Politik

Feminismus: 12 Gründe, warum jeden Tag feministischer Kampftag ist

Der 8. März ist nur einmal im Jahr, feministischer Kampftag ist jedoch 365 Tage im Jahr. Denn das Patriarchat ist beständig. 12 Gründe, warum Feminismus und die damit verbundenen Anliegen aktueller denn je sind.


Triggerwarnung

In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt, Gewalt und Vergewaltigung. Explizite Beschreibungen kommen nicht vor.


1. Flinta konstruieren ihr ganzes Leben um den Versuch, nicht vergewaltigt zu werden

Tausende Menschen demonstrieren anlässlich des Internationalen Frauentags, oder auch feministischen Kampftags am 8. März in Berlin. Foto: A. Friedrichs/Imago

 „Gehe mit einem Typen nach Hause, schicke euch sicherheitshalber mal die Adresse“, „Ich teile kurz meinen Live-Standort, just in case!“, „Melde dich bitte, wenn du zu Hause angekommen bist!“ Nachrichten wie diese kennen wohl die meisten Flinta-Personen.


Begriffserklärung

Geschlechterspezifische Gewalt ist komplex und trifft neben cis Frauen auch Menschen außerhalb des binären Spektrums. Daher wird wahlweise auch von Flinta-Personen gesprochen. FLINTA steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, trans und agender Personen.


Das permanente Absichern im Falle einer möglichen Vergewaltigung oder anderer Gewalttaten ist traurige Routine im Leben einer Flinta-Person. Es könnte jederzeit passieren, diese Gewissheit hat sich eingebrannt. Daher sichert man sich ab: Standort und Adresse der Bekanntschaft wird mit Freund:innen geteilt – um im Zweifelsfall gefunden zu werden oder den Täter strafrechtlich verfolgen zu können. What a time to be a woman. 

Hinzu kommen vielfältigen Verteidigungsmethoden im Alltag. Der Schlüssel in der Hand als Waffe, das gespielte Telefonat, wenn man nachts allein durch die Straßen läuft, die Hand über dem Drink im Club. Hier haben wir übrigens aufgeschrieben, wie und wo sich Berlin verändern um weniger gefährlich für Frauen und weniger sexistisch zu sein. Kaum wahrnehmbar, längst routiniert, konstruieren Flinta-Personen ihr ganzes Leben um den Selbstschutz und die Verteidigung. Seit jeher gehört das zum Alltag, daher vergisst man schnell, wie sehr man das eigene Leben an die permanente Bedrohung anpasst. Wir sollten uns regelmäßig erinnern: Das ist nicht normal… 


2. Sexualisierte Gewalt als Selbstverständlichkeit

Der Slut Walk wurde zum ersten Mal 2011 veranstaltet, nachdem ein Polizist Opfern einer Vergewaltigung geraten hatte, sich nicht so schlampig anzuziehen. Foto: Imago/aal.photo

…leider jedoch notwendig. Frauen und queere Menschen sind de facto mit permanenter Gewalt konfrontiert. Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Expartner ermordet. 109 Femizide fanden allein im Jahr 2021 in Deutschland statt. Im Jahr 2022 wurden 150.000 Fälle von Gewalt in Partnerschaften angezeigt, die große Mehrheit der Opfer sind weiblich. Damit ist die Zahl in den letzten fünf Jahren gestiegen. Die Dunkelziffern liegen bei derartigen Statistiken meist signifikant höher. 

So ist auch eine andere häufig zitierte Statistik mit Skepsis zu betrachten: Jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu behaupten, dass es wohl eher jede Frau sein dürfte, die in ihrem Leben mehrfach sexualisierte Gewalt erlebt. Sie beginnt bei Berührungen, Übergriffen in Beziehungen, und endet bei Missbrauch und Vergewaltigung. Laut Dunkelfeldforschung wird etwa alle drei Minuten eine Frau in Deutschland vergewaltigt. 

Hilfezeichen von Frauen in Not. Wer das sieht, soll die Polizei anrufen. Foto: Imago/Rolf Kremming

Doch wie viele Vergewaltigungen wirklich stattfinden, ist kaum messbar. Denn in der Regel steht in Gerichtsprozessen Aussage gegen Aussage und die Täter werden freigesprochen. Einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zufolge, wird nur ein Prozent der Täter verurteilt – von den etwa fünf Prozent der Fälle, die überhaupt zur Anzeige gebracht werden.

