Stummfilmkonzert

Filmmusik-Papst Frank Strobel im Gespräch

„Ich habe leichtes Sendungsbewusstsein“ – Filmmusik-Papst Frank Strobel über den Oscar-Gewinner „The Artist“, Filmpaläste in Berlin und das Revival des Stummfilms

Foto: Thomas Rabsch

tip Herr Strobel, an die Filmmusik von „The Artist“ erinnere ich mich kaum. Habe ich den Film missverstanden?
Frank Strobel Nein, ob man Filmmusik überhaupt bemerkt, hängt davon ab, mit welcher Rezeptionshaltung man den Film sieht. Eigentlich nimmt man Filmmusik unbewusst wahr. „The Artist“, ein moderner Stummfilm, verzichtet auf Dialoge ebenso wie auf Geräusche. Entsprechend hat die Filmmusik hier nicht nur dienende Funktion. Sondern erzählt aktiv mit. Ich bin sicher, dass man all das, sobald das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin live spielt, viel stärker realisiert.

tip Der Komponist Ludovic Bource, der bei Ihnen am Klavier sitzt, gewann für „The Artist“ einen Oscar. Inwiefern orientiert sich seine Musik an der Stummfilm-Ära?
Frank Strobel Er greift in eine ähnliche Trickkiste, aus der sich auch damalige Kino-Kapellmeister bedient haben. Nur die wichtigsten Stummfilme wurden ja mit einer fertig komponierten Musik ausgestattet, die live gespielt wurde. Für den Rest nutzte der Kapellmeister eine Bibliothek mit Funktionsmusiken und Versatzstücken, die geeignet waren, zum Beispiel eine Verfolgungsjagd zu illustrieren. Hinzu kommen bei Ludovic Bource, da der Film in den Hollywood-Studios spielt, Bigband-Nummern, Tanzszenen und Zitate, welche die Ära von einst sehr schön beschwören.

tip Ein Vorteil heutiger Aufführungen mit Live-Orchester besteht darin, dass die Leinwand meist größer ist als in jedem Kino. Tatsächlich ein Vorzug?
Frank Strobel Unbedingt! Die Leinwand im Konzerthaus ist allerdings auch nicht größer als in den Filmpalästen damals. In Berlin gab es in den 1920er Jahren schätzungsweise 30 Filmpaläste mit eigenem, fest angestelltem Orchester. Die spielten zwei bis drei Vorstellungen pro Tag. Rechnen tat sich das, weil alle großen Häuser 2.000 bis 3.000 Plätze hatten. Die wichtigsten waren der UFA-Palast, dort wo heute das Bikini-Haus steht, dann der UFA-Pavillon am Nollendorfplatz und das Universum-Filmtheater, also die heutige Schaubühne. Letztere umfasste nur einen Saal mit weit über 2.000 Plätzen. Geblieben sind von alldem höchstens noch Fassaden.

tip Der Stummfilm erlebt derzeit einen Wiederaufschwung. Warum tun sich viele Leute trotzdem schwer damit?
Frank Strobel Weil man nicht genug Berührung damit hat. Und weil Stummfilme am Besten in monumentalen Häusern funktionieren, die heute fehlen. Deswegen bin ich ja so dankbar, dass viele Konzert- und Opernhäuser diese Lücke füllen. Übrigens werden demnächst etliche 100-jährige Stummfilm-Jubiläen zu feiern sein. Da kommt viel auf uns zu.

tip Wie viele Stummfilme könnte man heute überhaupt noch aufführen?
Frank Strobel Es gibt an die 1.000 Stummfilme, die aufgearbeitet und mit Musik ausgestattet sind. Eine erstaunliche Zahl, die darauf zurückzuführen ist, dass Filme überall auf der Welt aufbewahrt wurden und überlebt haben. Das ist weit besser als etwa bei der Operette, wo vieles durch Kriegsschäden in Deutschland verlorengegangen ist.

tip Sie gelten als „Filmmusik-Papst“. Ein Titel, um den man Sie beneiden kann?
Frank Strobel Nur dann, wenn man ihn nicht zu ernst nimmt. Ich habe leichtes Sendungsbewusstsein. Mir geht’s darum, Filmmusik in die Konzertsäle zurückzuholen, in denen ihre Komponisten beheimatet waren. Als ich anfing, hatte das alles noch einen ziemlichen Hautgout.

tip Welcher Film hat die beste Filmmusik?
Frank Strobel Wenn Sie mich fragen: Hitchcocks „Vertigo“ – ein Tonfilm. Die Musik stammt vom großartigen Bernard Herrmann.

Konzerthaus Gendarmenmarkt, Mitte, Sa 27.1., 20 Uhr: Frank Strobel, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, „The Artist“, Karten 20-59 €

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