Flüchtlingsarbeit

Flüchtlingsarbeit: Rumoren an der „Basis“

In Berlin formiert sich eine bundesweite Initiative von Flüchtlingshelfern, die sagen: „Wir helfen den Falschen“. An einem Abend treffen sich sechs ihrer Vertreterinnen in Neukölln, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Und sagen Sätze, die vielen schwer im Magen liegen

Foto: Basistreffen

Vor dem Gespräch, das lange dauern wird, fast vier Stunden, geht Rebecca Sommer noch eine Zigarette rauchen, draußen auf der Straße. Drinnen herrscht Rauchverbot. Dann merkt sie, sie hat kein Feuer dabei.

Drinnen, das ist ein Laden in Neukölln, dessen Lage man nicht viel näher beschreiben soll. Wie auch die meisten der sechs Frauen, die an diesem Dienstagabend an einem Tisch vor Wassergläsern und einer kleinen Schokokekspackung sitzen, nicht mit Namen genannt werden wollen. Alle haben mit geflüchteten Menschen zu tun.

Sie sind hier, um über Missstände zu reden, die sie nicht mehr hinnehmen wollen. Nicht mehr hinnehmen können.

Draußen marschiert Rebecca Sommer über die Straße, zu einem kleinen Spielplatz. Davor stehen drei Jungs. Kleiner als Sommer, höchstens 14, 15, vermutlich arabisch- oder türkischstämmig. Sommer steuert direkt auf sie zu.

„Ey, haste mal Feuer?“
Der Junge bratzt zurück: „Nein.“
Sommer, die Stimme hebend: „Geht das freundlicher?“
Der Junge tourt hoch: „Was willst du? Verschwinde!“
Seine Kumpels spannen die noch kindlichen Muskeln.

Eine Szene wie ein billiges Klischee. Man steht daneben und denkt: Nee, oder? Und guckt irgendwo anders hin. Vom Spielplatzinneren streben zwei junge Frauen heran, etwas älter als die drei Jungs. Eine mit Kopftuch, die andere mit Sonnenbrille. Beide tragen viel Make-up.

Die mit Brille sagt: „Was ist los? Das ist mein Cousin.“
Sommer fragt: „Ist der immer so drauf?“
Die Frau guckt vorsichtig. Sagt dann genervt: „Ja.“
Sommer: „Sein Verhalten ist doch bescheuert, oder?“
Die Frau mit Kopftuch gibt ihr Feuer. Frauensolidarität, jedenfalls ein bisschen.

„Haben Sie gemerkt?“, fragt Sommer später, zurück im Raum. „Er hat versucht, mich auf meinen Platz zu verweisen. Es ist einfach dieses ,Du Frau hast dich mir unterzuordnenʻ“. Und dann sagt sie: „Früher hätte ich das schöngeredet, wegrelativiert. Mich über das orientalische Machogehabe amüsiert. Heute kapiere ich, was damit gemeint ist. Wie ernst unsere Lage im Land wirklich ist.“

An diesem Dienstagabend sitzen außer Rebecca Sommer noch in diesem Raum in Neukölln: eine weitere Ehrenamtliche aus der AG; eine ehemalige Integrationskursleiterin, die 15 Jahre lang an einer Brennpunktschule in Moabit Deutsch als Fremdsprache lehrte und als Christin mit einem Muslim verheiratet ist; zwei weitere Berliner Lehrerinnen aus Integrations- und Flüchtlingskursen; und eine ehrenamtliche Helferin aus einer Unterkunft in Bayern. Eigentlich sollten noch mehr Leute zum Gespräch kommen. Aber eine Flüchtlingsfrau aus Palästina musste wegen einer Zahn-OP absagen. Und eine Hebamme, die über Genitalverstümmlungen berichten wollte, von denen sie erfuhr, hatte einen Fahrradunfall.

In diesen vier Stunden werden Sätze fallen, die vielen schwer im Magen liegen müssen. Sätze, die Reflexe auslösen, wo Debatten entstehen sollten. Sätze, die dazu geeignet scheinen, schnelle Urteile zu fällen, in vielerlei Hinsicht. Es sind Sätze über (vornehmlich) Männer muslimischen Glaubens. Über Werte, säkulare Verfasstheit, Minderheiten-, Frauenrechte.

Manchmal fallen sich die Frauen dabei gegenseitig laut ins Wort. „Warte, lass mich das erst ausführen, bitte!“

Die Zeit drängt

An diesem Abend zeichnen die sechs Flüchtlingshelferinnen und -lehrerinnen, in vielen einzelnen Facetten aus jahrelanger Praxis, ein Bild von muslimischem Dominanzanspruch, religiös-patriarchalischem Geschlechterverständnis, Diskriminierung gegen Nichtmuslime. Von überforderten Trägern und Ämtern, fehlenden Ansprechpartnern bei Sicherheitsbehörden. Von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen.

