Stadtleben und Kids in Berlin

Flughafen Tegel: an der Belastungsgrenze

TegelLuxussanierung. Das berüchtigte Wort. Auf dem Berliner Wohnungsmarkt heißt das: Marmorbad, zweiter Balkon, Fußbodenheizung. Hinterher gibts eine satte Mieterhöhung. Luxussanierung ist kein beliebtes Wort. Der Bezirk Pankow hat solche Sanierungen kürzlich verboten.
Man kann nur mutmaßen, was sich Matthias Platzeck gedacht hat, als der neue Flughafen-Aufsichtsratsvorsitzende, der auf dem Posten gerade erst Klaus Wowereit gefolgt war, Mitte Februar nach einer Aufsichtsratssitzung sagte, es werde „keine Luxussanierung“ für den Flughafen Tegel geben. Jenen Flughafen, in den seit Jahren nicht investiert wurde. Der doch längst geschlossen sein sollte, aber nun, bis der neue BER-Flughafen in Schönefeld fertig ist, wann auch immer, weiter funktionieren muss. Auf Biegen und Brechen.

Vor dieser Sitzung war für Tegel ein Bedarf von bis zu 50 Millionen Euro gemutmaßt worden. Der Aufsichtsrat aber beschloss nur zehn bis 20 Millionen Euro. Als „Ertüchtigungssumme“. Von wegen Luxus. Denn in Tegel geht es nicht um Marmorbäder. Sondern zum Beispiel schlicht darum, dass die maroden Toiletten überhaupt noch funktionieren. Wie auch Gepäckförderbänder, Klimaanlage, Fluggastbrücken. Von Dieser Ertüchtigungssumme soll unter anderem eine technische Taskforce eingerichtet werden, die diese Gepäck­bänder bei Störungen schnell wieder zum Laufen bringen kann. Zudem ist mal wieder eine Grundreinigung des Gebäudes angesetzt. Ist auch bitter nötig.

Als der Flughafen in den 70er-Jahren gebaut wurde, war er für jährlich fünf Millionen Passagiere ausgelegt. Im vergangenen Jahr bewältigte er mehr als 18 Millionen Passagiere. Auf Biegen und Brechen. Es ist ja nicht nur so, dass die Flughafengesellschaft angesichts der vermeintlich frohen Aussicht auf einen baldigen Hightech-Airport südlich von Berlin jahrelang in Tegel nichts mehr investiert hat. Weil die Fluglinien ihre Flugpläne im vergangenen Sommer mit Blick auf den dann damaligen, erst kurz davor beerdigten BER-Starttermin am 3. Juni­ 2012 stark erweitert hatten, muss Tegel nun auch dieses Mehraufkommen verkraften. Dort setzt Air Berlin komplett den ursprünglich für die BER-Zeit geplanten Flugplan um. Und die Lufthansa hat ihre Ziele, die von Berlin aus nonstop angeflogen werden, vervierfacht.

Für beide Airlines ist ein Ausweichen zum alten Flughafen in Schönefeld keine Alternative. „Das Drehkreuz und auch die Infrastruktur lassen sich nicht auf zwei Flughäfen aufteilen“, sagt Melanie Schyja,­ Sprecherin von Air Berlin. „Es ging gar nicht anders, als diesen stark ausgeweiteten Flugverkehr in Tegel reinzudrücken“, befindet auch Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. „Die Planung war gar nicht mehr abzublasen, die Absage kam ja vier Wochen davor. Da war eine halbe Million Tickets verkauft.“
Die Folge: Das Luftdrehkreuz für Transitreisende, das der neue Internationale Flughafen „Willy Brandt“  werden sollte, findet nun notgedrungen in Tegel statt. Das sieht man auch an den neuesten Passierzahlen. Im Januar 2013 stiegen sie insgesamt in Berlin im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres um lediglich 0,3 Prozent. In Schönefeld waren es gut 430?000 Fluggäste – ein Minus von knapp zehn Prozent. In Tegel erhöhte sich die Zahl um 4,6 Prozent auf fast 1,2 Millionen.
 Deshalb spricht zum Beispiel der erfahrene Flugkapitän Thomas Kärger, Vorstand des Pilot-Controller-Clubs, von einer „Huldigung an die Grünen und an die Linke“, wenn es um die deutlich verminderte Ertüchtigungssumme für Tegel geht. So manche seiner Kollegen, sagt er, planten für den Anflug auf Tegel in Stoßzeiten zur Sicherheit eine Extraportion Kerosintreibstoff ein, weil sich auf dem überfüllten Flughafen allzu oft die Ankunftszeit verzögere: „Die Kollegen sind sehr, sehr aufmerksam“, sagt Kärger. Er fordert daher, dass nicht nur in Heizungsanlagen oder den Sanitärbereich, sondern auch in die Kapazität investiert werden solle.

