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Keine neuen Sterne in Berlin – und warum das auch eine gute Nachricht sein könnte

Zum ersten Mal seit 20 Jahren kamen in Berlin keine neuen Michelin-Sterne hinzu. Im Gegenteil: Es sind sogar drei weniger geworden. Halb so wild, findet Clemens Niedenthal
Text: Clemens Niedenthal
Veröffentlicht am: 24.06.2026
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Das Rutz hat immer noch drei Sterne, neue sind in Berlin allerdings in diesem Jahr nicht dazugekommen. Foto: Imago/Maurizio Gambarini/Funke Foto Services 

In Frankfurt am Main wurden am gestrigen Dienstag die diesjährigen Michelin-Sterne vergeben. Seit exakt hundert Jahren gibt es die noch immer relevanteste Auszeichnung für gute, nein, sehr gute Küchen nun schon. In Deutschland wurden 1996 die ersten Sterne vergeben. Neue Michelin-Sterne kamen für Berlin nicht hinzu. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren. Im Gegenteil: Es sind sogar drei weniger geworden. Das levantinisch-frankophile Prism ist seit vergangenem Herbst geschlossen, Küchenchef und Inhaber Gal Ben Moshe wirkt jetzt in Prag.

Das Lichtenberger Skykitchen und der Wilmersdorfer Bieberbau haben ihren Michelin-Stern verloren. Letzteres verwunderte zumindest unsere Redaktion: Der Bieberbau war schon immer etwas leiser, familiärer, auch niederschwelliger als andere, wie heißt es doch so unschön, Gourmet-Tempel. Gerade zuletzt aber hatte uns die regionale Küche von Stephan und Anne Garkisch wieder richtig Spaß gemacht.

Und: Der Bieberbau lebt auch von seiner treuen Stammkundschaft. Aber vielleicht ist das weniger relevant für einen Restaurantguide, der sich einmal als ein Reiseführer (erfunden, um eben Michelin-Reifen zu vermarkten) gegründet hatte. Noch heute heißt die offizielle Begründung für ein Zwei-Sterne-Restaurant etwa, es sei „eine Reise wert“.

Drei Sterne weniger in Berlin

Berlin ist, das wissen wir, immer eine Reise wert. Sowieso das gastronomische, kulinarische Berlin. Das Berlingäste und Hierlebende aber in diesem Sommer kein neues Einsternelokal besuchen können, es lag in der Luft. Die beiden letzten Neueröffnungen, die sich, jeweils auf sehr unterschiedliche Weise, vollumfänglich dem Fine Dining verschrieben hatten, sie sind schon zwei, drei Jahre her. Beide, das Matthias im Kollwitzkiez und das Kreuzberger Loumi, wurden bereits im vergangenen Jahr mit einem Stern ausgezeichnet.

Dennoch rotieren da einige Namen, auch in unserer Redaktion. Ich selbst finde den konzeptionellen, sehr japanophilen Yakitori-Grill Stoke in der Kreuzberger Lindenstraße unglaublich schön und unglaublich gut. Jeff Claudio gibt Berlin dort das Gefühl, noch immer eine internationale Food-Metropole zu sein. Am Monbijouplatz in Mitte ist das Dae Mon noch einmal viel exzellenter und auch überraschender geworden und Jonas Merold hat sich in seinem Neuköllner Restaurant Merold zuletzt ziemlich neu erfunden. Noch mehr Handwerk, noch ein lokaleres Produkt-Sourcing. Ein Glück für Berlin. Dass der Guide-Michelin aber inzwischen (wieder) andere Prioritäten setzt, auch das zeigte die Live-Übertragung der Gala aus dem Frankfurter Palmengarten. Viel zu viele Männer. Viele große Namen (Käfer etwa oder die Althoff-Gruppe). Dazu haben die alten Hochburgen einer westdeutschen Hochküche wieder Konjunktur, Sterne gab es für Bergisch Gladbach und den Hochschwarzwald.

Nicht jeder begabte Koch schielt nach einem Stern

Ja, man konnte den Eindruck haben, dass der Guide Michelin die kulinarischen Entwicklungen Berlin ein gutes Jahrzehnt lang eben sehr wichtig genommen hat. Und jetzt plötzlich nicht mehr so sehr. Aber vielleicht ist das umgekehrt ja auch ähnlich. Ein begabter Koch wie Max Hühnergarth etwa, hätte vor fünf Jahren vielleicht noch nach einem Stern geschielt. In diesem Frühjahr eröffnete er im Schöneberger Akazienkiez das lebendige und leckere Nachbarschaftsbistro Barlevain. Auch die Berlin Hospitality Group mit Restaurants wie dem Verōnika, dem Luna D’Oro im Clärchens Ballhaus und zuletzt der Théodor Brasserie hat sich explizit gegen ein Fine-Dining-Restaurant entschieden. Nicht, weil man etwas gegen sehr gutes Essen hätte. Sondern weil die Stimmung dieser Stadt wieder mehr nach großen Tafeln, intuitiven Momenten und weniger nach dem Menü-Zwang ruft.

Zeitgenössische Orte wie die Théodor Brasserie entfernen sich bewusst vom Fine Dining. Und das ist gut so! Foto: Marie Staggat

Keine Sorge aber, Michelin-Sterne leuchten über Berlin ja noch. Auch besondere und, ja, sehr berlinerische. Sarah Hallmann zeigt in Rixdorf jeden Abend aufs Neue, dass sich Exzelllenz und Empathie, Nachbarschaftlichkeit und Noblesse nicht ausschließen und im Falle des Hallmann & Klee womöglich sogar bedingen. Ilona Scholl und Max Strohe haben mit dem Tulus Lotrek noch einmal ganz neu definiert, wie man ein Restaurant erzählt und vor allem die Hoheit über diese Narrative behält. René Franks Coda Dessert Dining (Zwei Sterne) ist ein Berliner Restaurant mit Klang in der ganzen Welt. Und Marco Müller bleibt Berlins einziger und sehr verdienter Drei-Sterne-Koch in einem Restaurant, das in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag gefeiert hat und prägend für das neue kulinarische Selbstverständnis dieser Stadt gewesen ist: das Restaurant Rutz in der Chausseestraße.

Die Berliner Sternerestaurants in der Übersicht

Drei Sterne in Berlin:
Rutz

Zwei Sterne in Berlin:
Coda
Facil
Horvath
Tim Raue

Ein Stern in Berlin:
Bandol sur mer
Bonvivant
Bricole
Cookies Cream
Golvet
Hallmann & Klee
Hugos
Irma La Douce
Lorenz Adlon Esszimmer
Loumi
Matthias
Nobelhart & Schmutzig
Pars
Tulus Lotrek


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