Das Bravo ist ein Glücksfall für die Auguststraße

Es musste ja so kommen. Wegen des Namens. Zwei Silben und die Endung auf O. So wie Pluto, Trio, Otto. Seit Mitte Juli betreiben Eva Alken, Clemens Roesch, Sören Zupke und Vadim Henselder nun also auch das Bravo im KW –Institut for Contemporary Art auf der Auguststraße. Nun also ein Tagescafé. Nach einem an der zeitgenössischen nordischen Kulinarik geschulten Produktküchenrestaurant, einem vollmundigen Neo-Wirtshaus und einer Weinbar, die hervorragend auch als Kneipe funktioniert, nun also ein Ort für den frühen Hunger.
Denn: „In einem Café findet wirklich Nachbarschaftlichkeit statt“, so hat es Sören Zupke in einem früheren Gespräch mit uns erzählt, „Orte, die tagsüber einfach immer geöffnet haben, sind ein wichtiger Fixpunkt in jeder Stadt. Und es braucht für den Besuch eigentlich keinen Anlass, außer dem Anlass, nahe beieinander zu sein.“
Geliehener Wohlfühlort: Das Bravo
Natürlich gibt es das Bravo, vormals Café Bravo, schon länger. 1998 stellte der Künstler Dan Graham anlässlich der damaligen Berlin Biennale den großflächig verglasten sowie verspiegelten, gleichsam kühn wie kühl modernistischen Kubus in den Innenhof der 1992 eröffneten Kunst-Werke. Gedacht war er als Foyer und Museumsshop. Dann fehlte das Geld für einen entscheidenden Mauerdurchbruch – und Mitte hatte ein neues Café.
Eines, das durchaus prägend werden sollte für jene Epoche, in der sich das Zwischennutzungsberlin der Nachwendejahre zur Kunst- und Kreativmetropole mausern sollte. Ein schweres Erbe?
Aber vielleicht passt der Begriffe Erbe auch gar nicht. „Es fühlt sich eher so an, als hätte man uns diesen sehr schönen Ort geliehen“, sagt Eva Alken. Und man möchte anfügen, dass man ihn nicht in bessere Hände hätte geben können. Schon das Neo-Wirtshaus Trio am Ende der Linienstraße ist ja nicht nur aufgrund der Nähe zur Volkbühne ein Ort an dem sich Kultur und Kulinarik gleichberechtigt auf ein Gulasch und ein Landbier treffen. Einerseits, weil Alken, Rösch, Zupke und Henselder zu jenen Gastronom:innen gehören, die sich selbst für viel mehr interessieren als nur gutes Essen und gastronomische Konzepte. Andererseits, weil die vier klug genug sind, um zu verstehen, dass es noch immer die Gäste sind, die sich eines Ortes bemächtigen. Die sich einrichten und auf ihre Art wohlfühlen.
Wohlfühlorte sind das Otto, das Trio, das Pluto und nun eben das Bravo allesamt.

Aber: Was ist das Bravo überhaupt? „Ein Café“, sagt Clemens Roesch und denkt an die Kaffeehäuser seiner österreichischen Heimat. Orte, die den Tag und mithin das Leben begleiten. „Aber ist ein Café“, fragt Eva Alken, „nicht eher sowas wie hier nebenan The Barn?“ Recht haben beide. Und sie haben damit etwas sehr Schönes formuliert. In einer Zeit der oft am Reißbrett entworfenen Restaurantkonzepte, der It-Stühle, It-Lapen und It-Dishes , tun Orte gut, die bei aller ästhetischen Entschlossenheit verschiedenste Benutzungen anbieten. Eine Tassse Kaffee zur Zeitungslektüre. Lunch mit Arbeitskolleg:innen. Aprikosen-Croissants nach dem Museumsbesuch. Ein Feierabendwein.
Würstl im Saft
Einen ganz persönlichen It-Dish habe ich bereits am Eröffnungstag des Bravo dennoch bereits gefunden: Würstl im Saft, wobei alleine die Entstehungsgeschichte dieses herrlichen Kneipentellers die Arbeitsweise dieses im Kollektiv geführten Lokals sehr gut beschreibt: Clemens Roesch hatte Vadim Henselder von einer Speise erzählt, die es in Wien in jeder guten Kneipe gibt: Wiener Würstschen im Gulasch-Sud, dazu Brot und Gürkchen. Hatte Vadim Henselder noch nie gegessen: „Jetzt ist es sowas wie mein Lieblingsgericht.“ Und ein Teller, der kein großes Aufheben um sich macht, sondern einfach nur richtig lecker ist.

Kein Aufheben um sich zu machen wird dem Bravo nicht gelingen. Dafür ist dieser Ort samt des baumbeschatteten Innenhofs zu schön, zu gut, zu wunderbar. Wir ahnen aber, dass es diesen vier Gastgeber:innen gelingen wird, eine herzliche Alltäglichkeit zuzulassen. Auch das ist ein Verdienst.