So sei die Situation auf dem Rollfeld kritisch, weil es schlicht und einfach nicht für diesen dichten Verkehr, der dort derzeit stattfindet, ausgerichtet sei. Anfang Februar kamen sich zwei Air-Berlin-Flugzeuge sogar eindeutig zu nahe. Ein Airbus A330 streifte beim Ausparken das Seitenleitwerk der Boeing 737. Zum Glück nur Sachschaden.
Während beispielsweise in Reinickendorf, Spandau oder Pankow die Gesprächsqualität unter freiem Himmel mittlerweile erheblich unter dem Fluglärm leidet, sehen Fans des guten, alten Flughafens seine fortgesetzte Einsatzbereitschaft mit Freude. Einer davon ist Marius Valentin, ein 22-jähriger Azubi, der eine Online-Petition für den Erhalt des Flughafens Tegel als Stadtflughafen initiiert und dafür auch eine Facebook-Gruppe gegründet hat. Mitte Juni will er 20?000 Unterschriften beim Berliner Abgeordnetenhaus für die Einleitung eines entsprechenden Volksbegehrens übergeben. Er hat zwar bislang erst 800 beisammen. Doch ab März soll die Unterschriftensammlung an öffentlichen Orten forciert werden. Ein Argument von Valentin und seinen Mitstreitern: Der neue Flughafen in Schönefeld sei verkehrsmäßig überaus schlecht zu erreichen, zumal im Winter, wenn die schnee­sensible S-Bahn ein zusätzliches Risiko sei. Außerdem könne der BER-Airport das steigende „Gästeaufkommen“, wie es in der Petition heißt, „nicht allein bewältigen“. Ohne Tegel.

Matthias Platzecks überraschende Kehrtwendung bei der Nachtflugzeit kommt daher den Freunden des Flughafens Tegel durchaus gelegen. Der märkische  Ministerpräsident war in der vergangenen Woche auf den Kurs eines Brandenburger Volksbegehrens umgeschwenkt, das zwischen 22 und fünf Uhr sämtliche Nachtflüge ablehnt – zum Entsetzen seiner Aufsichtsratskollegen aus Berlin und vom Bund. Bislang gilt das strikte Verbot nur für die Zeit von null bis fünf Uhr.
Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft, sagt: „Wir finden es völlig unverständlich, dass sich die brandenburgische Landesregierung nicht mehr an ihren eigenen Beschluss zu den Flugzeiten halten will, der vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden ist.“ In diesem höchstrichterlichen Urteil war dem Flughafen BER eine Betriebszeit von 5.30 bis 23.30 Uhr zugesichert worden. „Und die wird beim künftigen Hauptstadtflughafen gebraucht“, sagt Siegloch, „auch weil er ein internationales Drehkreuz für die ganze Region sein wird“. Nun ja: mal sehen.
So geht der Zoff um den neuen Flughafen Berlin-Brandenburg weiter. Der alte Airport in Tegel widersteht derweeil dem Ansturm, so gut es geht: Das sechseckige Abfertigungsgebäude erlebt im kommenden Jahr seinen 40. Geburtstag, allen früheren Wahrscheinlichkeiten zum Trotz. Ursprünglich war für das Flughafengebäude ein Zwillingsbruder geplant. Dort, wo jetzt der kantige, eher provisorisch anmutende Erweiterungsbau steht. Als aber die Planung für den neuen Großflug­-hafen in den 90er-Jahren konkreter wurde, gab man den Plan auf.
Wie lange der Flughafen Tegel noch würde durchhalten müssen, konnte ja damals nun wirklich keiner ahnen. 

Text: Katrin Falbe/Erik Heier

 

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

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