In guter Gesellschaft: Die Bottega Seppel
bekommt das Lokal nun eine kleine Schwester. Zu Besuch bei einer Erfolgsgeschichte

Berlin, Ecke Giesebrechtstraße. Hier, weit oben am Kurfürstendamm, hat sich das ohnehin stattliche Charlottenburg noch ein mal mehr in Schale geworfen. Opulente Stuckfassaden, hohe Decken, eine Portion Paris. Manche Häuser tragen breite Terrassen, so auch die Hausnummer 3, in der seit wenigen Wochen die Bottega Seppel zuhause ist. Oder besser: ein Zuhause bietet. Denn darum geht es Lidia Usinger und Luiz Lünskens mindestens ebenso wie um die Aromen auf den Tellern und die entspannte Exzellenz im Glas: Ein Abend in der Bottega Seppel soll sich anfühlen wie ein Abend unter Freunden. Auch für jene Gäste, die nicht bereits selbst als gesellige Runde gekommen sind.
Charlottenburg ist bereit für den Generationenwechsel
Usinger und Lünskens haben sich in die Giesebrechtstraße hochgearbeitet. Eröffnet hatten sie ihre Bottega Seppel vor einem guten Jahr noch ein paar hundert Meter weiter östlich in der Wielandstraße. Wobei Seppel einmal der Spitzname einer sehr jungen Lidia Usinger war. Als weinkompetentes Lokal mit Tellern zum Teilen machte diese Bottega in Charlottenburg Furore. Auch, weil die Jugend in der Bottega einkehrt. Oder hatten Lidia Usinger und Luiz Lünskens nur als eine der ersten erkannt, dass auch die alte Dame Charlottenburg reif für einen Generationswechsel war?
Die beiden Gastronom:innen arbeiten weiter an der Verjüngung der Nachbarschaft. Nachdem sich die Occasion bot, mit der Bottega Seppel ins ehemalige Swan & Son zu ziehen, das davor das 12season war, fiel schnell die Entscheidung, aus dem bisherigen Lokal eine Tagesbar, das Seppli, zu machen, Eröffnung in der zweiten Juniwoche.
Die neue Bottega Seppel ist schon bereit für den Charlottenburger Sommer. Dänische Designerleuchten, Marmortische, die Tische so eng gestellt wie in der Paris Bar oder im Borchardt, was als Referenz durchaus passt. Am Montag nach einem vibrierenden Eröffnungswochenende treffen wir Lidia Usinger und Luiz Lünskenz zum Gespräch.
Lidia Usinger, Luiz Lünskens, wir kamen aus einer Epoche der strengen Menü-Konzepte und des ausschweifenden Fine Dining – und dann kamen Sie mit einem lässigen Gesellschaftslokal um die Charlottenburger Ecke.
Luiz Lünskens Wie es zur Bottega Seppel kam, dass kann Lidia viel authentischer erzählen. Aber es stimmt schon: Wir wollten leckere Teller aus guten Grundprodukten. Aber wir wollten kein Restaurant, das es zu kompliziert oder konzeptionell macht.
Lidia Usinger Ich komme aus einer Familie, in der man schon immer unheimlich gerne an einem großen Tisch zusammengekommen ist. Natürlich geht es dabei auch darum etwas Gutes zu essen und etwas Schönes zu trinken, aber der eigentliche Grund ist das Zusammensein. Man geniest einfach die gemeinsame Zeit, schöne Gespräche bei ein paar geteilten Tellern und einem Glas Wein. Genauso habe ich mir mein Restaurant vorgestellt. Und gemerkt, dass es so einen Ort bei all den fantastischen Restaurants Charlottenburgs noch nicht gab.
Ich wünsche mir für das Seppli das beste Club-Sandwich der Stadt – Lidia Usinger
Exemplarisch kann man das Seppel-Gefühl mit diesen beiden Tellern umschreiben: Garnelen, die nur mit einem Dip gereicht und am Tisch gepult werden und der herrlich unprätentiöse, köstliche Seppel-Salat. Wie viel Mut braucht diese Einfachheit?
