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Essen gehen

Paris liegt an der Mommsenstraße

Warum das Théodor das Restaurant der Stunde ist – und ein Ort für sehr viele Gelegenheiten
Text: Clemens Niedenthal
Veröffentlicht am: 01.06.2026
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Blick in die Théodor Brasserie in Charlottenburg © Foto: Marie Staggat

Paris, Ecke Mommsenstraße. Pünktlich um sieben strahlt die Abendsonne so charmant in den als Rondell um das eigentliche Restaurant geführten Gastraum, also könnte man auch sie, die Sonne also, im bereits üppigen Debüt-Menü des Théodor bestellen. Gläser spiegeln sich im Licht, die halbhohen Gardinen kennt man genau so aus Montmartre. Die Théodor Brasserie kennt man noch als Mommseneck, zuletzt versehen mit dem, nun ja, süffigen Untertitel „Haus der hundert Biere“. Eine Berliner Kneipeninstitution seit 1920. Die Nachfolge, ein Kaffeehaus-Restaurant, bliebt nur 20 Monate am Hindemithplatz. Jetzt als ein Neustart mit einer klaren Vision: Es braucht eben ganz viel kulinarische und vor allem atmosphärische Gegenwart, um auch ein wenig an die vielen Vergangenheiten von Berlin und Charlottenburg zu erinnern. Und, daher der Accent aigu über dem é, auch recht merklich an Paris.

Hinter der Théodor Brasserie stehen ein Team, das ich gut auskennt mit dem Look, Taste und Feel einer zeitgenössischen Gastronomie. Yoram Roth (zur Transparenz sei gesagt, er ist auch einer der Inhaber des tipBerlin) hat  mit so unterschiedlichen Orten wie dem Restaurant Verōnika (eine weltstädtische Bühne), dem Luna d’Oro im Clärchens Ballhaus (eine lustvolle Hommage an die deutsche Küche) und zuletzt der Weinbar Der kleine August eine Gespür für diese Stadt und ihre Orte gezeigt.

In dieser Nachbarschaft kann man kein Konzept gegen den Kiez etablieren

Nun, erstmals, die City-West. Yoram Roth ist hier aufgewaschen („Ick kenne meine Charlottenburger“). Was übersetzt auch heißt, dass man in dieser Nachbarschaft kein Konzept gegen den Kiez etablieren kann. Schräg gegenüber ist damit gerade erst ein ehemaliger Sternekoch gescheitert. Wie ein Konzept für den Kiez funktioniert, zeigt derweil exemplarisch der noch junge Restaurantleiter Til Voigt. Formvollendet und gerade deshalb auch so nonchalant, und immer auf Augenhöhe, nimmt er jenen Gästen die Schwellenangst und lenkt einen Tisch weiter ausgelassen Übermut in eine beschwingte Euphorie, von der letztlich das ganze Restaurant profitiert.

Denn, ja, am Ende des Tages, im Théodor also gerne sehr spät, dreht sich in einem Restaurant alles um die Atmosphäre. Um das gute Gefühl also beieinander und miteinander zu sein. Und vielleicht haben das zuletzt zu viele gerade der feinen Berliner Küchen zu wenig verstanden. Jeder Teller ein Kurzreferat. Dabei kann, nein soll es doch auch mal ganz einfach sein: eine Seezunge meunière, also Müllerinnen-Art. Einfach ein schöner Fisch mit einer noch schöneren Sauce. Küchenchef Michael Czernetzki passt zu solchen Tellern, ein präziser Handwerker, der, um es mit Asterix zu sagen, vielleicht schon als Kind in diesen herrlichen Topf mit all den vollmundigen Saucen gefallen ist.

Unser erstes Lieblingsgericht: eine Interpretation des Salt`n`Pepa-Tofu aus dem Good Friends aus der nahen Kantstraße, von dem Yoram Roth sagt, dass es sein liebstes Katergericht sei. Auch im Théodor ist der Salat scharf und frisch und lecker, der Tofu aber wurde, ganz Pariser Brasserie, durch viele kleine Kalbsbries-Stücke ersetzt, die herrlich juicy sind. Oder doch die Bouillabaisse? Wobei die mit Fischsuppe hier beinahe eine Fischsauce ist, sämig in der Textur, tief im Geschmack, und der Teller, der am nostalgischsten in die große, üppige Epoche der französischen Küche verweist. Wunderbar auch das Chateaubriand, zart in der Textur, aber prominent im Geschmack. Ein sehr souveräner Fleischteller, der keine maskulinen Beef-Gesten braucht.

Théodor Brasserie: sehr gut, selbstverständlich köstlich und allgemeinverständlich

In der Summe macht das eine Karte, die auch deshalb so gut zum Théodor passt, weil alles sehr gut und bisweilen exzellent ist, aber gleichzeitig selbstverständlich köstlich und allgemeinverständlich. Ob nun für kosmokulinarische Esserinnen oder die Nachbarn aus dem Kiez. Ob nun für einen großen, ausladenden Abend oder einen Teller, ein Glas und die Tageszeitung auf der Lederbank gegenüber des Tresens.

Überhaupt der Gastraum. Einmal mehr gestaltet und, ja, inszeniert von Uli Hanisch. Der Set-Designer von „Babylon Berlin“ hatte ja schon im Luna d’Oro im Clärchens und zuletzt in der Weinbar Der kleine August, beides ebenfalls Lokalitäten der Berlin Hopitality Group, gezeigt, dass viel Design für ihn vor allem bedeutet, dass man all diese Eingriffe als intuitiv, ja beinahe historisch gegeben erlebt. Auch das Théodor ist in diesem Sinne ein sehr selbstverständlicher Raum, wenngleich sich die Atmosphären stetig ändern. Das besagt Rondell, die niedrige Decke schafft Nähe und Intimität, Paris ist hier ganz nahe. Der zentrale Tresen will als Aufenthaltsort verstanden werden, Champagnerbestellungen aus der zweiten Reihe. Der Gastraum zur Rechten hat Klassik und Klasse. Und die Brasseriebestuhlung auf dem Hindemithplatz ist sowieso ein Geschenk an die Nachbarschaft, Charlottenburg und ganz Berlin.

Groß ist das Théodor, rund 120 Plätze. Auch das passt zur Sehnsucht einer Gegenwart, die wieder nach gemeinschaftlichen Orten und gemeinschaftlichen Erfahrungen fragt. Auch weil es zu keiner Zeit so einfach und gleichzeitig so verflixt alltäglich war, alleine zu sein.

Um Begegnungen soll es in dieser Brasserie gehen, sagt deshalb Yoram Roth: „Heute bekommt man alles nach Hause geliefert – die besten Filme, das beste Essen, sogar Nähe und Gesellschaft. Ins Restaurant gehen wir für Dinge, die sich nicht streamen lassen: Atmosphäre, Energie und diesen einen unvorhersehbaren Moment.“

Im Théodor ist bald Platz für sehr viele dieser Momente. Auf das Abendgeschäft folgt noch im Juni der Lunch. Später wird es bereits früh am Morgen losgehen. Denn auch das war ja lange das Markenzeichen eines Lieblingslokals: Es ist immer da, wenn man es braucht.

Théodor Brasserie Mommsenstr. 45, Charlottenburg, tgl. 17–21.30 Uhr (Küche), Bar auch länger, Website


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