Klassiker

Frank Castorf im Gespräch über seinen „Galileo Galilei“ am Berliner Ensemble

„Das ist eine schwarze Sonne“ – Brecht trifft Artaud in der Unterwelt: Frank Castorf über das Theater und die Pest und seine BE-Inszenierung „Galileo Galilei“

Foto: Matthias Horn

tip Herr Castorf, Sie proben am Berliner Ensemble Brechts „Galileo Galilei“. Wie geht’s?
Frank Castorf Och, naja. Neulich war ich in der Volksbühne bei meinem Freund Leander. Ich bin bis zum Ende geblieben, drei Stunden Theater, das kann lang sein (lacht). Das war ein echter Freundschaftsbeweis.

tip War es seltsam, die Volksbühne wieder zu betreten?
Frank Castorf Was soll ich sagen. Es ist wohltuend, in seinem Leben eine Tür zuzumachen und woanders hinzugehen. In München habe ich gerne an der Oper gearbeitet. Auch hier am BE, das ist ganz schön mit den Schauspielern, die etwas können, was Sie und ich eben nicht können. Ein sehr guter Schauspieler zu werden, scheint ein besonderer Beruf zu sein. Das ist mit Leben gesättigt und mit Freundschaften oder Freund-Feindschaften wie die zwischen mir und Jürgen Holtz, der den Galilei spielt.

tip Sie inszenieren mit „Leben des Galilei“ einen arg didaktischen Schulbuch-Klassiker. Steckt in diesem genusssüchtigen Wissenschaftler Galilei, für den Vernunft der größte Genuss ist, auch etwas von der Lebensgier eines Baal?
Frank Castorf Galilei will natürlich den Gänsebraten mit Thymian und den guten Wein. Das ist die Gier, alles in sich hinein zu schlingen, bevor man wie Rimbaud oder der junge Brecht alles wieder als Literatur ausscheißt. Brecht schreibt in „Galilei“ von den fröhlichen neuen Zeiten, wenn die Wissenschaft, die Aufklärung, die Ratio den Menschen in den Zustand versetzt, die Welt zu verändern. Das schreibt er 1938, ein Jahr später beginnt der Zweite Weltkrieg. Brecht schreibt über den Physiker Galilei sieben Jahre, bevor andere Physiker die Atombombe entwickeln. Trotzdem ist diese Hoffnung von Brecht ja nicht nur naiv.

tip Galilei will wie Faust die Naturkräfte verstehen und beherrschen. In Ihrer „Faust“-Inszenierung unterwirft dieser weiße Europäer Faust die Natur, die Frauen, die Länder der dritten Welt – ein Egoshooter und Ausbeuter der beginnenden Moderne. Ist Galilei so etwas wie ein Gegenbild dieser Faust-Figur?
Frank Castorf Jürgen Holtz spielt Galilei, ein Mann Mitte 80, der einen Spaß und eine Jugendlichkeit hat, wenn er am Anfang nackt auftritt: Ich bin wie ein ungeborenes Kind, ich habe alles vor mir. Sein Galilei ist in der Lage, die Welt als etwas zu erkennen, das so klein ist, dass es sich um die Sonne dreht und trotzdem etwas Einmaliges ist. Jürgen Holtz ist besonders in seiner Naivität, in der Stille, in den Gedanken, in seiner Intelligenz. Brecht bewegt sich in schwierigen Zeiten, als er das Stück schreibt, im Exil von Skandinavien über Moskau nach Hollywood. In Kalifornien muss er vor den McCarthy-Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten, in Moskau gilt er als nicht linientreu, seine Freundin Margarete Steffin stirbt in Moskau im Gefängnis. Er geht nicht umsonst nach Kalifornien, statt sich in Moskau in Stalins Hände zu begeben. In Los Angeles schaut er mit neidvollem Blick auf Lion Feuchtwangers Villa. Dort schreibt er die zweite, amerikanische Fassung des „Galilei“, natürlich schielt er auf Hollywood, das ihn zu seinem großen Kummer nicht will. Brecht schreibt in seinen Notaten über „Galilei“: das ist ein historischer Schinken mit einer schönen Hauptrolle. Das Potential hat der große Hollywood-Schauspieler Charles Laughton natürlich sofort erkannt. Brecht und Laughton finden einen ganz guten Kompromiss, als sie an der amerikanischen Fassung arbeiten. Das ist keine Parabel, sondern die Illustration einer historischen Figur, das funktioniert letztlich über die Einfühlung in eine Hauptfigur. Über dieses Einfühlungstheater war Brecht zeit seines Lebens total unzufrieden. Die dritte Fassung schreibt er 1955, 1956 in Berlin. 1956, während Brecht „Galilei“ am BE inszeniert, stirbt er.