Allzu häufig wird den Betroffenen nicht geglaubt oder wahlweise selbst die Schuld in die Schuhe geschoben. Die Frage, was das Vergewaltigungsopfer denn getragen hätte, gehört bis heute zum Standardrepertoire in der polizeilichen Vernehmung nach einem Missbrauch. 

Zudem wird sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen durch den eigenen Partner, einen Verwandten oder einen Freund verübt. In 70 Prozent der Vergewaltigungen ist der Tatort die eigene Wohnung. So polemisch es klingt: Nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden sind Frauen sicher. 


3. Gender Pay Gap

Das Totschlagargument gegen Antifeminist:innen: 18 Prozent verdienen Frauen im Schnitt weniger. Foto: Jürgen Heinrich/Imago

Frauen sind längst gleichberechtigt“, rief Herbert erbost, als der Weltfrauentag 2021 von Berlin zum Feiertag gemacht wurde. Geht es um feministische Anliegen, dauert es in der Regel nicht lang, bis jemand mit den formalen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte um die Ecke kommt. Frauen dürfen schließlich mittlerweile wählen und auch sonst alles, was Männer dürfen. Das stimmt leider nicht: In der Bezahlung sehen wir – ganz formal – noch immer eklatante Unterschiede. Sieben Prozent verdient eine Frau im Schnitt weniger als ein Mann. Rechnet man hinzu, dass die meisten Frauen im Schnitt in schlechter bezahlten Jobs arbeiten, liegt die Differenz bei 18 Prozent. 

Menschen, die schwanger werden können, übernehmen zudem noch immer einen überwiegenden Teil der Kindererziehung und scheiden damit mehrere Jahre aus dem Berufsleben aus. So kommt zusätzlich ein großer Unterschied in der Rentenleistung hinzu. Altersarmut ist unter Frauen häufiger. Jede dritte Frau mit einer Vollzeitstelle in Deutschland steuert auch nach 40 Arbeitsjahren auf eine Rente von weniger als 1000 Euro netto zu. Das muss diese Gleichberechtigung sein.


4. Genitalverstümmelung

Feminismus: Waris Dirie ist Model und Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung.
Waris Dirie ist Model und Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung. Foto: Imago/Sven Simon

Ein Thema, das gern vermieden wird. Verständlich, ist es doch an Grausamkeit kaum zu überbieten. Täglich werden jungen Mädchen überall auf der Welt die äußeren Geschlechtsorgane entfernt. Oft ohne Narkose und unter Bedingungen, die das Urinieren oder Menstruieren zu einer lebenslangen Qual machen.

UNICEF schätzt, dass weltweit über 200 Millionen genitalverstümmelte Mädchen und Frauen leben. Jedes Jahr sind weitere drei Millionen Mädchen in Gefahr, Opfer der Praxis zu werden. In Somalia sind etwa 98 Prozent der Frauen davon betroffen. Und auch in Deutschland leben schätzungsweise 50.000 Frauen, die Opfer einer Genitalverstümmelung geworden sind.


5. Doppelte Schönheitsstandards: Der weibliche Körper unter männlichen Augen

Feminismus: Ikonisches Foto: Journalistin, Autorin und Feministin Laurie Penny stößt auf einer Demonstration in Chicago mit einem Polizisten zusammen.
Ikonisches Foto: Journalistin, Autorin und Feministin Laurie Penny stößt auf einer Demonstration in Chicago mit einem Polizisten zusammen. Foto: Zuma Wire/Imago

Die britische Autorin Laurie Penny schrieb in ihrem Buch „Fleischmarkt“: „Wenn alle Frauen dieser Welt morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“ Die Produktpalette, mit denen wir unsere Körper an das aktuelle Ideal anpassen können, lässt sich kaum zählen. Zahlreiche Pflegeprodukte, die auf Frauen ausgelegt sind, kosten zudem mehr. Der einzige Unterschied ist meist, dass sie anders riechen und ihre Verpackung pink ist. Die neoliberale Wirtschaft hat den weiblichen Körper zu Ressource gemacht und schlachtet diese schonungslos aus.

Feminismus: Frauen zahlen in der Drogerie oft drauf. Das hat Strategie.
Frauen zahlen in der Drogerie oft drauf. Das hat Strategie. Foto: Panthermedia/Imago

Entsprechend beliebig wandeln sich die Schönheitsideale: In den 50er-Jahren sollten wir kurvig wie Marilyn Monroe sein, in den 90ern dünn wie Kate Moss, heute unterziehen wir uns lebensgefährlichen Brazilian Butt Lifs für einen Po á la Kim Kardashian. Nebenher hat Heidi Klum eine ganze Generation essgestörter Teenager großgezogen.

