Büsumer Krabben, Sorbet vom Eisenkraut: Tim Lentl begeistert im Qiu

Das schönste Geschenk zum 25. Geburtstag hat sich das Facil gleich selbst gemacht. Denn, ja, das Berliner Restaurant, das bereits 2013 mit dem zweiten Michelin-Stern ausgezeichnet worden ist, und das mit einer konsequent regionalen, vom engen und persönlichen Austausch mit seinen Produzent:innen geprägten Küche, ist bereits ein Vierteljahrhundert alt. Die meiste Zeit davon leitet Michael Kempf die Küche, inzwischen sind es auch schon 23 Jahre. Eine Ära – nicht nur in einer zunehmend schnelllebigen Branche wie der gehobenen Gastronomie. Überhaupt hört man nur Gutes über das Arbeitsklima hier am Potsdamer Platz.
Also zum Geschenk, das sich das Facil gemacht hat: ein spannendes, delikates und dabei herrlich selbstverständliches Zweitrestaurant. Wobei man nun anmerken könnte, dass es auch das Qiu im ersten Stock des Hotel The Mandala schon seit Jahrzehnten gibt. Die Küche im Qiu profitierte verlässlich von der handwerklichen Kompetenz und der Produktethik des Facil. Nur schmeckte es im Qiu zuweilen eben so weltläufig und divers, wie es auch die Gäste eines Luxushotels sind.
Neuerdings hat das Qiu eine sehr persönliche Handschrift. Es ist die Handschrift eines jungen Kochs, gerade einmal ein paar Jahre älter als das Restaurant selbst.
Das Qiu: Erbse, Eigelb, Kapuzinerkresse
Auftritt Tim Lentl. In Ludwigsburg hatte der zunächst Medienwissenschaften studiert. Und gemerkt, dass er eigentlich fürs Kochen brennt. In Berlin pendelte er zwischen dem Gendarmenmarkt und Unter den Linden, machte im Borchardt seine Ausbildung zum Koch und schrieb nebenbei in der Staatsbibliothek an seiner medienpädagogischen Abschlussarbeit. Im Facil merkte Lentl bald, dass er viel mehr kann als nur Schnitzelklopfen und Gesellschaftsrestaurant.
Also fasst er seinen Mut zusammen. Und präsentierte Küchendirektor Michael Kempf seine Idee einer regional grundierten Produktküche. Ein Wirtshaus, nur eben viel feiner. Nova-Regio-Cuisine, aber gar nicht verkopft. Fleischeslustig, aber auch gemüsegrün. Tatsächlich sind mir die Erbsen mit Kapuzinerkresse und Eigelb als einer der herausragenden Teller dieses Berliner Sommers in Erinnerung geblieben.
Auch Michael Kempf hatte also Lust auf das neue Qiu und eine moderne deutsche Küche. Und so gibt es am Potsdamer Platz jetzt ein Sechsgang-Menü für faire 78 Euro, nicht nur räumlich nah am Facil, aber ganz eigen in Ausdruck, Aromen und Atmosphäre.
Eine klare Idee – kein Chichi: Das Qiu im The Mandala
Dass das Brioche mit Büsumer Krabben auch als Zimmerservice-Sandwich begeistern dürfte, und dass das rosa gebratene Wagyu aus dem hessischen Vogelsberg auch als Solist (also abendfüllender Hauptgang) gefällt – geschenkt. Schließlich bleibt das Qiu ein Hotelrestaurant mit den typischen Herausforderungen eines Hotelrestaurants. Wie beiläufig und doch auf den Punkt präsent dem Team um Tim Lentl aber ein Menü gelingt, das mit dem Erfahrungsschatz der deutschen Küche spielt und doch auf allzu naheliegende Klischees verzichtet („Königsberger Klopse muss ich nicht auch noch machen“), das ist ein großes kulinarisches Glück.
Das Sorbet von der Verbene, also dem Eisenkraut, die trockengereifte Forelle aus der Lüneburger Heide – ein gutes Produkt, eine klare Idee, kein Chichi, wohl aber ein visuell anregender Teller. Noch so ein Moment, in dem die handwerklich überragende Küche des Facil auch in seinem Schwesterrestaurant sichtbar wird. So eigen – und vor allem so eigentlich – hat das Qiu aber noch nie geschmeckt.



