchibo-Dialog“, fährt er fort: „,Ja schönen guten Tag, ick hätt gern ’nen Kaffe, ’ne Personenwaage und ’n Zweimannzelt, bitte‘. – ,Gern, darf’s vielleicht noch ’n aufblasbares Kanu sein?‘“ Das Publikum grölt, Lobrechts Augen strahlen. „Deshalb hat Tchibo auch keinen Slogan. Wie willste dit in ’nen Slogan packen?“ Pause „Ick hab da mal wat vorbereitet.“  Und Lobrecht kichert: „Sie suchen Geschenke für Leute, die Sie kaum kennen? (…) Tchibo! Oder: Tchibo – der Fehlkauf für die ganze Familie.“
Den Gag gibt es in verschiedenen Versionen auf Youtube. Man muss Lobrecht sehen dabei. Dann ist der Witz erst richtig komisch.

Auf der Bühne stehen – das bedeutet für Felix Lobrecht, Leute zum Lachen zu bringen. Das kann er. Hat er oft genug gemacht.  Und immer wieder. Anders bei „Sonne und Beton“. Sein neuer Roman. Und sein erster. Vor den Lesungen zu seinem Debütroman hat der 28-Jährige deshalb ein wenig Bammel.

„Sonne und Beton“ ist – entgegen allen Erwartungen– nämlich kein wilder Pointen-Sprint, sondern in erster Linie ein schonungsloser Milieu-Report. Die Handlung spielt vor etwa zehn, zwölf Jahren in der Neuköllner Gropiusstadt, einer Gegend, in der – zumindest damals – Armut, Kleinkriminalität und Bandenkriege auf der Tagesordnung stehen. Lobrecht erzählt von vier Jungs – Lukas, Gino, Julius und Sanchez –, die eines Nachts beschließen, in ihre Schule einzubrechen und Computer zu klauen, um sie anschließend zu verticken. Mit dem Geld wollen sie sich ihre Träume erfüllen: Picaldi-Jeans und neue Schuhe.
„Deutscher Straßen-Rap ist für mich die einzige in der Breite wahrgenommene, ­authentische Berichterstattung aus diesen Milieus“, sagt Lobrecht. „ Im Rap geht’s viel um Self-Empowerment, von wegen ,Ich lass mich nicht ficken!‘. Ich fand‘s aber interessant, mal aus der Perspektive von Leuten zu erzählen, die eben nicht die Krassesten sind, sondern ganz normal auf die Schnauze kriegen.“

Authentizität bekommt sein Roman einerseits durch Lobrechts eigene Erfahrungen als Teenager in den Neuköllner Hochhausschluchten, aber auch durch die zahlreichen soziolektalen Dialoge. Präpositionen und Artikel hat er auf ein Minimum reduziert; jeder zweite Satz enthält den Einschub „Dings“ oder ausländische Worte wie „Wallah“, „Cüs“ oder „Lak“.
„Der Slang war für mich mit am wichtigsten“, sagt Lobrecht. „Auch wenn es krummes und schiefes Deutsch ist, hat er eine krasse Sprachästhetik.“

Trotzdem gibt es eine Figur in „Sonne und Beton“, die Lobrecht mit einem anderen Sprachstil versehen hat: den Kubaner Sanchez, frisch hergezogen aus Hellersdorf. Ihn lässt Lobrecht als einzigen berlinern. Zum einen, weil Ostberliner Jugendliche eben tatsächlich anders sprechen, womöglich aber auch, um mit rassistischen Vorurteilen zu brechen. So ist der Kriminellste in Lobrechts Roman dann auch ein Deutscher, wodurch Lobrecht die eigentliche Misere seines Heimatkiezes freilegt: strukturelle Benachteiligung. „Wenn dieselbe Geschichte in einer Plattenbausiedlung in Chemnitz spielen würde, wären alle Kriminellen Deutsche. In Neukölln – da gibt es Statistiken drüber – sind nun mal die meisten Kriminellen türkische oder arabische Jugendliche. Aber sie sind es nicht, weil türkische oder arabische Jugendliche per se kriminell sind, sondern weil sie strukturell benachteiligt sind“, sagt Lobrecht. „Wenn du keine Chance in der Schule hast, keine Chance auf einen Job – Du musst halt trotzdem irgendwie überleben.“

Selbst ist Lobrecht vor einigen Jahren aus Neukölln weggezogen, leistete in Friedrichshain Zivildienst in einem mobilen Pflege­dienst. Er sagt: „Da war ich den ganzen Tag draußen unterwegs und dachte mir: Ach, wie schön, die ganzen Altbauten und Cafés und so eine positive Grundstimmung. Und nicht immer dieses: Was guckt der so? Was will der? Wie lange soll ich zurückgucken?“

Ob er immer noch in Friedrichshain lebt, will Lobrecht nicht verraten, und auch nicht, wie viel aus „Sonne und Beton“ autobiografisch ist: „Ich sage nur so viel: Ich wünschte, ich hätte mir mehr ausdenken müssen.“

Sonne und Beton von Felix Lobrecht, Ullstein, 224 S., 18 €

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