Das spiegelt sich auch im Alltag wider. Jede Frau, die schon einmal auf einer Demo, einem Konzert oder einer Party war, die ausschließlich für Flinta organisiert wurde, auf der also cis Männer verboten wurden, weiß, wie befreit es sich feiern lässt, wenn der hetero-männliche Blick einmal nicht auf dem eigenen Körper ruht. 

Die permanente Sexualisierung des weiblichen Körpers ist dabei noch gar nicht mitbedacht. Im Jahr 2023 erlauben die Berliner Bäderbetriebe erstmalig auch Frauen offiziell oben ohne zu baden. In sozialen Medien werden Frauennippel weiterhin zensiert, während Männer oben ohne posieren dürfen.


6. My Body my Choice? Nicht wenn es um Reproduktionsrechte geht

„Eure Gesetz zerstören die Träume von Millionen“, steht auf dem Plakat einer Frauenrechtsaktivistin in Washington, USA. Foto: NurPhoto/Imago

Eines der Ur-Themen der feministischen Bewegung ist auch heute noch ermüdend aktuell. Abtreibungen sind in Deutschland per Gesetz verboten. Der Paragraf 218 des Strafgesetzbuches legt fest: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Erst in darauffolgenden Abschnitten wird ergänzt, dass dieser Tatbestand nicht verwirklicht wird, solange sich die Schwangere mit anschließenden drei Tagen Bedenkzeit einer Beratung unterzogen hat und seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind.

Schwangerschaftsabbrüche sind also verboten, werden aber in gewissen Fällen nicht strafrechtlich verfolgt. Diese Regelung „entmündigt Betroffene und verweigert ihnen eine würdevolle, selbstbestimmte Entscheidung“, kritisiert etwa das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung. Gemeinsam mit etlichen weiteren Organisationen fordern sie eine Streichung des gesamten Paragrafen. 

Menschen in Katowice, Polen demonstrieren für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Foto: NurPhoto/Imago

In anderen Ländern ist die Situation noch drastischer. Zudem haben Polen und die USA gezeigt, wie fragil hart erkämpfte Frauenrechte sind. Unter konservativen Kräften können die Uhren jederzeit wieder rückwärts gedreht werden. Das Grundsatzurteil „Roe v. Wade“, welches ein Grundrecht auf Schwangerschaftsabbrüche sichert, wurde 2022 vom US-amerikanischen Obersten Gericht gekippt. Aus diesem Grund gilt es, die Selbstbestimmung der Frau rechtlich bestmöglich abzusichern. 


7. Verhütung bleibt unangenehm

Feminismus: Empfängnisverhütung gibt es, aber keine Entsendeverhütung? Hier eine Hormonspirale.
Empfängnisverhütung gibt es, aber keine Entsendeverhütung? Hier eine Hormonspirale. Foto: Imagobroker/Imago

Wenn die Abbrüche so krampfhaft erschwert werden, müsste doch zumindest die Verhütung unkompliziert laufen, wagt man zu denken. Falsch gedacht! Wir spießen uns Kupferspiralen in die Gebärmutter und bringen unseren gesamten Hormonhaushalt mit Pille oder Nuva-Ring durcheinander –vergleichbare Methoden, die ohne Gebärmutter funktionieren, sucht man vergebens.

Woran es liegt, dass es weder eine adäquate Verhütungsmethode für Menschen mit Penis, noch eine Verhütungsmethode ohne drastische Nebenwirkungen für Menschen mit Gebärmutter gibt? Weil die Medizin und Forschung männlich dominiert sind. Und, weil konservative Kräfte noch immer verhindern wollen, dass Verhütung und damit die sexuelle Selbstbestimmung zu einfach wird. Man muss schließlich die Institution der Familie wahren. Thrombose und Depressionen werden dafür selbstverständlich als Nebenwirkung in Kauf genommen. 


8. Lets Talk About Sex

Feminismus: Über den weiblichen Orgasmus kursieren so einige Mythen. Dabei ist es gar nicht so kompliziert.
Über den weiblichen Orgasmus kursieren so einige Mythen. Dabei ist es gar nicht so kompliziert. Foto: Zoonar/Imago

Bleiben wir beim Thema Sex. Die Orgasm Gap ist mittlerweile bekannt und häufig zitiert. Beim heterosexuellen Sex kommen im Schnitt 91 Prozent der Männer zum Orgasmus, aber nur 64 Prozent der Frauen. Wenig überraschend gilt diese Statistik nicht für den gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Frauen. 

