Interview

Frank Castorf über seine Victor-Hugo-Adaption „Les Misérables“

„Das erinnert an amerikanische Fernsehserien“ – Nach seinem Ende an der Volksbühne inszeniert Frank Castorf mit der Adaption von Victor Hugos „Les Misérables“ sein erstes Stück am Berliner Ensemble. Wir sprachen mit dem Theaterregisseur über die Hugo-Rezeption, Märchen, Kitsch, soziale Verdammnis und die neue Volksbühne

Les Miserables, Berliner Ensemble (Regie Frank Castorf), Foto: Matthias Horn

tip Herr Castorf, Sie bleiben mit Victor Hugos Roman „Les Misérables“ Ihrer Liebe zum Trash und dicken Romanen aus dem 19.Jahrhundert treu. 1862, im Erscheinungsjahr des Romans, notieren die Brüder Goncourt in ihrem Tagebuch, es wäre „amüsant“, dass Hugo 200.000 Francs damit verdient „dass man das Elend der unteren Volksschichten bemitleidet“. Zynisch, oder?
Frank Castorf Man kann offenbar gutes Geld damit verdienen, das Elend zu beschreiben und journalistisch oder in Hollywood zu verwerten. Trotzdem kann dieser Blick aufklärerisch sein. Nicht über die Armen zu schreiben, würde auch nicht helfen. Das hat mich interessiert. Fast zur gleichen Zeit verfasst Balzac seine bissigen Gesellschaftsromane, von denen Marx sagt, niemand beschreibe den Zustand der französischen Gesellschaft besser als er. Er schreibt so viel wie kein anderer, um all die Seide, die Schulden und die Liebe zu bezahlen. Victor Hugo schreibt seinen Roman im Exil auf einer kleinen britischen Atlantik-Insel. Gleichzeitig protokolliert er eine Liebesliste, er notiert, wann er eine Brust anfassen konnte und wann er Geschlechtsverkehr vollzogen hat. Er wird vom extremen Monarchisten zum Sympathisanten früher Sozialisten wie Blanqui, jemand, der die so-zialen Widersprüche wahrnimmt. Hugo schreibt über die Aufstände der Polen gegen die russische Herrschaft oder der Mexikaner gegen die Fremdherrschaft der Franzosen. Er sagt, die Guerilla wird vielleicht irgendwann dieser wohlorganisierten Armee unterliegen, aber dann übernehmen die Landschaften den Krieg. Das tropische Klima wird die Feinde der Freiheit vernichten. Da denkt man an Heiner Müllers „Der Auftrag“. Das sind so Sprünge ins Surreale bei Hugo. Die Surrealisten sahen in ihm einen Verwandten, „Victor Hugo ist ein Verrückter, der sich für Victor Hugo hält“, schreibt André Breton.

tip Heute verachtet die Hochkultur den Roman als trivial, grell, Edeltrash. Aber ein düsterer, hellsichtiger Avantgardist wie Baudelaire feiert „Les Misérables“ im Erscheinungsjahr, bewundert Hugo als Lyriker.
Frank Castorf Der Roman hat etwas von einem endlosen Gedicht in vielen Schichten, man muss sich die einzelnen Brocken rausnehmen. Die Aufstände und die Regierungen nach Napoleon wechseln in rasanter Geschwindigkeit. Vargas Llosa nennt Hugo einen „Ozean“, einen „göttlichen Stenografen“, und da ist was dran. Ich bin von Dostojewski geprägt, da taucht der Erzähler nur manchmal kurz und ironisch auf. Er ist nie ein Wegweiser durch das Dickicht des Romans, kein gottgleicher Erzähler, der alles weiß und erklärt. Hugo erklärt dauernd, ein Besserwisser, der immer wieder seine Figuren mit endlosen Exkursen unterbricht, um sein eigenes Denken vorzuführen. Dieser Besserwisser ist natürlich ein genialer Regisseur. Man hört immer seine Stimme, das ist der Unterschied zu Dostojewski.