Die jüngere Integrationskurs- Lehrerin sagt: „Wenn ich in unseren Publikationen über Diversity und Antirassismus lese und gleichzeitig in den Kursen diesen Full-blown-Rassismus gegen Nicht-Muslime erlebe: Dieser Rassismus wird nicht thematisiert.“

Und die Flüchtlingshelferin aus Bayern: „Er wird von vielen Lehrern auch gar nicht wahrgenommen. Da fehlt Hintergrundwissen, werden Gestiken nicht verstanden.“

Es sind Schilderungen, die sich kaum bis ins Detail überprüfen lassen. Die an diesem Abend erst mal für sich stehen. Und in ihrer Konsquenz schmerzhaft klar sind.

Sie reden nicht von Einzelfällen, betonen die Frauen. Die eine Lehrerin erzählt etwa von einem Integrationskurs, wo eine geflüchtete Frau von einem geflüchteten Mann sexuell in der Pause belästigt worden sei. Diese Info sei an den Träger weitergegeben worden. Aber nichts sei passiert – weil man beim Träger gefürchtet habe, dann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nicht mehr beauftragt zu werden.

„Wir sind dieser Frau in den Rücken gefallen“, sagt die Lehrerin bitter. „Das finde ich eine Sauerei.“
Denn die allerersten Leidtragenden, so sagen es die Frauen, seien diejenigen Geflüchteten, die in der Minderheit seien. Jesiden, die vor dem sogenannten Islamischen Staat geflohen seien. Christen. Ex-Muslime. Homosexuelle. Frauen, die sich von ihren Männern getrennt haben. Muslimische Ehefrauen, die von ihren Männern unter strikter Kontrolle gehalten werden. Zwangsverheiratete Mädchen. Opfer, die teilweise den Tätern aus Syrien wieder begegneten. Im Integrationskurs. In der Flüchtlingsunterkunft.

Die Helferin aus Bayern sagt: „Die, die wirklich schutzbedürftig sind, schützen wir nicht. Wir schützen die Falschen.“

Diese sechs Frauen haben sich am Pfingstwochenende in Berlin mit weiteren Menschen getroffen, die mit Flüchtlingen arbeiten. Hauptberuflich oder ehrenamtlich. Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter, Heimleiter, Jobcenter-Sacharbeiter, Übersetzer, Polizisten, Flüchtlinge, Migran­ten. Insgesamt knapp 50 Frauen und Männer. Rebecca Sommer – Flüchtlingshelferin, Künstlerin, Journalistin, Filmemacherin – ist eine der Organisatoren des Treffens.

Diese „Basis“, so nennen sie sich, fordert eine „neue Ehrlichkeit in der Einwanderungspolitik“. Eine Resolution werde demnächst auf einer Pressekonferenz vorgestellt, der genaue Zeitpunkt war bei Redaktionschluss noch nicht bekannt. Es soll bald passieren.

Denn die Zeit, das sagen die Initiatoren, sie drängt.

Sommer setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte indigener Völker ein, arbeitete mit dem UN-Weltflüchtlingswerk UNHCR beispielsweise in Thailand zusammen. Und hat vor fünf Jahren, zurück aus dem Ausland, in Berlin die Arbeitsgruppe Flucht + Menschenrechte gegründet. Am Anfang waren gut 60 Leute bei der AG dabei, zwischenzeitlich hätten 300 Unterstützer mitgearbeitet, sagt sie. Alles Ehrenamtliche.

Im November 2015 zitierte die „Berliner Woche“ Sommer mit dem Satz: „Am Ende kann durch die Flüchtlinge ein reiches und farbiges Deutschland entstehen.“

Am Tisch in Neukölln klingt das jetzt anders. Ernüchterter. Spätestens 2015 sei etwas gekippt. Diejenigen Migranten, die in den Jahren zuvor gekommen seien, hätten Strukturen geschaffen für diejenigen, die jetzt kamen. Netzwerke. Zulasten der Integration.

Da sagt Rebecca Sommer zum Beispiel: „Ich will gar kein Muslime-Bashing machen, aber da gibt es eine Überheblichkeit, eine Selbstherrlichkeit und Diskriminierung allem gegenüber, was nicht muslimisch ist.“ Und dann: „Wir haben Ehrenamtliche, die hingeschmissen haben wegen dieses immer größer werdenden, aggressiven, uns Deutsche verachtenden religiösen Outings.“

Und die Frau aus Bayern sagt, sie sei seit drei Jahren intensiv in der Flüchtlingsarbeit dabei. „Ich dachte, es wird ein paar Probleme geben. Aber 90 Prozent wird laufen.“ Irgendwann aber, sagt sie, hätten die Probleme ein Umdenken bewirkt: „Wenn mir einer das alles vor drei Jahren erklärt hätte, hätte ich gesagt: Nicht so pauschal bitte!“

Dieser Zwiespalt ist schwer auszuhalten. Er steht im Raum wie ein böser Geist. Alle Frauen am Tisch sagen, sie wollten nicht pauschalisieren. Nicht generalisieren. Und haben sich doch eingestehen müssen, dass ihre Geschichten sich vielfach ähneln.