Doch woran liegt es, dass der heterosexuelle Sex die weibliche Lust derart vernachlässigt? Zum einen rührt dies aus einer Unkenntnis über die weiblichen Geschlechtsorgane. Die Anatomie der Klitoris wird erst seit 2022 korrekt in Lehrbüchern abgebildet. Die meisten von uns lernten noch etwas über einen ominösen G-Punkt, von dem niemand so genau wusste, wo und was er sein soll. Tatsächlich handelt es sich dabei um die Klitorisschenkel, die ins Körperinnere reichen. Bei manchen Frauen sind sie anatomisch so angelegt, dass eine penetrative Stimulation zum Orgasmus führt. Bei manchen nicht. Einer Umfrage der Plattform OMGYes.com zufolge erleben knapp 75 % ihren Orgasmus über die Klitoris und nur 25 % der Frauen vaginal. 

G wie geheimnisvoll? Die Berichterstattung über Sex und die weibliche Lust ist… ausbaufähig. Grafik: Lergenmüller/tipBerlin

Umso dramatischer, dass uns im Sexualkundeunterricht, in Filmen, in der Pornografie oder sonstigen Darstellungen ein durchweg peniszentrierter Sex vorgelebt wird. Sex bedeutet Penetration, so lernten es die meisten von uns. Da wundert es fast nicht mehr, dass 90 Prozent der Frauen schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht haben. Was zeigt uns das? Sex ist traditionell auf die Lust des Mannes ausgerichtet. Diesem Muster zu entkommen kostet Frauen in der Regel mindestens ihre gesamten Zwanziger.

Das hat drastische Folgen: Die große Mehrheit der hundert Frauen und Mädchen, die Peggy Orenstein für ihr Buch »Girls & Sex« befragt hatte, gaben an, guter Sex hieße für sie, dem Mann zu gefallen und dabei selbst keine Schmerzen zu haben. Bei diesen Zahlen möchte man weinen und die Mädchen in den Arm nehmen. 


9. We care! Die Sache mit der Sorge- und Pflegearbeit

Die Pflege älterer Menschen übernehmen meist weiblich gelesene Menschen. Foto: Zoonar/Imago

Von der Kinderbetreuung über Haushaltsarbeiten wie Kochen und Putzen bis hin zur Pflege von älteren oder behinderten Menschen – die sogenannte Sorge- oder Pflegearbeit, auf Englisch „Carearbeit“, wird weltweit zum Großteil von Frauen und Mädchen ausgeübt. Im Durchschnitt verbringen sie dreimal so viel Zeit mit diesen Aufgaben wie Männer und Jungen. Eine eklatante Ungerechtigkeit, die zur Folge hat, dass Frauen in ihrem Leben durchschnittlich sieben Jahre weniger Zeit für andere Dinge, wie beispielsweise Bildung oder ihre Arbeit haben.


10. The daily struggle to be a woman: Alltagssexismus

Feminismus: Die Gruppe Catcalls of Velbert kreidet Sexismus an.
Die Gruppe Catcalls of Velbert kreidet Sexismus an. Foto: Funke Foto Service/Imago

Die „Im Sommer in kurzer Hose durch Berlin laufen, ohne, dass einem hinterhergepfiffen wird”-Challenge – unmöglich. Alle Jahre wieder gehört das Catcalling, spätestens ab Sommerbeginn, zum Alltag. Eine Straße entlang laufen, während fünf männliche Augenpaare auf einem ruhen, ist verdammt unangenehm.

Mit dem Alltagssexismus ist so eine Sache: Es sind schier endlose kleine Situationen im alltäglichen Leben, Blicke, Kommentare, Unsicherheiten, die alle Flinta-Personen kennen. Einzeln sind sie lediglich unangenehm. In der Summe schaffen sie jedoch eine völlig andere Lebensrealität, als cis-männliche Personen sie erleben. 


11. Globaler Antifeminismus auf dem Vormarsch

Zum Gruseln: Jordan B. Peterson hat jüngst ein „Konservatives Manifest“ geschrieben. Darin allerhand biologistischer Quark. Foto: Zuma Wire/Imago

Der Kampf um Gleichstellung ging schon immer mit Gegenbewegungen und -diskursen einher. So gibt es auch heute einen lebendigen Antifeminismus, der weltweit erstarkt. Wie jedes Ressentiment funktioniert auch der Antifeminismus über Schuldzuweisungen: Gegner:innen machen den Feminismus für ihre gescheiterte Ehe, ihr unerfülltes Sexleben, ihren Misserfolg im Job verantwortlich. Es wäre fast witzig, wäre es nicht so gefährlich. 