tip Deshalb hat ihm Flaubert ja auch vorgeworfen, sein Roman zeige keine richtigen Menschen und lebendige Charaktere.
Frank Castorf Das sind Märchenfiguren, das erinnert an amerikanische Fernsehserien, melodramatisch und mit lauter ausgedachten Konstruktionen. Das gefällt uns wahrscheinlich so an den Fernsehserien, man behält die Übersicht, die wir ja im realen Leben längst verloren haben. Hugo ist ein genialer Vertreter des Serien-Formats, die Kapitel-Überschriften könnten gut bei Tarantino auftauchen. Auch die weitgespannte Dramaturgie mit Rückblicken über Jahrzehnte passt zu den besseren HBO-Serien. Die Menschen sind das pure Böse oder das pure Gute, wie der Bischof Myriel, der aus dem hasserfüllten früheren Sträfling Jean Valjean einen guten Mensch macht und ihm alles Silber schenkt, um sein Seele zu retten. Das ist ein faustischer Pakt, der Ausgangspunkt des ganzen Romans. Es sind keine Charaktere im Sinne der Alltagspsychologie, das sind Archetypen wie im Märchen. Auch die Liebe Cosettes zu Marius hat etwas von einem Märchen. Man sieht einmal als Höhepunkt der Erotik ihr heruntergerutschtes Knieband, das ist alles; ein Kuss auf die Stirn wird vage angedeutet. Der Gegensatz ist Fantine, Cosettes Mutter, die sich aus Armut prostituieren muss. Jemand wie der Polizist Javert, der vielleicht der widersprüchlichste Charakter ist, kämpft mit einer großen Klarheit für die Übersichtlichkeit in der Gesellschaft, das Gegenteil eines Zynikers. Das sind eigentlich sehr einfache Figuren, man denkt an Grimms Märchen.

Frank Castorf, Foto: Imago/Lichtgut

tip Märchen handeln vom realen Schrecken. Hugo nennt den Schrecken, von dem sein Roman erzählt, im programmatischen Vorwort die „soziale Verdammnis“, den „sozialen Erstickungstod“.
Frank Castorf Dieser Schrecken ist überformt durch die Naivität, die der Roman auch hat. Die Naivität macht wahrscheinlich den Erfolg aus, weil jeder etwas darin finden kann, was ihm entspricht. Es hat auch etwas von Stadtarchäologie. Im Exil in England schreibt Hugo über das Paris der 1830er Jahre, das es nicht mehr gibt. Sein Roman ist auch ein Erinnerungshotel. Das neue Paris, das Paris Baron Haussmanns, hat so breite Straßen, dass Aufständische nicht mehr mit Barrikaden ganze Armee-Züge aufhalten können. Das alte Paris hat etwas mittelalterliches, 1832 sterben 45.000 Menschen in wenigen Tagen an der Cholera. Kurz davor ist der Aufstand der Seidenweber in Lyon, das sind erste Kämpfe der Arbeiterbewegung, die Trikolore wird durch die rote Fahne ersetzt. Der Roman zeigt eine Stadtlandschaft. Die Flucht durch die Kanalisation dauert wenige Seiten, davor schreibt Hugo mehr als 20 Seiten über die Kloaken, das Kanalsystem von Paris, und denkt darüber nach, wie sich die Scheiße als Dünger vermarkten lassen könnte.

tip Aus Scheiße Gold machen ist ein schönes Bild dafür, wie der Kulturbetrieb, bis hin zum „Misérables“-Musical, das harte soziale Elend, echte Not, als Kitsch vermarktet. Davon lässt sich der Bürger gerne rühren.
Frank Castorf Und heute stellen Theaterregisseure Flüchtlinge auf die Bühne und bekommen dafür Beifall. Das ist nichts anderes. Rimbaud schreibt bissige Satiren über den Zustand, den wir heute erleben, nämlich die Demokratie. Alles ist zu verkaufen. Sicher ist es auch ein historischer Fortschritt, dass wir heute mit gruseligem Schauder wahrnehmen, dass es uns besser geht als den Unterschichtfiguren bei Hugo oder Balzac, jedenfalls in den reichen Ländern. Dieser wohlige Schauder gehört zur Erfolgsgeschichte des Romans.

tip Letzte Frage: Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute an der Volksbühne vorbeikommen?
Frank Castorf Och, mir geht‘s gut. Ich arbeite gerne. Ich freue mich, wenn ich die Schauspieler bei den Proben sehe. Wenn ich in der S-Bahn an der Volksbühne vorbeikomme, schaue ich eher schnell weg, das ist jetzt ja ein trauriger Anblick.

Les Misérables Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Eintritt 13–42 €

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