Im ikonischen Kant-Garagenpalast wird jetzt gegessen und getrunken

Große Ideen, so erzählt es ein Mythos der digitalen Moderne, wurden in Garagen erdacht. Der erste Computer von Apple, zusammengelötet in der Garage der Eltern von Steve Jobs. Der Suchmaschinen-Gigant Google, am Anfang stand eine Garage im kalifornischen Menlo Park. Diese durchaus dufte Idee entstand sogar in einem Garagenpalast. Dem Kant-Garagenpalast, 1927 erbaut als das europaweit erste Parkhaus mit einer sogenannten Doppelhelix, also zwei getrennten gewendelten Rampen für die Auf- und die Abfahrt. Weshalb, scherzt Felix Bollen, er sich in dieser zu Büroetagen und Eventflächen umgebauten Architekturikone noch immer gelegentlich verläuft.
Felix Bollen hat die Idee für Dufte nach Berlin gebracht. Aus London, wo er gemeinsam mit seinem Vater eine Brauerei aufgebaut hat, German Kraft Beer, das Wortspiel ist Programm. Deutsche Braustile, handwerklich gebraut, für ein Publikum, das dem oft experimentellen und exzentrischen Craft-Beer-Hype überdrüssig geworden war. Ausgeschenkt in Food Hallen, die in London schon immer besonders liebevoll gestaltet sind und außerdem gerne historische Gebäude neu beleben, beispielsweise eine ehemalige Kirche aus dem 19. Jahrhundert mit dem Mercato Mayfair. Diesen Spirit wollte Felix Bollen nach Berlin bringen, warum nicht in eine denkmalgeschützte Parkgarage: „Sagt also bitte nicht Food Court dazu.“
Arme Ritter, reiches Konzept im Dufte-Food-Court
Sagen wir nicht. Obwohl auch Dufte Berlin das typische Food-Court-Profil erfüllt. Es gibt die Büroflächen, im Haus und in der Charlottenburger Nachbarschaft, deren Personal man zum Lunch begeistern will. Es gibt die beiden zentralen Bars, eine fürs Bier, eine zweite für den Rest, um die sich die verschiedenen Restaurant-Fenster wie Satelliten gruppieren.
Darüber hinaus aber ist vieles anders und, ja, auch besser. Zuallererst ist es die Atmosphäre, was auch aber nicht nur am Charme dieser historischen Parkgarage liegt: die Vorhangfassade, die offene Struktur, die patinösen Materialien. Felix Bollen und seine Geschäftspartner Timo Hanjo und Philipp Köppen – er hat aus der Kreuzberger Weinbar Nomi den Entdeckungsdurst mitgebracht – haben einen Raum inszeniert, ohne seine Geschichte und seine historische Funktion zu kaschieren.
Selbst die komplexe Lichttechnik, tatsächlich lässt sich der Raum in alle erdenklichen Farben und Farbspiele tauschen, fügt sich selbstverständlich in den modernistischen Retro-Futurismus der Hochgarage.
Noch wichtiger: Die fünf Food-Konzepte sind keine Glücksritter, die sich mal in der Street Food versuchen – sondern fast ausnahmslos etablierte Größen der jungen Berliner Gastronomie. Mani in Pasta begeistern seit zehn Jahren mit ihrer handwerklichen Pasta aus direkt importierten Zutaten in der Kreuzberger Markthalle Neun. Aparna Aurora kennt man aus den drei Filialen ihres indischen Imbissrestaurants Chutnify. Im Kant-Garagenpalast denkt sie die indische Küche with a Twist. Curried Cactus nennt sich ihr Flirt mit den Aromen Mexikos und Südamerikas. Navot Shelach war Küchenchef im coolen Aviv030 am Rixdorfer Richardplatz. Abuya heißt sein neues Konzept; Levanteküche, wie sie kurzweiliger und auch unkomplizierter kaum sein könnte.
Da sein für die Nachbarschaft
Neu auf der Berliner Bühne sind die drei Jungs von Tacho. Jung sind diese Jungs, allesamt Jahrgang 2000. Und angenehm wild und überraschend in ihrer handwerklich gelungenen Interpretation deutscher Klassiker. Einem Armen Ritter etwa, der auf einer Art süßem, mit Baiser gepimpten Semmelknödel basiert. Oder einem Teller Miesmuscheln, der glauben lässt, dass hinter dem Kant-Garagenpalast nicht die S-Bahn fährt, sondern das Meer beginnt.
Apropos: Zwischen Garagenpalast und Stadtbahntrasse ist jetzt ein Biergarten. Noch eine gute Idee, nicht nur in diesen Tagen des Public Viewings.
Gleich vorne in der ehemaligen Tankstelle, bis in die Wirtschaftswundermoderne hat zu jedem Parkhaus auch eine Tankstelle gehört, backt das Domberger Brot-Werk täglich frische Sauerteigbrote. Eine doppelt gute Idee, denn eine Bäckerei sorgt für Frequenz und Alltäglichkeit. Und ganz konkret dafür, dass Dufte schon ab 8.30 Uhr geöffnet ist.
„Wenn wir die Nachbarschaft erreichen wollen, dann müssen wir auch für die Nachbarschaft da sein“, sagt Felix Bollen. Das geschickt inszenierte Erdgeschoss spielt ihm dabei in die Karten: Dank der vielen denkmalgeschützten Details und eines aufwendigen, aber nicht aufdringlichen Lichtkonzepts fühlt sich Dufte eigentlich immer dufte an. Ob nun in kleiner Gesellschaft beim frühen Kaffee. Oder an einem trubeligen Freitagabend.
Bleibt der Reality Check. Geben die Berliner:innen dem nächsten Food Court, der doch gar keiner ist, eine Chance? Aber vielleicht kommt der um ein Jahr verzögerte Start da gerade richtig. Die Stadt sehnt sich wieder nach nahbaren, erschwinglichen Konzepten. Mit bereits 40 Euro kann man in der Kantstraße 126/127 einen ganzen Abend richtig dufte Spaß haben.