Luiz Lünskens Die Garnelen machen Spaß, auch weil sie die Gäste dazu animieren, loszulassen und mal mit den Händen zu essen. Gleichzeitig erfordert aber gerade diese Lässigkeit wirkliche Qualität im Service und in der Küche. Wenn ein Teller nur zwei oder drei Komponenten hat, kann sich keine davon verstecken oder auch mal mittelmäßig sein.
Um eine grundsätzliche Kulinarik wird es auch im Seppli gehen, um Sandwiches etwa oder Caesar Salad … Woher die Kraft nach so kurzer Zeit für ein zweites Projekt?
Lidia Usinger Das Lokal in der Wielandstraße war einfach unser Baby, ich hätte es nicht schon wieder gehen lassen können. Außerdem ist eine Tagesbar noch so eine Sache, die Charlottenburg vielleicht fehlt. In Mitte gibt es das Pinci, in Schöneberg das Onette und hier im Westen jetzt das Seppli.
Luiz Lünkens Wenn ich mir das Klemke anschaue, dieses Ur-Berliner Weinlokal in der Mommsenstraße, wo schon mittags auf jedem Stehtisch ein Gläschen steht, dieses Gefühl würde ich gerne in die Gegenwart holen. Entspanntes Daydrinking, einen Ort, der für viele Gelegenheiten funktioniert
Lidia Usinger Ich wünsche mir für das Seppli, dass wir irgendwann dafür bekannt sind, das beste Club-Sandwich der Stadt zu machen. Das ist ja noch so ein Gericht, das eigentlich immer passt und in seiner Einfachheit wirklich wunderbar ist.
Bottega Seppel Giesebrechtstr. 3, Charlottenburg, Di–So 18–23 Uhr, mehr Infos hier
Seppli Wielandstr. 38, Charlottenburg, Eröffnung Anfang Juni, dann Mo–Sa 12–20 Uhr, manchmal länger, bei Instagram
Das Wolf Kino kann auch kulinarisch: Machiko’s Kitchen serviert Bibimbap in der Kino-Kantine. Neues wagen, Altes pflegen: Junge Berliner:innen übernehmen die Kultkneipe Zum Heinzelmann. Hervorragendes Korean Fried Chicken und den ziemlich besten Caesar Salad gibt es bei Bamnat am Paul-Lincke-Ufer. Italienisches Brot und Aperitivo: Auf der Schönhauser Allee hat Sironi Gespür für die kleinen legeren Momente. Berlin oder Paris? Wir sind begeistert vom lässigen Schöneberger Nachbarschaftslokal Barlevain. Großartiges griechisches Essen erwartet euch im File Asto in Kreuzberg. Weinbar, Kneipe oder Wiener Beisl? Das Sagma in Moabit muss sich nicht entscheiden. Auf der Suche nach der Essenz eines Lebensgefühls: Warum gehen wir ins Restaurant? Von Sankt Petersburg nach Berlin: Das Almi Bistro ist eine wahre Entdeckung. Burmesisches Essen in Berlin: Burma Bliss in Charlottenburg macht den Anfang. Kartoffelpüree-Gourmet: Besser als bei Nobelhardt & Schmutzig geht’s kaum.Ein Mittagessen wie in Marseille: Volk serviert Seafood zum Lunch. Deutsche Küche with a twist? Das Luzii im Scheunenviertel macht Lust auf mehr. Und wenn euch doch nach Essen aus anderen Ländern ist, findet ihr hier unsere Weltreise durch die Berliner Restaurants von Chile bis Jamaika. Georgische Weine zu authentischen Tellern: Das Restaurant Daia in der Kopenhagener Straße. Zugreifen: Im Kōji werden die Hand Rolls mit dem Nori-Blatt aufgepickt. Die Kunst der kulinarischen Übertreibung: Goldies Bar im KaDeWe. Hier steppt der Bär: Die Bar Matrëshka lässt slawische Trinkkultur mit moderner Mixology verschmelzen. Alles weitere zum kulinarischen Berlin findet ihr immer in unserer Food-Rubrik.




