Zum Heinzelmann: Junge Berliner:innen übernehmen Kultkneipe

„Wir wurden oft gefragt, ob wir verrückt sind,“ sagt Rabea Lehmann, seit knapp zwei Monaten Betreiberin der Neuköllner Kneipe Zum Heinzelmann. Gemeinsam mit ihrem Jugendfreund Simon Sahlmann hat sie die Kiezwirtschaft am Karl-Marx-Platz Ende März wiedereröffnet. Der Name blieb gleich und vieles andere auch.
„Unser Vorbesitzer Micha hat auf jemanden gewartet, der die Kneipe so fortführt, wie sie ist“, so Lehmann. 31 Jahre lang hatte der das für Berlin einmal sehr typische Lokal betrieben, bevor er sich im vergangenen Sommer endgültig entschloss, das Heinzelmann abzugeben. Fast zeitgleich hatten Lehmann und Sahlmann mit der aktiven Suche nach einer eigenen Kneipe begonnen. „Da rief Micha an und sagte: ‚Ich habe gehört ihr wollt ’ne Kneipe?‘, erinnert sich die 29-Jährige, „das passte perfekt.“
Sahlmann und Lehmann kommen beide selbst aus Neukölln, lernten sich in der Grundschule kennen, wurden Freunde, verloren sich hin und wieder aus den Augen und fanden schließlich doch zusammen. Rabea Lehmann machte eine Ausbildung zur Schneiderin, Simon Sahlmann begann ein Lehramtsstudium, doch beide verschlug es immer wieder hinter den Tresen. „Ich brauche Action bei der Arbeit“, sagt Lehmann, auch die Nachtschichten seien kein Problem. Anstrengend sei es momentan eher, weil auch tagsüber so viel zu tun sei. Buchhaltung, Bürokratie, und so weiter.
Neues wagen, Altes pflegen
Dass am Tresen nun ein Rauchverbot gilt, führte bei den alten Stammgästen zu ambivalenten Reaktionen: „Aber die meisten freuen sich einfach, dass ihre Kneipe eine Kneipe geblieben ist.“ Verändert wurden zudem die Lampen und die Weinauswahl: „Wir haben jetzt guten Wein“, so die Betreiberin – noch immer eine Rarität in den meisten Berliner Kneipen. Das Schwarzbier schmissen sie raus und ersetzten es durch ein süffiges Helles, weil das junge, kosmopolitische Neukölln lieber trinken. Nullvier für Dreiachtzig. Dazu die Snackklassiker: Salzstangen, Erdnüsse, Flips.
Geöffnet ist täglich ab nachmittags, und ohne fixen Tresenschluss. Diese traditionellen Öffnungszeiten einer Kneipe behielten sie bewusst bei, auch, um Berlins verschwindender Open-End-Kultur entgegenwirken. „Eine Kneipe muss günstig sein und da sein für alle“, sagt Lehmann. Das inkludiere eben verschiedene Rhythmen – und, nicht nur in Neukölln, verschiedene Kulturen. Der Ton darf auch mal rauer sein, aber, so die Kneipenwirtin: „Grundsätzlich musst du schon eine korrekte Einstellung haben, sonst wird das mit uns nichts“. Daran, wie das Barpersonal reagiere, wenn jemand etwa einen unpassenden Spruch macht, könne man die politische Haltung einer Kneipe ablesen. Eine jüngeres und vor allem weiblicheres Team, so ihre Erfahrung, würde die traditionelle Berliner Kneipe auch für ein jüngeres Publikum öffnen. Eine gute Kneipe erkenne man auch daran, dass unter den Gästen viele Frauen sind.
Eine Brücke zwischen der alten und der neuen Bewirtschaftung, und den alten und neuen Stammgästen, war Rabea Lehmann und Simon Sahlmann jedoch genauso wichtig: „Wir haben Michas Schwester übernommen, die hier schon lange als Tresenkraft gearbeitet hat.“ Das Neue wagen, das Alte pflegen, darum geht es dieser neuen Generation von Kneipenwirt:innen.
Der alte Heinzelmann-Wirt Micha wiederum kommt nun regelmäßig als Gast vorbei, „der kann sich auch nicht so richtig lösen“. Ein größeres Kompliment könnte es für Rabea Lehmann und Simon Sahlmann nicht geben.Marianne Rennella
Zum Heinzelmann Karl-Marx-Platz 14, Neukölln, Mo–Fr ab 16 Uhr, Sa+So ab 13 Uhr geöffnet, bei Instagram: @zumheinzelmann
Charlottenburg ist bereit für den Generationenwechsel: In der Bottega Seppel seid ihr in guter Gesellschaft. Das Wolf Kino kann auch kulinarisch: Machiko’s Kitchen serviert Bibimbap in der Kino-Kantine. Hervorragendes Korean Fried Chicken und den ziemlich besten Caesar Salad gibt es bei Bamnat am Paul-Lincke-Ufer. Italienisches Brot und Aperitivo: Auf der Schönhauser Allee hat Sironi Gespür für die kleinen legeren Momente. Berlin oder Paris? Wir sind begeistert vom lässigen Schöneberger Nachbarschaftslokal Barlevain. Großartiges griechisches Essen erwartet euch im File Asto in Kreuzberg. Weinbar, Kneipe oder Wiener Beisl? Das Sagma in Moabit muss sich nicht entscheiden. Auf der Suche nach der Essenz eines Lebensgefühls: Warum gehen wir ins Restaurant? Von Sankt Petersburg nach Berlin: Das Almi Bistro ist eine wahre Entdeckung. Burmesisches Essen in Berlin: Burma Bliss in Charlottenburg macht den Anfang. Kartoffelpüree-Gourmet: Besser als bei Nobelhardt & Schmutzig geht’s kaum.Ein Mittagessen wie in Marseille: Volk serviert Seafood zum Lunch. Deutsche Küche with a twist? Das Luzii im Scheunenviertel macht Lust auf mehr. Und wenn euch doch nach Essen aus anderen Ländern ist, findet ihr hier unsere Weltreise durch die Berliner Restaurants von Chile bis Jamaika. Georgische Weine zu authentischen Tellern: Das Restaurant Daia in der Kopenhagener Straße. Zugreifen: Im Kōji werden die Hand Rolls mit dem Nori-Blatt aufgepickt. Die Kunst der kulinarischen Übertreibung: Goldies Bar im KaDeWe. Hier steppt der Bär: Die Bar Matrëshka lässt slawische Trinkkultur mit moderner Mixology verschmelzen. Alles weitere zum kulinarischen Berlin findet ihr immer in unserer Food-Rubrik.