tip Das klingt, als wäre das Berliner Ensemble ein Vorhof des Dorotheenstädtischen Friedhofs.
Frank Castorf Brecht, Fritz Marquardt, Einar Schleef, Heiner Müller, alle sind an das Berliner Ensemble gekommen, um zu sterben, ich auch. Das ist unser Endpunkt (lacht). Mit Schleef, Tragelehn, Berghaus, Müller hatte dieses Theater in den 70er-Jahren eine revolutionäre Zeit, bevor die DDR-Museumsdirektoren das Haus übernommen haben. Aber selbst die haben wenigstens versucht, an diese Brecht’sche Klarheit, das Anti-Nietzscheanische, das Anti-Sentimentale anzuknüpfen. Das BE ist seit den 70er-Jahren immer mehr zu einer Verwaltungsanstalt von politischen, ideologischen und persönlichen Interessen verkommen.

tip Ist diese didaktische Klarheit, bei der die Guten und die Bösen ordentlich sortiert sind und die Welt sehr übersichtlich ist, Ihnen und Ihrem Theater der Entäußerung nicht sehr fremd und unangenehm?
Frank Castorf Deshalb brauche ich ja Artaud in dieser Inszenierung, seine Texte „Schluss mit dem Gottesgericht“ und über das Theater und die Pest. 1948 schreibt Artaud „Schluss mit dem Gottesgericht“, sein letzter großer Text. Er hat viele Jahren in psychiatrischen Anstalten verbracht. Artaud ist eine Figur wie de Sade, der die Kerkermauern durch seine Schriften sprengt. Im Kerker ist de Sade in seiner Fantasie zügellos. So sprengt Artaud in seinem Denken die Zellen der Psychiatrie. In einem frühen Text, 1933, feiert Artaud die Pest, die alle Ordnung auflöst.

tip Bei Brecht gibt es in der Mitte des „Galilei“-Stücks eine Szene über den Ausbruch der Pest. In Brechts eigener, nach seinem Tod von Erich Engel fortgeführter Inszenierung am BE fällt diese Pest-Szene weg. Weshalb streicht Brecht am BE seine Pest-Szene aus „Galilei“?
Frank Castorf Die Pest ist, glaube ich, eine Ahnung davon, dass es etwas anderes gibt als die Planetenlaufbahnen, die man berechnen kann. Sie ist etwas anderes als das Epische Theater gegen die Einfühlung und für die Beherrschbarkeit der Welt durch Vernunft. Die Hilfsbereitschaft, die Bereitschaft, diese Welt zu verändern, ersetzen im Epischen Theater Sentimentalität und Mitgefühl, die Drogen, mit denen Hollywood handelt. Die Vernunft ersetzt im Epischen Theater Furcht und Schrecken der Katharsis. Mit der Pest kommt etwas anderes, dagegen ist der Mensch über Jahrhunderte hilflos. Dagegen hilft kein soziales Bewusstsein. Das ist dieser merkwürdige kleine Floh, der in der Speiseröhre eine kleine Nische hat und mit seinem infizierten Blut fast ganz Europa ausrottet. Galilei schreibt über diesen Floh in seinen Aufzeichnungen: „Es ist das ekelhafteste, widerlichste, gefährlichste Tier.“ Er ahnt, wie dieses winzige Insekt die Menschheit gefährdet. Auf einmal wird der Mensch des Menschen Feind in der Pest, jeder wird für jeden zur tödlichen Gefahr, weil er ihn anstecken könnte. Man findet erst Ende des 19.Jahrhunderts die Ursache der Pest. Über Jahrhunderte sterben Millionen Menschen. Ein Drittel der europäischen Bevölkerung wird in den großen Pestwellen 1346 bis 1353 weggerafft. Auch zur Zeit Galileis wütet die Pest. In Florenz und in Rom wartet nicht nur die Inquisition, sondern auch die Pest. Das ist wieder die Erfahrung der Ohnmacht. Galileis Tochter überlebt nur durch die Isolation im Kloster. Warum hat Brecht die Pest-Szene gestrichen? Die Pest bringt etwas Irrationales rein. Der Mensch kann die Welt nur sehr begrenzt beherrschen, weder im Großen wie im Stalinismus, noch im Kleinen wie durch die einfache Psychoanalyse. Das Irrationale, das in einem wütet, muss irgendwie raus. Das sieht Artaud.

tip Artauds „Schluss mit dem Gottesgericht“ beginnt mit einem programmatischen Satz, den Sie öfter in Ihren Inszenierungen zitiert haben: „Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden.“ Beschreibt das Ihr Theater?
Frank Castorf Das müssen andere sagen. Artaud beschreibt, wie im Mai 1720 ein merkwürdiges Schiff aus Asien über das Mittelmeer kommt, wie ein Totenschiff. In Sardinien wird die Landung verboten, weil der Vizekönig etwas ahnt. In Marseille kommt es nach der Landung des Schiffs zu einem Pest-Ausbruch, der in der gegenseitigen Ansteckung natürlich auch etwas Sexuelles, Triebhaftes hat.

