Das Sagma muss sich nicht entscheiden, ob es nun Weinbar, Kneipe oder ein Wiener Beisl ist

Ein charmanter Gastraum, freigelegte Deckenbemalungen und holzvertäfelte Wände. Eingelegtes Gemüse zum Leberkäse, den ein Fleischer in Friedrichshain nach einem Rezept aus dem Bregenzerwald exklusiv für das Sagma macht. Ausgewählte Weine von gerade mal sechs Winzern, aus der Pfalz, dem Burgenland, vom Kaiserstuhl. Das günstigste Glas kostet keine vier Euro. Flaschenweise gäbe es die spontanvergorene Avantgarde genauso wie einen kristallklaren Weißburgunder vom bayerischen Bodensee.
Das Bier vom Faß kommt aus Siemensstadt, Fürst Wiaczek. Und neben der Tür zu den Toiletten hängt ein Manner-Automat. Haselnusschnitten, ein Verweis auf die Heimat des Gastgebers.
Gastgeber Thomas Kos könnte man, in Moabit und darüber hinaus, vielleicht schon kennen. Ums Eck, in der Arminusmarkthalle, führte er drei Jahre lang das Habe die Ehre. Es war das österreichische Lokal Berlins, das sich am lässigsten dem ewigen Schnitzel-Diktat widersetzt hat. Später entwickelte er für das Zenner im Treptower Hafen ein Weingarten-Konzept oder kümmerte sich um die Weinauswahl der Pizza-Institution Standard. Jetzt hat er, endlich, wieder einen eigenen Tresen.

Dass dieser Tresen, selbst nach Moabiter Maßstäben, etwas abseits vom Geschehen liegt, im ruhigen südlichen Ende der Beusselstraße, gefällt Thomas Kos gut. So saßen bereits in den ersten Tagen die Nachbar:innen auf der rundlaufendenen Bank. Pensionäre kamen für Fassbier und Leberkäse. Und die Betreiber einer legendären Bar in Wilmersdorf, sie wohnen im Beusselkiez, schon zweimal auf eine Flasche Wein. Eine Runde junger Frauen feierte Geburtstag. Andere sagen kurz „hallo“, um schnell nachzuschieben, dass auch sie bald auf ein paar Gläser und Teller bleiben werden.
„Deshalb“, sagt Thomas Kos, „wollte ich wieder nach Moabit. Nicht nur, weil ich selbst hier wohne, sondern weil die Menschen hier einen Ort wie das Sagma als nachbarschaftlich wahrnehmen. Wollte ich den schnellen Hype, ich wäre hier falsch.“
Wäre nur noch zu klären, warum das Lokal nun Sagma heißt. Sag Mal? Nein, aber wir sagen es: Der Sagma, das ist im Mittelhochdeutschen der Mundschenk. Und den hatten die Reichen und Wichtigen des Mittelalters vor allem deshalb immer zur Hand, damit er den Wein und das Essen vorkosten konnte. Schließlich war es mit der Frische und der Hygiene noch nicht immer so weit her. Aus dem Wort Sagma entwickelte sich der heutige Sommelier. Und das passt ganz wunderbar zu dieser nicht nur hygienisch einwandfreien Weinbar.