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Alte Überfahrt: Wo Kochen bereits im Garten beginnt

Was Brandenburg Berlin voraus hat? Die Nähe zum Grünen. In Werder an der Havel ist deshalb aus einem sehr guten Restaurant ein sehr besonderes geworden. Zu Tisch in der entschlossenen wie köstlichen Lokalküche der Alten Überfahrt
Text: Clemens Niedenthal
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Ein gutes Restaurant beginnt bereits mit dem Ausbringen der Saat: Küchenchef Thomas Hübner im Schlossgarten von Petzow Foto: Timm Kölln Photography 

Was Brandenburg Berlin voraus hat? Die Nähe zum Grünen. In Werder an der Havel ist deshalb aus einem sehr guten Restaurant ein sehr besonderes geworden. Zu Tisch in der entschlossenen wie köstlichen Lokalküche der Alten Überfahrt

Orte leben – und entstehen überhaupt erst – durch Begegnungen. Logisch. Es braucht einen, der irgendwo ist und jemanden, der genau dort vorbeikommt. Im Falle eines Wirtshauses braucht es also einen Wirt und einen Gast. Auf der Altstadtinsel in Werder aber, dort, wo in den Anfangstagen der Sommerfrische die Dampfschiffe aus Potsdam angelegt haben, weshalb dieses Wirtshaus schon Ende des 19. Jahrhunderts den Namen Überfahrt trug, im Falle der Alten Überfahrt also, ist aus einem Stammgast eine der tragenden Säule des kulinarischen Konzepts geworden.

Es kommt aber auch nicht häufig vor, dass ein Gast einen eigenen Schlossgarten besitzt.

Weshalb die Geschichte der Alten Überfahrt in Werder an der Havel – das Restaurant ist ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern für die hervorragende handwerkliche Küche und einem grünen Stern für sein regionales und nachhaltiges Konzept – von drei Menschen erzählt, die auf der Suche waren. Und die an der Havel und am Schwielowsee angekommen sind.

Patrick Schwatke hat in großen und ausgezeichneten Küchen gekocht. Und auf der Suche nach dem eigenen Restaurant den alten Gastraum des kleinen Hotels Prinz Heinrich gefunden. Sein Küchenchef Thomas Hübner wollte nach Jahren in Italien das Mediterrane mit der Küche der Mark gemeinsam denken. Es gelingt vorzüglich mit einer handgemachten Pasta mit Pinienmilch und Imperial Kaviar. Ein Teller, der trotz oder gerade wegen des Statusprodukts Kaviar ganz rund und sehr schlüssig schmeckt.

Und dann wäre da noch der Gast, Klaus Kosakowski. Und mit ihm diese sehr besondere, den Bogen von vier Jahrzehnten spannende Geschichte. Noch vor dem Fall der Mauer war er als Manager einer großen Supermarktkette in und um Werder unterwegs. West-Berlin brauchte Gemüse, die DDR Devisen. In der Abenddämmerung strandet Klaus Kosakowski in einer Sackgasse am Schwielowsee, am Kopfende ein verfallenes Herrenhaus.

Sechs Kilometer vom Beet an den Herd

Das Herrenhaus ist heute steril luxussaniert. Die umliegenden Häuser und vor allem den historischen Schlossgarten konnte Kosakowski vor dem Verfall bewahren und über die Jahrzehnte denkmalgerecht sanieren. Was aber macht man in einem denkmalgerecht sanierten Garten? Gärtnern!

Ein Teil der Ernte geht in das Gartencafé Drei Kaehne, das die Kosakowskis im Sommer betreiben. Vor allem aber bestellt Küchenchef Thomas Hübner jetzt die Beete in Petzow, keine sechs Kilometer von seiner Restaurantküche entfernt. Was, jetzt am Ende des Winters, so auf der Karte steht: Petzower Wirsing, mit Polenta, Gremolata, Salzzitrone und eine Kaffeesauce. Oder der Topinambur zur Müritzforelle, die mit der schonenden japanischen Jke-jime-Methode getötet worden ist.

Fine Dining in Brandenburg, das ist eine komplizierte Beziehung. Einmal abgesehen vom Savito in Falkensee gleich hinter Spandau, wo eine zwar handwerklich aufwendige, aber kaum zeitgenössische oder regional verortete Küche serviert wird, leuchtet ein Michelin-Stern sonstt nur noch über dem Kochzimmer in Potsdam.

Patrick Schwatke und Thomas Hübner haben sich nicht nach dem Stern gestreckt. Schon gar nicht haben sie sich für ihn verbogen. Im Gegenteil: Gerade in der Besinnung auf die Region und auf ihre ganz persönlichen Interessen ist aus einem sehr guten Restaurant ein sehr besonderes geworden. Eine Autorenküche, die von den Orten erzählt, an denen sie eben auch serviert wird.

Alte Überfahrt 14542 Werder (Havel), Fischerstr. 48b, Di–So 18–22 Uhr, Sa+So auch 12–15 Uhr, online

tipBerlin Edition Brandenburg

Von der Alten Überfahrt erzählen wir in unserer neuen tipBerlin Edition Brandenburg. Sie ist eines unserer 26 Highlights für den Sommer 2026 im Berliner Umland. Darüber hinaus waren wir mit Eseln wandern, wir waren Zampern im Spreewald und erzählen, warum Weine aus Brandenburg eine große Zukunft haben. Wir haben in Cottbus eine Stadt voller Aufbruchstimmung erlebt, wir besichtigen die Architektur der Ostmoderne und liefern rund 600 frisch recherchierte Adressen für den nächsten Ausflug.


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