Aber die Debatte darum ist ein schmaler Grat.

Rechte Stimmungsmache

Im Januar erschien auf zwei polnischen Websites ein langes Interview mit Rebecca Sommer über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen. Positive, aber auch negative. Da sagte sie Sätze wie: „Fakt ist, in diesen vom Islam geprägten Kulturen zählt der Stärkere, und wenn Du jemandem einfach so, aus deinem Herzen heraus hilfst, steht das nicht im Einklang mit ihrem Weltbild. Du bist für sie dumm, einfach schwach.“

Plötzlich fand sich Rebecca Sommer auf rechtspopulistischen und verschwörungslastigen Seiten wieder. Mit aus dem Zusammenhang gerissenen Interviewzitaten. Und Lügen, dass sich die Balken bogen. Darauf sah sich ihre AG Flucht + Menschenrechte veranlasst, die Erklärung „Rechte Hetzseiten verbreiten Fake News über Rebecca Sommer“ auf ihre Website zu stellen.

So fabulierte das Russland-treue Portal Sputniknews in einem reißerischen Text, Sommer habe aus Angst nach Polen fliehen wollen, ihr Ehrenamt aufgegeben. Sputniknews korrigierte immerhin diese Räuberpistole später.

Dieses Gespräch findet ein paar Tage, bevor die AfD in Berlin aufmarschieren will, statt. Ein breites Bündnis hat Gegendemos angekündigt. Kurz zuvor hatte die AfD-Frau Alice Weidel im Bundestag über „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ gewütet.

Die Rede von Alice Weidel im Bundestag – Ab Minute 7 geht es los:

https://youtu.be/eG3TAvZvocI?t=7m18s

Es sind gerade keine sonderlich guten Zeiten für differenzierte Debatten. Wer missverstehen will, tut es.
Der Netzvordenker Sascha Lobo hat Anfang Mai auf der Digitalkonferenz Republica in seiner Grundsatzrede einen bemerkenswerten Satz gesagt. Es ging um Statistiken aus Nordrhein-Westfalen, die einen hohen Prozentsatz nicht-deutscher Tatverdächtiger bei Taschendiebstählen verzeichneten: „Die Reaktion der liberalen Öffentlichkeit scheint mir bisher, solche Statistiken zu ignorieren oder sehr ungeschickt zu relativieren, und das halte ich für ein Einfallstor für Rechte und Rechtsextreme gegenüber Unentschlossenen mit zu geringen Abwehrkräften gegen Rechts.“

In dieser Rede sagte Lobo auch, „ dass wir als nicht rechtsextreme Zivilgesellschaft bisher keine geeignete, nicht-rassistische Islamismus-Kritik entwickelt haben.“

Dunkel ist es geworden in Neukölln. Längst ist das Gespräch bei den ganz großen Fragen der Flüchtlingspolitik angekommen. Wer kommen darf, wer nicht. Warum viele keine Pässe bei sich haben. Wer überhaupt schutzbedürftig sei. Weshalb es neue Einwanderungsgesetze brauche. Und Kontrollen, wer ins Land darf und wer eben nicht. Wie es auch die Grundsätze des EU-Resettlement-Programms besagen, nach dem in den nächsten Jahren tausende Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika nach Deutschland umgesiedelt werden sollen.

Irgendwann erzählt die eine Lehrerin von Gesprächen mit einer Kollegin, in denen es wieder um die Probleme mit muslimischen Schülern gegangen sei. Über Intoleranz, Selbstüberhöhung, Diskriminierung von Nicht-Muslimen. Über Gewaltvorfälle. Danach habe die Kollegin sich entschlossen, den Kontakt zu ihr abzubrechen. „Sie hat gesagt: Du bist rechts, du bist AfD.“

Und die Lehrerin, die in Integrationskursen immer noch Flüchtlingen die deutsche Sprache beibringt, die das auch gern macht, mit viel Herzblut, trotz alledem, diese Lehrerin schüttelt den Kopf: „Wir sind doch alle Humanisten. Wir glauben doch an das Gute.“

Sie sagt das so eindringlich, fast flehend, als hätte sie diese Kollegin in diesem Moment vor sich, an diesem Tisch im Neuköllner Laden. Als könnte sie sie doch noch dazu bewegen, zu verstehen, was sie umtreibt.

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