tip Was hat das Wüten der Pest mit Artauds Exzess-Räuschen zu tun?
Frank Castorf Giovanni Boccaccio hat das im „Decamerone“ im 14.Jahrhundert beschrieben. Die Menschen treten aus sich heraus, sie werden in der Pest sinnenfroh. Sie leben die letzten Stunden ihres Lebens ohne Rücksicht auf Verluste, der Verlust ist bereits eingetreten. Das sind Zustände der Hysterie, der Halluzination wie unter Drogen am Ende des voll ausgeprägten Krankheitsbildes.

tip Artaud übersetzt das in seine Vorstellung von Theater, wenn er schreibt, dass „das theatralische Spiel wie die Pest eine Raserei ist und dass es ansteckend wirkt“.
Frank Castorf Das ist eine schwarze Sonne von merkwürdiger Strahlkraft. Interessant ist, dass jeder, wenn er wie in der Pest in extreme Situationen katapultiert wird, das Mythisch-irrationale, Dreckige, Totalitäre in sich hat. Das ist es, was  Artaud am Theater interessiert: der Ausnahmezustand. Das beschreibt er in seinem letzten Text, dem „Gottesgericht“: Die Menschen schreien, sie krächzen und kieksen wie Hühner, wie Ziegen. Das ist etwas, was den normalen Theaterabonnenten verschreckt. Das ist wie große, moderne Oper. Wenn man das „Gottesgericht“ liest, denkt man, man ist im obszönen Werk von Georges Bataille. Der Mensch ist in diesen Ausnahmezuständen auf sich selbst zurückgeworfen. Die Pest bringt etwas rein, das wir nicht beherrschen. Deshalb haben Brecht und Engel die Pest-Szenen gestrichen.

tip Ist Artaud, der mit seiner Theaterkonzeption die Raserei, das Irrationale, den Exzess, auch den Exzess der Zerstörung feiert, im Theater des 20.Jahrhunderts der große Antipode Brechts, der seine anarchischen Impulse mit Marxismus und dem Glauben an die Vernunft diszipliniert?
Frank Castorf Artaud ist der Antipode, aber Brecht verliert den Anarchismus, die Rimbaud-Verehrung seiner Jugend nie. Er ist nicht so doktrinär wie in seinen Theatertheorien. Wenn man sich die alten Aufnahmen ansieht, wie Brecht am BE bis 1956 mit den Schauspielern geprobt und vorgespielt hat, da hat er etwas Süddeutsch-katholisches, nicht ohne Strenge. Aber der Bonvivant ist auch drin, der „Baal“, der Bayer, das erinnert an Karl Valentin.

tip Stephen Parker beschreibt in seiner neuen Brecht-Biografie, wie Brecht sein Leben lang unter Herz- und Nierenkrankheiten leidet, schon als Jugendlicher ist er kränklich. Das wird mit der Pose des wilden Mannes kompensiert, mit Anleihen bei Rimbaud und Villon…
Frank Castorf …der Ledermantel, das Boxen, Sportwagen. Und später ist der Stalinismus der Panzer.

tip Letzte Frage: Weshalb bringen Sie die Antipoden Brecht und Artaud zusammen?
Frank Castorf Weil Brechts Klarheit ohne Artauds Feier der Pest nur Ideologie wäre. Die Aufführung beginnt damit, dass ein alter, nackter Mann, Jürgen Holtz als Galilei, einem jungen Mann, meinem Sohn Rocco Mylord, die Drehung der Planeten und die Schwerkraft erklärt. Das ist Brechts Klarheit, die etwas Schönes hat. Das ptolemäische Weltbild, wo jeder Stern an einer Kuppel seinen Platz hat, und in der Mitte ist das Feste, die Erde als Zentrum des Universums – das wird durch Galilei zerstört. Das ist ein Aufbruch zu einer neuen Zeit. In den Pestszenen kommt die völlige Verunsicherung durch etwas Ungeheures, das man sich nicht erklären kann. Das gehört für mich zusammen. Wenn wir mit Artaud, mit Bataille, den Surrealisten die Reise nach innen machen und nicht nach außen ins Planetarium, entdecken wir besondere Dinge, auch in den Verwerfungen der menschlichen Psyche.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Sa 19., So 20., Sa 26., So 27.1., 18 Uhr, 26 – 42 €

Antonin Artaud: Das Theater und sein Double Verlag Matthes & Seitz, 286 Seiten, 22 €

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