Leider erreicht Jordan B. Peterson, der misogyne Vordenker der US-amerikanischen Neuen Rechten, mit seinen Büchern, Schriften und Podcasts ein Millionen-Publikum. Während die #metoo-Skandale um die Welt gingen, sah er die Männlichkeit in der Krise. Seine Argumentationsweise? Konsequent biologistisch.

Ob Bolsonaro, Trump, Peterson, oder die zahlreichen rechtspopulistischen Parteien, die in den letzten Jahren erstarkt sind: Die Neue Rechte ist auf dem Vormarsch. Mit dem Ziel, die Vorherrschaft des weißen Mannes zu verteidigen. Auch die Attentäter von Hanau und Halle wiesen eindeutig antifeministisches Gedankengut auf. Umso wichtiger ist es, die Rechte von Frauen und queeren Menschen konsequent zu verteidigen.


12. Feminismus ist Klassenkampf

Feminismus: Demonstration zum 8. März 2021 in Berlin.
Demonstration zum 8. März 2021 in Berlin. Foto: Bildgehebe/Imago

„Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Ketten trägt als ich“, sagte die Feministin Audre Lorde einst. Sich in eine bequeme gesellschaftliche Position zu kämpfen ist zwar nett für einen selbst, tut aber herzlich für eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung und kann sich damit unmöglich als Feminismus schmücken.

Leider hat die Haltung Tradition: Als die erste Frauenrechtsbewegung in den USA für das Frauenwahlrecht kämpfte, kämpfte sie in Wahrheit für das Wahlrecht weißer Frauen. Heute ist der Begriff der Intersektionalität zwar im gängigen Sprachgebrauch angekommen, nicht unbedingt aber dessen Implikationen. Darüber, wie es sich anfühlt, wenn Sexismus und Rassismus im Doppelpack auftreten und vom weißen Feminismus ausgeschlossen zu werden, schreibt unsere Autorin Anna Ruhland hier.

Was bedeutet es also, dass Schwarze Frauen, muslimische Frauen, Frauen im globalen Süden, queere Frauen, mit zusätzlicher Unterdrückung konfrontiert sind? Dafür ist eine systemische Perspektive wichtig. Die kapitalistische Wirtschaftsweise basiert auf Ausbeutung und braucht folglich Unterdrückungsmechanismen für ihr Fortbestehen. Innerhalb eines solchen Systems lässt sich daher keine Gleichberechtigung verwirklichen.

Wenn der liberale Feminismus uns weismachen will, mit „Empowerment“ und genug Durchsetzungsvermögen würden wir das Patriarchat austricksen können, dürfen wir ihm nicht glauben. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem uns auch Diversity-Maßnahmen allein nicht befreien werden: Wenn mehr Frauen oder People of Color in Chefetagen gelangen, werden sie die unteren Etagen trotzdem unterdrücken. Nicht etwa, weil der Mensch per se böse oder gierig wäre. Sondern, weil diese Logik dem System inhärent ist. Feminismus bedeutet daher immer auch Klassenkampf. 


Zwölf Punkte sind nicht annähernd genug, um der Komplexität, in der das Patriarchat heute fortbesteht und Gewalt ausübt, gerecht zu werden. Die aufgeführten Punkte sind daher lediglich eine Selektion. Die hohe Suizidrate von Männern oder Fragen der Erziehung fanden keine Erwähnung, zu lang wäre der Text geworden. Das Patriarchat ist noch immer zu mächtig, um ihm in einem einzigen Artikel gerecht zu werden. Das allein sollte Grund genug sein, um anzuerkennen: Feministischer Kampftag ist jeden Tag.

Mehr zum Thema

Wer noch einmal die Geschichte des Frauentags nachlesen möchte, ist hiermit gut beraten. Leider wird Frauen in der Geschichte weniger Beachtung geschenkt, um die Erinnerungen aufzufrischen haben wir 12 Berliner Frauen zusammengetragen, die die Stadt prägten. Themen zu Feminismus und anderem findet ihr in unserer Stadtleben-Rubrik. Empfehlungen für jeden Tag findet ihr bei unseren Tagestipps für Berlin

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